MÜNCHEN (BLK) – Im April 2009 ist bei Arkana der Schicksalsbericht „Grausam“ von Vanessa Steel erschienen.
Klappentext: Vanessa Steel war seit ihrer Geburt der Grausamkeit ihrer Mutter ausgesetzt. Sie wurde beschimpft, geschlagen und wegen minimaler Verfehlungen stundenlang in einem Schrank eingesperrt. Die Misshandlungen steigerten sich zu groben Verletzungen, Folter und extremer Entwürdigung. So musste das kleine Mädchen im Schweinestall schlafen und wurde teilweise wie ein Tier gehalten. All das unter dem Vorwand, sie sei ein böses, von Gott ungeliebtes Mädchen, das nur durch gerechte Strafe auf den Weg der Besserung geführt werden könne. Als ob dies nicht genug Leid wäre, begann Vanessas Großvater sie im Alter von 6 Jahren zu missbrauchen – mit Billigung der Mutter und Großmutter. Seit dieser Zeit meldeten sich „Geisterstimmen“, die Vanessa trösteten und sie seelisch unterstützten. Dies ist die Geschichte einer außergewöhnlich tapferen Frau, die die Dämonen ihrer Vergangenheit am Ende besiegen, ihrer Mutter verzeihen und mit ihrer Familie ein gutes Leben aufbauen konnte. Ein aufwühlendes Buch, das zugleich unglaublich tröstlich ist.
Vanessa Steel, geboren 1950, wurde während ihrer Kindheit und Jugend von ihrer Mutter seelisch wie körperlich misshandelt. Bereits im Alter von 6 Jahren begannen sich mediale Fähigkeiten zu entwickeln, die ihr bei der Bewältigung ihrer Extremsituationen halfen. Heute ist Vanessa Steel in zweiter Ehe glücklich verheiratet und hat drei Kinder. Sie lebt im Südwesten Englands und hat schon vielen Menschen durch die Kraft ihrer Persönlichkeit und mit ihren medialen Fähigkeiten geholfen. (köh)
Leseprobe:
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Prolog
Ich drehte den Schlüssel in Mamas Schloss und wollte die Haustür öffnen, doch sie ging nicht auf. Es war etwas dahintergeklemmt, das sie blockierte. Auch als ich etwas fester drückte, konnte ich nichts ausrichten. Was machte sie da nur schon wieder? Wollte sie mich aussperren? Ich warf einen Blick durch den Briefschlitz und sah ein Bein, das in einem beigefarbenen Strumpf steckte – ihr Bein. „Mama!“ rief ich. „Mama, ist alles in Ordnung?“ Dumme Frage. Natürlich war nichts in Ordnung. Ich begann zu schreien, so laut ich konnte: „Hilfe! Bitte helfen Sie mir!“ Die Dame von nebenan kam aus dem Haus geeilt, um zu sehen, was passiert war. Ich stotterte vor Schreck, als ich den Rettungswagen rief und dann der weiblichen Stimme am Telefon erklärte, dass wir wohl auch die Feuerwehr benötigen würden, um die Tür aufzubrechen. Während wir auf Hilfe warteten, setzte ich mich auf die Treppe und redete immer wieder durch den Spalt in der Tür mit Mama, aber ich bekam keine Antwort. Konnte das, was ich da hörte, ihr Atem sein? Ich war mir nicht sicher. Mein Herz schlug wie verrückt, und mir schossen so viele Gedanken durch den Kopf, dass mir schwindelig wurde. Nein, sie darf nicht sterben. Bitte lass sie nicht sterben! Ich machte mir Vorwürfe, weil ich nicht da war, als sie mich gebraucht hatte – obwohl ich jeden Tag zu ihr ging, um die Wäsche zu waschen und um zu putzen. „Halt durch, Mama“, flüsterte ich durch die Tür. „Du kannst es schaffen. Ich weiß, dass du es schaffen kannst.“ Ich vernahm ein tiefes, deutliches Stöhnen, und Tränen schossen mir in die Augen. Sie war am Leben.
