Eine seltene Kapitalismusschelte

Robert Reichs Kritik: „Superkapitalismus. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt.“

© Die Berliner Literaturkritik, 12.06.09

Der Kapitalismus hatte schon immer seine Kritiker. Als er noch jung war und sein globales Potential mehr zu erahnen als zu sehen war, lieferte Karl Marx die bis heute gründlichste und—wie manche meinen—treffendste Kritik. Seine Nachfolger erreichten selten die Qualität des „Kapitals“, waren im besten Falle Zwerge auf den Schultern eines Riesens.

Eine Schwäche der Marxschen Kritik und ihrer Abkömmlinge ist der antithetische Aufbau: Auf der einen Seite der Mensch, auf der anderen das System von Besitz- und Herrschaftsverhältnissen, hier die Proletarier, dort die Bourgeoisie. Das musste Marx recht sein, war der Mann doch nicht nur Ideologe, sondern auch praktizierender Revolutionär. Bedenkt man zusätzlich die historischen Umstände wie Klassenwahlrecht und Malthusianismus, dann war seine Sicht möglicherweise angemessen. Damals.

Heute übersehen viele Leser und Interpreten von Marx den historischen Hintergrund und verkünden stattdessen die Aktualität des „Kapitals“ in Zeiten der Krise. An den Unis formieren sich wieder Marx-Lesezirkel, die nicht allein von den üblichen Verdächtigen besucht werden, das „Kapital“ beim Karl-Dietz-Verlag ist ausverkauft und auch ganz ohne Marx stoßen Kapitalismuskritiker auf offene Ohren—ganz gleich, wie klug oder originär ihre Kritik nun ist.

So haben es Leser trotz einer Vielzahl von Büchern zur Krise, die wahlweise von dem „Crash“, dem „Ende“, den „Grenzen“, usw. des Kapitalismus sprechen, nicht leicht, wenn sie eine kluge und provokante Lektüre suchen. Ein guter Maßstab ist das Veröffentlichungsdatum der Bücher. Aktuelle Neuerscheinungen sind oftmals publizistische Schnellschüsse, die in ihrem Informationsgehalt nicht über die regelmäßige Zeitungslektüre hinausgehen. Besser sind Beiträge aus einer Zeit, als Kapitalismuskritik noch nicht unser tägliches Brot war, weil der Kapitalismus es uns noch reichlich gab, noch in Ordnung war.

So ein Autor war Robert Reich, der 2007 sein Buch „Superkapitalismus“ schrieb—in einer Zeit also, als „subprime loans“ und „collateral debt obligations“ nur von einigen wenigen mit Sorge betrachtet wurden und selbst diese noch schnell Kasse machen wollten, ehe die Party zu Ende geht. Der Ökonomieprofessor aus Berkeley war zwischen 1993 und 1997 Arbeitsminister unter Clinton und gehört damit zu den wenigen Autoren, die nicht nur gute Forderungen zu Papier bringen, sondern auch um die Tücken der Umsetzung wissen.

Das ist wohl der Grund, warum „Superkapitalismus“ mit keinen überraschenden oder gewagten Vorschlägen aufwartet, sondern vorsichtig Vorschläge macht, die allesamt auf mehr staatliches Eingreifen und Regulierung drängen. Das ist nicht die starke Seite des Buches und wer Handlungsanweisungen verlangt, ist bei Reichs Buch an der falschen Stelle.

Nein, es ist die Analyse, die „Superkapitalismus“ empfiehlt. Das ist vor allem die These von dem großen Paradox: Wir— und damit sind so gut wie alle Bürger in Industrieländern und immer mehr Menschen in Schwellenländern gemeint—haben als Verbraucher und Anleger vom „Superkapitalismus“ profitiert, dessen negative Folgen wir aber als Bürger ablehnen. So sind wir etwa stets auf der Suche nach den besten Preisen und kaufen dafür bei Wal-Mart (oder Lidl), beklagen aber zugleich die Verödung unserer Städte durch den Wegfall kleinerer Läden und die miesen Arbeitsbedingungen bei diesen Supermärkten. Als (Klein-) Anleger eines Pensionsfonds erfreuen wir uns hoher Renditen, beklagen es aber, wenn von Shareholder - Value getriebene Manager Jobs kürzen oder verlagern, um eben diese Erwartungen zu bedienen. Zugespitzt: Neoliberal ist nicht das „System“, sondern sind wir Anleger und Verbraucher.

