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Eine Schande für die Menschheit? – Walter Laqueur schildert die Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft

Entscheidend für den modernen Antisemitismus sei weniger die Rassenlehre als die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung gewesen

© Die Berliner Literaturkritik, 24.04.08

 

Walter Laqueur, der zu den international bekanntesten Historikern gehört, hat als Resümee seiner langjährigen Beschäftigung mit Israel, dem Zionismus und den antijüdischen Ideologien einen leicht verständlichen Essay ohne Anmerkungen und Fußnoten verfasst, der in seinen zehn Kapiteln keine Theorie des Antisemitismus entwickeln, sondern seine historischen Wandlungen darstellen und seinen „heutigen Charakter“ bestimmen möchte: vom religiös motivierten Antijudaismus des Altertums und Mittelalters über die russischen Pogrome bis zu dem Antisemitismus der Schwarzen in den USA, der Holocaustleugnung und dem arabischen Antisemitismus.

Gleich seinen berühmten Historikerkollegen Peter Gay, Felix Gilbert, Hajo Holborn und Fritz Stern ist Laqueur, der 1921 in Breslau geboren wurde, während der dreißiger Jahre aus seinem Geburtsland vor der weltgeschichtlich radikalsten Gestalt eben jener Ideologie geflohen, die er nun in einem seiner Spätwerke selbst beschrieben hat. Obwohl er natürlich auf den Ursprung und die Missverständlichkeit des Begriffs hinweist, gebraucht er durchgehend das Wort Antisemitismus und nicht den eindeutigeren Terminus ‚Judenfeindschaft‘.

Entscheidend für den modernen Antisemitismus sei weniger die Rassenlehre als die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung gewesen. Insbesondere die weltgeschichtlichen Katastrophen in Gestalt des Ersten Weltkrieges, der Russischen Revolution und Wirtschaftskrise hätten die Überzeugungskraft eines Verschwörungsdenkens gestärkt, in dem ein an den Komplexitäten und Undurchschaubarkeiten der modernen Welt verzagendes Bewusstsein Gewissheit zu finden glaubte.

Hitler wird von Laqueur am häufigsten erwähnt, und der rassistische Antisemitismus sowie der Massenmord an den europäischen Juden nehmen buchstäblich die Mitte des Buches ein. Wenn Laqueur diesen Massenmord als „Rückfall in die Barbarei“ bezeichnet, dann kann man der zugrundeliegenden moralischen Empörung nur zustimmen: jedoch hat es unter den „barbarischen“ Daseinsformen menschlicher Gemeinschaften eine solche Tat nie gegeben: und konnte es auch gar nicht geben. Ein interessierter jüngerer, mit der Vergangenheit noch unvertrauter Leser dürfte sich aber die wichtige Frage stellen, was der Grund und das Motiv für die ungeheure und mit Entsetzen erfüllende Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenfeindschaft gewesen war.

An einer Stelle könnten Laqueurs Ausführungen so verstanden werden, als ob Hitler seinen Aufstieg in Deutschland wesentlich seinem Antisemitismus zu verdanken gehabt hätte und nicht in erster Linie seiner Ablehnung der Bedingungen des Versailler Friedensvertrages und seiner erbitterten Feindschaft gegenüber dem Bolschewismus. Interessanterweise erwähnt Laqueur, dass sich die Judenfeindschaft infolge der bolschewistischen Revolution und der Gefahr ähnlicher Revolutionen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Mittel- und Osteuropa radikalisierte. Auch in Polen sei der Antisemitismus in den 1930er Jahren fanatischer geworden: in den Juden habe man „antipolnische, prosowjetische Linksradikale“ gesehen. Die unzulässige und in ihrer Ausschließlichkeit unwahre Behauptung über den angeblich jüdischen Charakter der radikal-linken Bewegungen erschien gleichwohl vielen Menschen plausibel. Erst in einem späteren Kapitel findet sich der Satz: „Der Kampf gegen den Bolschewismus und das Weltjudentum war mehr oder weniger ein und derselbe“. Offenbar war es diese gedankliche Verknüpfung als Folge des realen, aber völlig überzeichneten Einflusses und der Sympathie vieler Juden in den und für die sozialistischen und kommunistischen Bewegungen, die dem Massenmord an den europäischen Juden zugrunde lag, den Laqueur aufgrund seiner Totalität und Systematik als einzigartig bezeichnet.