Einem der Rettungsmänner gelang es, seinen Arm durch den Briefschlitz zu schieben und Mama so zu drehen, dass sie ins Haus gelangen konnten, ohne die Tür aufbrechen zu müssen. Sie gaben ihr Sauerstoff, und sie kam wieder zu sich, war aber immer noch benommen. Ich stand müßig herum, hatte einen dicken Kloß im Hals und war von Traurigkeit überwältigt. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass es Zeit war, mich meinen zahlreichen dunklen Kindheitserinnerungen zu stellen, die ich seit Jahrzehnten verdrängte. Die Frau, die da verknittert auf dem Boden lag und um jeden Atemzug rang, hatte mir als Kind das Leben zur Hölle gemacht. Nun wusste ich, dass ich noch nicht bereit war für ihren Tod, denn solange sie lebte, konnte ich ihr vielleicht noch die Antworten auf jene Fragen entlocken, die mich mein Leben lang gequält hatten. Was hatte ich getan? Weshalb hatte sie mich so sehr gehasst und mir so viel Schlimmes angetan? Erinnerte sie sich noch daran, wie oft sie mich beinahe umgebracht hätte? Weshalb hatte sie zugelassen, dass ich grausam missbraucht wurde? Warum hatten mich weder Papa noch andere Familienmitglieder vor ihr beschützt? Wieso fühlte ich mich immer noch für sie verantwortlich und sehnte mich trotz allem, was sie mir angetan hatte, nach ein klein wenig Zuneigung von ihr? Als die Sanitäter meine Mutter in den Rettungswagen hoben, wusste ich, dass mir nicht viel Zeit bleiben würde, um die Antworten zu finden. Welches Verbrechen hatte ich begangen? Warum hatte sie mich vom Tag meiner Geburt an unablässig aufs Strengste böswillig und grausam bestraft?
Kapitel 1
Muriel Pittam war nicht zur Hausfrau und Mutter geschaffen. Sie war die zweitältesteTochter von Charles und Elsie Pittam, und den Fotos in den Familienalben nach zu urteilen war sie viel hübscher als ihre drei Schwestern. Ihre Art, in die Kamera zu blicken, verrät dem Betrachter sofort, dass sie weiß, wie niedlich sie ist, und ihn auffordert, dies ebenfalls anzuerkennen. Die Pittams waren nicht reich – Opa Pittam reparierte Wand- und Armbanduhren. Aber die Bilder der kleinen Muriel in ihren hübschen Kleidchen und Ballettröckchen zeigen ganz deutlich, dass es ihr an nichts fehlte. Mit Mitte zwanzig war Muriel Pittam von umwerfender Schönheit – und sie war sich dessen durchaus bewusst. Die Fotos im Familienalbum zeigen sie als junge, glamouröse Blondine. Auf einem davon lehnt sie in einem engen Kostüm an einem Tor. Ein Gürtel betont ihre Taille, und mit ihren hohen Schuhen muss sie weit über 1,80 Meter groß gewesen sein. Auf einem anderen Bild trägt sie ein elegantes Blumenkleid mit engem Oberteil und ausgestelltem Rock. Es gibt sogar ein Foto, auf dem sie im Bikini wie eine Meerjungfrau auf einem Felsen posiert. Da der zweiteilige Badeanzug erst 1947, ein Jahr nach den Atombombentests auf dem Bikini-Atoll im Pazifik, erfunden wurde, musste es eines der ersten Modelle auf dem Markt gewesen sein. Als ich noch ein Kind war, sprach Mama oft von den ruhmreichen Tagen ihrer Jugend, in der sie als Schneiderin und Teilzeitmodel gearbeitet hatte. „Früher habe ich Ballkleider genäht. Kostüme, Tageskleider, Mäntel, Hochzeitskleider – alles handgemacht“, sagte sie dann. „Ich habe in Birmingham bei Isabel’s gearbeitet, wo die schicken Damen hingingen. Die Frau des Chefs von Woolworth kaufte dort ein. Und die Frau von Arthur Askey. Außerdem habe ich als Model gearbeitet. Ich hatte die perfekte Figur“, prahlte sie. „1,80 Meter groß und 58 Zentimeter Taille. Meine Haut war makellos, und die Fotografen haben oft gesagt, ich hätte das schönste Profil, das sie je gesehen hätten. Sogar im Daily Mirror waren Fotos von mir, auf denen ich Hüte vorführe.