Das ist eine starke These, die Reich mit der Nachkriegsgeschichte des Kapitalismus in den USA begründet. Fast drei Jahrzehnte habe es nämlich ein „beinahe Goldenes Zeitalter“ gegeben. Hauptmerkmale dieser Zeit war die Vorherrschaft weniger gutmütiger Konzerne wie General Electrics und General Motors („Big Business“), mächtiger Gewerkschaften („Big Labor“) und einflussreicher Regulierungsbehörden („Big Government“). Alle drei seien mit einander verflochten gewesen und hätten so einem Ziel gedient: dem demokratischen Kapitalismus. Denn das Wachstum dieser Zeit hätte nicht die Taschen großer Aktionäre gefüllt, sondern sei infolge egalitärer Verteilung dem Großteil der Bevölkerung zugute gekommen. Oder aus Konsumentensicht: Verbraucher hätten im oligopolistischen System nur eine begrenzte Auswahl gehabt, dafür sei der Wohlstand aber auf viele verteilt gewesen und habe die Demokratie gestützt.

Diese Zeit des Wohlstandes endete Anfang der 1970er Jahre, als auch das Bretton – Woods - System kollabierte, und machte den Weg frei für den „Superkapitalismus“. Die Gewerkschaften seien schwächer geworden, der Staat habe sich qua Deregulierung immer mehr aus dem Marktgeschehen zurückgezogen und einst allmächtige Konzerne seien unter Wettbewerbsdruck geraten. Die Folge sei ein ungekannter Wettbewerb um Kunden und Kapital gewesen, der mit fortschreitender Technologie und schließlich dem Ende des Kalten Krieges globale Ausmaße angenommen habe. Unternehmen würden seitdem jeden Vorteil globaler Produktionsketten nutzen, um ihre Produkte günstiger herstellen zu können und damit höhere Gewinne und letztlich höhere Aktienkurse erzielen zu können. Als Anleger und Verbraucher seien wir die Gewinner dieser Entwicklung, als Bürger zählten wir uns dagegen immer öfter zu den Verlierern der „Globalisierung“ bzw. des „Superkapitalismus“: Die Löhne nähmen ab, Ungleichheit steige ebenso wie die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz.

Man mag sich darüber streiten, ob die Prosperität und Stabilität der Nachkriegszeit ein „beinahe Goldenes Zeitalter“ war. Reich selbst gesteht ein, dass es in dieser Zeit kaum Innovationen gegeben habe und die Gesellschaft konformistisch, rassistisch und langweilig gewesen sei. Er wünscht sich dieses Zeitalter nicht zurück, braucht es aber als Denkfigur und als Kontrast für den „Superkapitalismus“.

Eine Denkfigur ist auch der schizophrene Mensch, der einerseits Verbraucher und Anleger, andererseits Bürger sein will. Er beruht im Wesentlichen auf einer scharfen funktionalen Abgrenzung. So zieht Reich zwischen Politik und Wirtschaft eine klare Trennlinie und lehnt in diesem Zuge politischen Konsum ebenso ab wie die „Verantwortung von Unternehmen“, also „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Doch macht er es sich mit derlei klaren Abgrenzung nicht zu leicht?

Es ist fraglich, ob alle Menschen überhaupt diesen Intessenkonflikt verspüren. Wollen die jüngeren Generationen sowie die neuen Wirtschaftsbürger in China, Indien und Südamerika, die alle kein „beinahe Goldenes Zeitalter“ im Sinne Reichs kennen, nicht zuerst Anleger und Verbraucher sein? Haben die Menschen der untergegangenen DDR nach deutscher Staatsbürgerschaft oder nach der Mark und westeuropäischem Lebensstil gerufen? Und kann die nationalstaatliche Demokratie im Zeitalter der Globalisierung noch rein politische Lösungen anbieten? Ist zum Beispiel das politische Ziel „weniger CO2-Emissionen“ nicht Aufgabe ebenso des Bürgers (=richtige Partei wählen) wie des Verbrauchers (=eigenen Verbrauch reduzieren)?

Wie auch immer man zu einzelnen Punkten des Buches stehen mag—mit „Superkapitalismus“ hat Robert Reich eine Kapitalismuskritik vorgelegt, wie sie sehr selten ist: klug und selbstkritisch. Anstatt das „System“ oder seine Handlanger anzuklagen, legt er die Finger an die Wunde und zeigt auf sich und seine Leser. Das ist schwieriger und unangenehmer, als niedrigere Managerlöhne und mehr Bankenaufsicht zu fordern. Aber ist nicht Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Läuterung?

Von Thomas Hajduk

Literaturangabe:

REICH, ROBERT: Superkapitalismus. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt. Übersetzt von Jürgen Neubauer. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008. 328 S., 24,90 €.

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Campus Verlag


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