Gerade den deutschen Leser, bei dem man angesichts des Themas eine besondere Sensibilität voraussetzen möchte, mag erstaunen, mit welcher Distanziertheit und welchem Bemühen um Ausgewogenheit Laqueur, der seine Eltern durch den Holocaust verloren hat, sein Buch verfasst hat. Doch bleibt dem Leser nicht verborgen, dass Laqueur in dem letzten Drittel des Buches persönlicher argumentiert. Nicht nur der Antizionismus der radikalen Linken seit dem Ende des Kalten Krieges, sondern auch die arabische und islamische Judenfeindschaft erscheint ihm besonders kritikwürdig und besorgniserregend.

Aus Sicht der neofaschistischen Bewegungen in Europa gehe die größte Gefahr nicht mehr von den wenigen verbliebenen Juden aus, sondern von den Einwanderern, vor allem jenen moslemischen Glaubens. Die Judenfeindschaft werde nicht mehr vorrangig von den christlichen Kirchen und rechtsgerichteten Gruppierungen und Parteien vertreten, sondern von den Moslems und Linken, wobei die Haltung der Neuen Linken gegenüber den Juden eher an die der mittelalterlichen Kirche als an die moderne Rassenlehre erinnere.

Der Islam des 21. Jahrhunderts sei zur „Hauptkraft der Angriffe auf Juden“ und die Judenfeindschaft „zum wahrscheinlich wichtigsten Faktor im politischen Denken des gegenwärtigen Islams“ geworden. Auch wenn es den Juden im Islam bis zum 20. Jahrhundert relativ besser ergangen sei als unter dem Christentum, die arabische Judenfeindschaft nicht rassistisch sei und es in der islamischen Welt bis zum 19. Jahrhundert nichts Gleichwertiges zu den westlichen Schriften gegeben habe, die dem modernen rassistischen Antisemitismus zugrunde gelegen hätten, habe sich die arabische Judenfeindschaft in den letzten Jahrzehnten islamisiert: sie werde mit Zitaten aus dem – in Hinsicht auf die Juden mal wohlwollenden und mal ablehnenden – Koran und den Hadithen, den Korankommentaren, untermauert.

Radikale Linke unterstützten die Palästinenser und Araber, weil sie die Feinde des kolonialistisch-imperialistischen und von den kapitalistischen USA geförderten Israel seien und weil sie in den Arabern Unterdrückte und Globalisierungsgegner zu erkennen meinen. Eine Gefahr sieht Laqueur darin, dass es gerade für sozialdemokratische Parteien in den westlichen Staaten attraktiv werden könnte, den moslemischen Bevölkerungsgruppen in den betreffenden Ländern nach dem Munde zu reden, um sie zu beschwichtigen und ihre politische Unterstützung zu gewinnen, wodurch die islamische Judenfeindschaft gestärkt werden würde. Zudem könne es zwischen linksextremen und islamistischen Personen oder Gruppen leicht zu Allianzen kommen, um den amerikanischen und israelischen Imperialismus anzuklagen. In diesem Zusammenhang hält Laqueur die moralische Einseitigkeit für bemerkenswert, mit der die israelische Politik und ihre Verbrechen angeprangert würden, während weitaus schlimmere Ungeheuerlichkeiten in anderen Staaten und Regionen mit Gleichmut hingenommen werden.