“ Jung und umwerfend wie sie war, fiel es Muriel Pittam nicht schwer, die Männer anzulocken. Auch später prahlte sie noch oft damit, wie viele Verehrer sie gehabt und wie viele Heiratsanträge sie erhalten hatte. Ich zweifle nicht daran, dass jedes Wort davon stimmte. Schließlich bekam ich mit, wie sie mit allen Männern flirtete, die ihren Weg kreuzten – vom Klempner bis zu ihren Schwagern. Offenbar besaß sie das Talent, Männer mit einer Drehung ihrer schlanken Hüften und einem schüchternen Lächeln um den Finger zu wickeln. Als ihr Blick auf den jungen und unerfahrenen Derrick Casey fiel, nun ja, da hatte er keine Chance. Mein Vater war mit einem Mädchen namens Margery Wyatt verlobt, als seine große Schwester Audrey eines Tages Ihre Freundin Muriel aus dem Tennisklub zum Tee mit nach Hause brachte. Die Caseys besaßen eine sehr erfolgreiche Galvanisierungsfabrik in Birmingham, und Derrick verdiente schon recht ordentlich. Muriel muss ihn wohl für eine gute Partie gehalten haben. Das imposante Haus der Caseys stand auf einem mehrere Morgen großen Grundstück; ein Gärtner und eine Haushälterin halfen dabei, es zu führen. Thomas Casey war ein prominentes Mitglied der örtlichen Konservativen Partei, spielte eine bedeutende Rolle in der anglikanischen Kirchengemeinde und verfügte über gute Kontakte. Die Pittams dagegen lebten in einem Reihenhaus in einem Arbeiterviertel und nahmen kaum am gesellschaftlichen Leben teil. Es war offensichtlich, dass Muriel in Derrick ihre Chance sah, das Schneiderinnendasein hinter sich zu lassen und ein angenehmes, respektables Leben in der oberen Mittelklasse zu führen. Und so machte sie sich mit ihrer Intelligenz, ihren Tricks und ihren körperlichen Reizen daran, sein Herz zu erobern. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Männer in Papas Alter eingezogen und mussten an die Front. Derrick blieb verschont, weil beim Kricket seine linke Kniescheibe zertrümmert worden war. Er hinkte und konnte das linke Bein nicht mehr ganz durchstrecken. Trotzdem war er ein begeisterter Sportler, der Golf, Kricket und Billard spielte. Er las viel, mit besonderer Vorliebe Shakespeare und Gedichte. Auf den Fotos von früher sieht er unerträglich jung aus, mit runden Backen, dunklen Augen und vollem Haar, obwohl er auch damals schon auf jeder Aufnahme Hemd und Krawatte trägt. Er ist ein Mann, den jedes Mädchen gerne voller Stolz ihren Eltern vorgestellt hätte: aufrecht und respektabel, mit einem freundlichen Gesicht, ohne im klassischen Sinne gut auszusehen. Muriels Mannequinschönheit muss ihm vollkommen den Kopf verdreht haben. Es dauerte nur wenige Wochen, bis er die Verlobung mit Margery löste und stattdessen Muriel bat, ihn zu heiraten. Ohne zu zögern, nahm sie seinen Antrag an. Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren Mamas Verlobungsring bewunderte – einen in Weißgold gefassten und von winzigen Diamanten umgebenen quadratischen Saphir. Ich fragte, ob ich ihn anprobieren dürfe, worauf sie schnippisch entgegnete: „Nein, darfst du nicht. Ich habe hart genug dafür arbeiten müssen; er gehört mir ganz allein.“ Wer weiß, wie sich Muriel einst gegeben hat, um den jungen Derrick Casey zu bezaubern? Die Aufnahmen aus ihrer Zeit als Fotomodell, die sie sorgfältig hinten in unseren Alben aufbewahrte, zeigen eine schöne, stolze Frau, deren gemeißelten Züge perfekt zu den kleinen, mit Federn geschmückten Pillbox-Hüten, den wagenradgroßen Strohhüten oder den klassischen schwarzen Kappen passen. Sie ist schlank wie eine Gazelle, wirkt aber trotz ihrer Schönheit und Eleganz hart. Sie würde sich nicht so schnell etwas gefallen lassen. Gewiss war Muriel vor der Hochzeit die Liebenswürdigkeit in Person, und ich habe den Verdacht, dass sie in dieser Zeit noch dazu die Rolle der wohlerzogenen Christin und Kirchgängerin spielte. Die Pittams waren nicht religiös, die Caseys dagegen überzeugte Christen. Wenn Muriel als Mitglied der Familie akzeptiert und Derricks Zuneigung gewinnen wollte, musste sie den Eindruck erwecken, zur richtigen Sorte Mädchen zu gehören. Er war streng gläubig und half oft bei Kirchenfesten und Wohltätigkeitsveranstaltungen mit. Zweifellos gab auch sie sich anfangs fromm, nachdem sie aber in den sicheren Hafen der Ehe eingelaufen war, verzichtete sie auf die institutionalisierte Religion. Von diesem Tag an machte sie ihre ganz persönliche Gottesvorstellung zu einer schrecklichen Waffe in ihrem bestens ausgestatteten Arsenal. Muriel und Derrick heirateten im Jahr 1941. Die Hochzeitsaufnahmen wurden im Fotostudio gemacht. Mama hatte das Haar hochgesteckt und trug ein bodenlanges Kleid aus schimmerndem Satin. Sie lächelt auf keinem der Bilder, aber in ihren Augen ist ein triumphierendes Glitzern zu erkennen. Sie hatte nicht nur reich geheiratet, sondern die Caseys hatten darüber hinaus auch hervorragende gesellschaftliche Verbindungen. Nun konnte sie aufhören zu arbeiten, als Mrs Derrick Casey ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen und sich auf den Bällen und Veranstaltungen präsentieren, zu denen sie geladen wurden. Die Fotos zeigen, auf welche Art sie die Früchte ihrer Ehe genießt: Sie trägt jedes Kleid nur ein einziges Mal, und dabei sind die Alben voll von Fotos meiner Eltern auf Partys und in Gesellschaft, beim Entspannen am Strand oder vor Papas brandneuem Ford. Dank ihrer Erfahrung als Fotomodell ist sich Muriel der Kamera stets bewusst. Sie posiert meistens mit zurückgeworfenem Haar und geschürzten Lippen. Die beiden sehen genau so aus, wie man sich ein glamouröses Paar vorstellt – jung, attraktiv, wohlhabend und verliebt.
1949 hatte es den Anschein, als sei Muriels Erfolg perfekt. Sie war mit einem Baby gesegnet, meinem Bruder Nigel. Mit seinem weißblonden Haar und seinem schüchternen Lächeln sieht er auf den Familienfotos wie ein kleiner Engel aus. Er sitzt auf Mamas Knie, und sie lächelt ihn an. Dabei wirkt sie entspannt. Spätere
Aufnahmen bieten ein völlig anderes Bild: Sie hält ein molliges, mürrisches und rotbackiges Baby im Arm, das sie keines Blickes würdigt. Unverhohlene Abscheu spiegelt sich auf ihrem Gesicht. Sie wirkt wie einer jener Menschen, die Kinder im Grunde nicht ausstehen können, aber gerade versuchen, ihren Unmut zu verbergen, weil man ihnen eines auf den Schoß gedrückt hat. Sie ist wütend und gelangweilt, ihre Lippen sind zu zwei schmalen Strichen zusammengepresst. Das Baby, das sie in den Armen hält, bin ich. Ich wurde im Jahr 1950 geboren, ein Jahr nach meinem Bruder, und offenbar war meine Mutter von Anfang an wütend auf mich. Auf sämtlichen Babyfotos blicke ich nervös und unglücklich drein, sogar auf den ersten. Ich lächle fast nie – und wenn doch, dann nur, wenn mich Oma Casey, Papas Mutter, herzt. Ich blicke argwöhnisch drein, als fühlte ich mich unwohl, und oft hat es den Anschein, als würde ich jeden Moment in Tränen ausbrechen. Was hat mich zu diesem Kind gemacht? Ich weiß noch, dass Mama sagte: „Du hast ständig geschrien. Nichts, was ich für dich getan habe, war dir recht.“
Jede junge Mutter, die kurz nacheinander zwei Kinder bekommt, ist gestresst und vielleicht sogar wütend. Mama behauptete, sie hätte wegen zweier zappelnder, schreiender Babys ihren Traum von einer Karriere als Topmodel aufgegeben. Über Nacht kam ihr einst so schillerndes, blühendes Sozialleben zum Stillstand. Die beiden kleinen Kinder brauchten einen Babysitter – und die unbeschwerten Abende, an denen sie mit Freunden tanzen und trinken konnte, waren vorüber. Plötzlich bestand ihr ganzes Leben nur noch aus dem Alltag zu Hause mit uns. Vermutlich kam es ihr so vor, als hätte sie den Kürzeren gezogen. Andererseits machen Tausende von jungen Müttern, die sich an ihr neues Leben als Hausfrau und Mutter gewöhnen müssen, die gleiche Erfahrung. Aber dennoch werden sie nicht wie meine Mutter, und ihre Kinder müssen nicht solche Dinge erdulden, wie sie mir von ihr zugefügt wurden – von der Frau, die mich angeblich mehr liebte als alles andere auf der Welt. Irgendetwas in meiner Mutter war so bitter, so voller Groll, dass sie sich in eine bösartige Person wandelte. Mir ist klar, dass das ein starkes Wort ist, aber ich weiß nicht, wie ich ihr Verhalten sonst bezeichnen sollte. Warnsignale dafür gab es schon zu Anfang, als Nigel und ich noch sehr klein waren. Meine erste schwere Verletzung zog ich mir mit achtzehn Monaten zu. Mama hatte mich aufs Bett gelegt, aber ich war heruntergerollt, auf den Boden gefallen und hatte mir das Bein gebrochen. Ich weiß nicht, was damals wirklich geschehen ist. Aber ich erinnere mich an unser Haus. Die Schlafzimmer waren mit dicken Teppichen ausgelegt und die Betten nicht besonders hoch. Ich war ein molliges, gut gepolstertes kleines Ding. Sollte der Fall von einem niedrigen Bett auf einen weichen Teppich tatsächlich genügen, dass ich mir das Bein brach? Ich werde die Wahrheit niemals erfahren, denn Zeugen gab es nicht. Für einen anderen Vorfall gab es sehr wohl eine Zeugin. Tante Audrey erzählte mir, eines Abends hätte sie einen Blick ins Schlafzimmer geworfen. Damals sei Nigel gerade mal ein Jahr gewesen, und sie habe gesehen, wie Mama ein Kissen auf sein Gesicht gedrückt und er sich darunter gewunden und um sich geschlagen habe. „Muriel, was in aller Welt tust du da?“, rief sie sofort und eilte herbei, um das Kissen wegzuziehen. Mama sah sie durchdringend an. „Manchmal kann ich ihn eben nur so zum Schweigen bringen „, erwiderte sie. „Du weißt, dass ich es nicht ertragen kann, wenn sie schreien.“ „Aber er ist doch noch ein Baby! Du hättest ihn umbringen können!“ Audrey erklärte, Nigel habe sehr flach geatmet und seine Lippen seien schon ein wenig blau gewesen. Aber Muriel habe nur mit den Schultern gezuckt und die ganze Sache offenbar nicht weiter ernst genommen. Es versteht sich von selbst, dass Audrey von jenem Tag an darauf bedacht war, keines ihrer eigenen Kinder je mit Mama allein zu lassen. Diese Dinge geschahen, ehe ich alt genug war, um mich bewusst daran erinnern zu können. Aber im Alter von ungefähr zwei Jahren, als meine Erinnerung einsetzt, begann der Albtraum.
Kapitel 2
Ich war ein sehr ängstliches Kind. Fremden gegenüber verhielt ich mich stets schüchtern, außerdem verkroch ich mich gern in meine Lieblingsverstecke hinter dem Sofa oder hinter Papas Schuppen im Garten. Ich nahm meinen gelben Teddybären Scruffy oder meine Stoffpuppe Rosie mit, um dann außer Sichtweite der Erwachsenen stundenlang dazusitzen und die beiden im Arm zu halten. Es heißt, ich hätte erst sehr spät angefangen zu sprechen. Angeblich war ich mit zwei Jahren noch fast stumm, und auch mit drei brachte ich nur ein paar unzusammenhängende Sätze heraus, so dass Mama und Papa sich allmählich Sorgen machten, ich könnte zurückgeblieben sein. Auch die Reinlichkeitserziehung war traumatisch. Sobald ich die geringste Aufregung oder gar Angst verspürte, kam es zu Missgeschicken, was Mama stets in Rage versetzte. Wenn ich zur Toilette musste, hatte ich sie zuerst um Erlaubnis zu fragen, die sie allerdings nicht immer sofort gewährte. Sie behauptete, mich damit bessere Selbstkontrolle lehren zu wollen. Wenn ich sie bat, zur Toilette gehen zu dürfen, kam es manchmal vor, dass ich in der Küche in die Hocke gehen musste. Dann saß ich mit meiner zum Bersten gefüllten Blase da, meine Wangen fingen an zu glühen, und ich ballte meine Händ zu Fäusten, so sehr bemühte ich mich, es zurückzuhalten. Und irgendwann spürte ich, wie sich ein warmer Urinschwall in meine Unterhose ergoss, roch den Ammoniak und sah die kleine Pfütze auf dem Linoleumboden. Mama wurde wütend und begann herumzuschreien, und ich wusste nicht recht, was ich eigentlich angestellt hatte. Mein großer Bruder Nigel war meine große Liebe. Er war viel mutiger als ich, und wenn wir zusammen spielten, war er stets der Anführer. Er war freundlich und liebevoll, aber wenn man ihn reizte, konnte er schon mal die Geduld verlieren. Er ließ seine Wut nie an mir aus, aber bei Ungerechtigkeiten aller Art sah er manchmal rot. Das, was mir Angst machte, fürchtete er nicht – zum Beispiel Hunde, laute Motorräder oder Vertreter, die an die Tür kamen. Angesichts fremder Menschen versteckte ich mich hinter Mamas Rockschößen und hoffte, dass mich niemand sah, während Nigel seinen Mann stand und die Leute gerne fragte: „Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“ Eine extreme Schüchternheit erwächst aus dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, und aus der Angst, die anderen könnten es merken. Als Kleinkind fühlte ich mich oft so. Nigel und ich waren Einzelgänger, die einander Gesellschaft leisteten. Ich weiß noch, dass ein paar Häuser weiter Zwillinge wohnten, die ungefähr in unserem Alter waren, mit denen wir aber niemals spielen durften. Nigel und ich spielten gern König und Königin und herrschten im Garten über unsere Untertanen – in meinem Fall waren das Scruffy und Rosie, bei Nigel seine Sammlung von Holzsoldaten. Im Haus bauten wir kleine Dörfer mit Häusern und Autos aus Bayko – einem Modellbausystem, das aus Bausteinen und Verbindungsstreben bestand. Wir stritten nur selten. Einmal schubste ich Nigel vom Dreirad, weil er mich nicht mitnehmen wollte, aber das war eine Ausnahme. Wenn wir groß sein würden, wollten wir heiraten und in unserem eigenen Häuschen glücklich und zufrieden für immer zusammenleben. Unter der Woche sahen wir Papa nur selten. Ich nehme an, er kam erst aus der Arbeit, wenn wir schon im Bett waren – und ich vermute, dass er manchmal ganz ausblieb. Am Wochenende war er viel unterwegs und brachte zumindest einen Teil seiner Zeit damit zu, Kricket oder Golf zu spielen. Doch wenn er zu Hause war, durfte ich Papas kleines Mädchen sein. Er nannte mich Lady Jane (Nigel war sein Little Boy Blue) und trug mich im Garten auf den Schultern herum. Es war uns nicht erlaubt, im Vorgarten zu spielen – Mama mochte das nicht –, aber wenn Papa hinten im Garten arbeitete, liefen wir beim Rasenmähen hinter ihm her und überredeten ihn dazu, uns zu fangen oder Versteck mit uns zu spielen. Er war ein meisterhafter Stimmenimitator, und oft versuchten wir zu erraten, wen er gerade nachmachte. Das konnte Mickymaus oder die kleine Blume aus Bill and Ben sein oder eine andere Zeichentrickfigur. Auch Tierstimmen gelangen ihm gut, z. B. wenn er seine Version von „Old MacDonald“ zum Besten gab, außerdem konnte er sehr gut pfeifen. Wenn ich mich recht entsinne, war seine Lieblingsmelodie „An der schönen blauen Donau“. Wir wohnten in 39 Bentley Road, einem geräumigen Reihenhaus mit Erkerfenstern und großem Garten in einem grünen Mittelklasseviertel von Birmingham. Mein Vater kümmerte sich um den Garten, Mama hatte das Sagen im Haus, das sie makellos sauber hielt. Sie fing den Staub, noch während er fiel, und sie nahm vorsichtig die Porzellanfigurinen hübscher Frauen mit ausgefallenen Hüten von den Regalen und Tischen, um die Flächen darunter blitzblank zu wischen. Im vorderen Teil des Hauses befand sich das makellose Esszimmer, dessen Erkerfenster auf die Straße hinausführten. Nigel und ich durften es nur selten betreten, aber ich erinnere mich daran, dass im Erker ein von zwei Stühlen flankierter Klapptisch stand und an der Wand ein großes Jesusbild mit leuchtendem Heiligenschein hing. Im Laufe der Zeit sollte ich lernen, diesen Raum zu fürchten – und das, was dort vor sich ging, wenn sich Mama darin einsperrte. Im ersten Stock befanden sich drei Schlafzimmer und das Bad. Mein Zimmer war in mancher Hinsicht der Traum eines jeden kleinen Mädchens. Die Vorhänge und die Tagesdecke waren aus einem wunderschönen Stoff gemacht, bedruckt mit winzigen Rosenknospen in Rosa und Rot, die von schwungvollen grünen Ranken und Blättern umgeben waren. Das Motiv war außerordentlich detailgenau, ich habe das verschnörkelte Muster bis heute im Kopf. Die Flanellbezüge waren rosa, ebenso die Lampe auf dem Nachttisch, und die Erkerfenster hatten kleine, quadratische Scheiben. Wehe ich hinterließ einen Fingerabdruck auf dem Glas! Schon früh lernte ich, dass es ein großer Fehler war, die Scheiben zu berühren, wenn ich auf die Straße hinunterschaute. Ein Fremder hätte den Raum wohl eher für ein selten genutztes Gästezimmer als für das Reich eines kleinen Mädchens gehalten, da weder Puppen noch Spielzeug oder Bilder, Bücher oder Teddybären zu sehen waren. Ich durfte weder Scruffy noch Rosie mit ins Bett nehmen. Mama zufolge waren Schlafzimmer nicht zum Spielen da, und bis auf die von ihr genehmigten Abstecher ins Badezimmer waren alle Räume im ersten Stock tagsüber tabu. Im hinteren Teil des Erdgeschosses lag das Wohnzimmer mit seinem offenen, marmorgefliesten Kamin und großen Terrassenfenstern, durch die man in den Garten sehen konnte. Das Zimmer hatte eine gestreifte Tapete, einen gemusterten Teppich und ein braunes, ledernes Chesterfieldsofa mit passenden Sesseln. In den frühen 50er-Jahren war das ausgesprochen modern. Spielsachen lagen weder hier noch sonst irgendwo im Haus herum. Nigel und ich hatten nur wenig Spielzeug, das ordentlich in der Truhe im Wohnzimmer verstaut sein musste, wenn wir eine Beschlagnahmung verhindern wollten.
Bis ich in die Schule kam, vergötterte ich meine wunderschöne, glamouröse Mutter. Mit ihrer perfekten Frisur, ihren roten Lippen, ihren von Rouge geröteten Wangen, ihren langen, lackierten Nägeln und ihren modischen Kleidern war sie für mich die umwerfendste Frau der Welt. Außerdem war sie stets von einer Wolke Maiglöckchenduft umgeben. Ich liebte es, ihr zuzusehen, wenn sie die Nähte ihrer Strümpfe geraderückte oder den Lippenstift auffrischte, den sie auch zu Hause immer auflegte, obwohl nur wir Kinder da waren. „Mami hübsch“ waren die ersten Worte, die ich sprechen konnte. Andererseits war mir schon von Anfang an klar, dass ich nicht nach ihr geriet. „Was bist du nur für ein hässliches Kind“, sagte Mama oft zu mir und kniff mich in die Backen. „Es gibt nicht genügend Make-up, um diese hässliche Visage zu kaschieren. Da kann man einfach nichts machen.“ Mit der Zeit war ich geradezu besessen von dem Wunsch, hübsch zu sein. Ich dachte, wenn ich hübsch wäre, würde Mami mich lieben und wäre nicht mehr ständig böse auf mich. Ich sah in den Spiegel und versuchte geistig zu erzwingen, dass ein anderes Gesicht zurückstarrte. Aber es gelang mir nicht. Mit drei Jahren sah ich eines Tages Mamas Rougetiegel im Badezimmer herumliegen. Es gelang mir, den Deckel zu öffnen und etwas davon auf meine Wangen zu tupfen. Dann blickte ich in den Spiegel, und weil mir gefiel, was ich da sah, lief ich aufgeregt nach unten, um es ihr zu zeigen. „Schau mal, Mami, ich bin hübsch!“ „Was bildest du dir ein?“, schrie sie wütend, packte mich am Arm und rubbelte mir die Backen fest mit einem Geschirrtuch ab. „Wie kannst du es wagen, mein Make-up anzufassen!“ Entsetzt stand ich da. Ich hatte wirklich geglaubt, dass Mami sich freuen würde. Wie hatte ich mich nur so täuschen können? „Ich werde dich lehren, die Finger von Dingen zu lassen, die dir nicht gehören.“ Ich schrie auf, als sie mich am Schopf packte und an den Haaren durch den Flur zum Schrank unter der Treppe schleifte, wo der Staubsauger und die Putzutensilien aufbewahrt wurden. Die Wand des Schrankes war schräg, eine Seite war voller Regale mit Gläsern, Dosen und Flaschen und diente als eine Art Vorratskammer. Die Tür ließ sich von außen verriegeln. Eine Beleuchtung gab es nicht. „In der Ecke ist ein Spinnennetz“, erklärte mir Mama. „Ich werde dich jetzt eine Weile hier einsperren, damit du nicht noch mehr Dummheiten machst. Du solltest besser mucksmäuschenstill sein, sonst kommen die Spinnen und fressen dich.“ Mit diesen Worten stieß sie mich in den Schrank, schlug die Tür zu und verriegelte sie. In der muffigen Dunkelheit war nur ein schmaler Lichtstreifen zu erkennen, der die Tür umlief. Ich unterdrückte meine Schluchzer, zitterte vor Angst und spürte die vertraute Nässe zwischen meinen Beinen, als ich in die Hose machte. Ich wagte es nicht, mich hinzusetzen, die Hände nach der Wand auszustrecken oder sonst irgendeine Bewegung oder ein Geräusch zu machen. Ich konnte kaum atmen. Ich dachte wirklich, die Spinnen würden mich fressen. Woher hätte ich es auch besser wissen sollen? Bald wurde ich hysterisch. Ich schlug und trat gegen die Tür so fest ich konnte und schrie aus vollem Halse. Ich hörte, wie Mama den Flur entlang heranstöckelte. Sie öffnete die Tür, und ich streckte die Arme nach ihr aus, damit sie mich hochhob. Ich hoffte auf eine tröstende Umarmung, aber stattdessen bekam ich einen Schlag auf den Kopf mit der scharfen Ermahnung, den Mund zu halten! Dann wurde die Tür erneut zugeschlagen und verriegelt. Ich schwieg entsetzt. Meine Beine zitterten, und gelegentlich entfuhr mir ein Schluchzer, aber davon abgesehen stand ich still und wachsam da und wartete darauf, die Zähne der Spinnen auf meiner Haut zu spüren. Noch stärker als meine Angst aber war das Entsetzen, dass ich von dem Menschen im Stich gelassen worden war, der eigentlich für mich hätte sorgen sollen. Ich war erst drei Jahre alt und ohne den Schutz eines Erwachsenen. Ich weiß nicht, wie lange ich im Schrank eingesperrt war, bis Mama die Tür öffnete und mich wieder herauszerrte. „Wie viele Spinnen hast du gesehen? Haben sie dich in die Zehen gebissen?“ In ihren Augen glitzerte eine hämische Freude, während ich zitternd vor Angst dastand und vergeblich auf ein freundliches Wort von ihr hoffte. Soweit ich weiß, war dies das erste Mal, dass Mama mich bestrafte. Der Arrest im Spinnenschrank war aber alles andere als eine einmalige Angelegenheit, er wurde von da an beinahe zu einer täglichen Maßnahme. Kleinkinder haben kein gutes Zeitgefühl, aber ich weiß, dass ich manchmal am helllichten Tag hineingestoßen wurde und es schon dunkel war, wenn ich wieder herausdurfte. Oft verpasste ich die Mahlzeiten und drückte die Fäuste in den Bauch, um meinen knurrenden Magen zu besänftigen. Wenn Nigel den Mut aufbrachte, kam er zu mir und flüsterte mir durch den Spalt in der Tür zu: „Alles ist gut, Nessa. Ich bin bei dir. Hab keine Angst.“ Doch sobald Mama ihn hörte, schleifte sie ihn eilig wieder fort. Es ist schwer zu sagen, für welche Vergehen ich im Schrank büßen musste. Wenn ich Blumen pflückte, in eines meiner Kinderbücher kritzelte, aus Versehen etwas Talkumpuder auf die Badematte fallen ließ, quietschte, um ein Glas Wasser bat oder den Teller nicht leer aß, dann konnte es sein, dass ich für eine Weile in den Schrank musste. Nigel und ich waren so lebhaft, wie das von Kleinkindern eben zu erwarten ist, und konnten ebenso so ungezogen sein wie alle anderen auch.
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Literaturangaben:
STEEL, VANESSA: Grausam. Aus dem Englischen von Andrea Panster. Arkana, München 2009. 384 S., 17,95 €.
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