Nicht jede Kritik an der israelischen Politik ist für Laqueur notwendig Ausdruck eines Antisemitismus, und er erwartet gerade von Israel Schritte zur Lösung des Konflikts. Denn die palästinensische Judenfeindschaft – und in Folge auch die arabische – würde sich nach Laqueur erheblich abschwächen, wenn es einen palästinensischen Staat gäbe und die heiligen Stätten in Jerusalem internationalisiert würden. Schon nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hätte Israel einen modus vivendi mit einem angrenzenden Palästinenserstaat finden müssen. In einem Interview vom November 2006 bezeichnete Laqueur die israelische Politik hinsichtlich der West Bank und Gaza als „kurzsichtig und kontraproduktiv“. Und in seinem Essay kritisiert Laqueur religiös-nationalistische Übersteigerungen auf Seiten israelischer Gruppen, die zwar nur eine Minderheit darstellten, dafür aber politisch einflussreich seien, wodurch wiederum die Moslems provoziert und die Araber in ihrer Judenfeindschaft bestärkt worden seien.

Der wichtigste Satz in Laqueurs Buch lautet: „Aber wie so oft zählt die Wahrnehmung, nicht die Tatsache.“ In diesem Sinne scheint die Judenfeindschaft häufig auf Bedrohungsgefühlen beruht zu haben, auf theoretischen Fixierungen und unbeweisbaren Verdächtigungen, auf im Ansatz mitunter wohl zutreffenden Beobachtungen oder Einschätzungen, die jedoch übertrieben, verallgemeinert und für absolut erklärt wurden sowie auf dem unreflektierten Bedürfnis, tief empfundenen Hass abzubauen und einen Feind bekämpfen oder gar vernichten zu wollen, in dem absurden Glauben, auf diese Weise bestehende Probleme einer Lösung zuführen zu können – so könnte das von Laqueur selbst nicht formulierte Fazit seiner Studie lauten.

Laqueur ist seinem selbstgesetzten Anspruch gerecht geworden. Auf nicht mal 250 Seiten stellt er die wichtigsten Erscheinungsformen, Vorstellungen und Auswirkungen des Antisemitismus dar. Sein Bemühen um Neutralität und seine Kritik an Verallgemeinerungen verdienen besondere Würdigung. Dennoch hatte ich mir eine gedankenschwerere Lektüre erhofft, eine noch differenziertere und anregendere Interpretation.

Den Versuch, den Antisemitismus mit der Sündenbock-Theorie erklären zu wollen, weist Laqueur schon im ersten Kapitel als unzureichend zurück; gleichwohl zieht er sie im Laufe seines Essays heran. Die zahlreichen Wiederholungen sachlicher Aussagen erscheinen überflüssig. In der Literaturauswahl werden einige der wichtigsten Titel zu den einzelnen Kapiteln genannt, wobei seltsamerweise zu jenem über den Holocaust keine weiterführende Literatur aufgeführt wird, weshalb so wichtige Bücher wie die von Christopher Browning und Peter Longerich unerwähnt bleiben. Und ist die Übersetzung des Titels, der personenbezogene Assoziationen wecken könnte, tatsächlich als glücklich zu bezeichnen? Wäre der Titel „Wandlungen des Antisemitismus“, um die es Laqueur doch vor allem geht, nicht treffender gewesen? Auch könnte ein Überblick über den Antisemitismus drastischer und anschaulicher geschrieben werden und stärker noch den Blick auf Ursachen, Paradoxien, Widersprüche und die Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu richten versuchen.

Es muss vieles selbstverständlich und damit auch leichter und eindeutiger im Leben erscheinen, wenn man mehr Antworten als Fragen bereit hat. Wer an dem Thema interessiert ist und vor der Vielzahl von Fragen nicht zurückschreckt, die Laqueur stellt und mit denen er seine Leser bei dem Versuch der Beantwortung mitdenken lässt – Fragen, die sich durch eigenes Nachdenken leicht vermehren werden – , der sollte dieses Buch lesen.

Von Andreas R. Klose

Literaturangaben:
LAQUEUR, WALTER: Gesichter des Antisemitismus. Von den Anfängen bis heute. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen Verlag, Berlin 2008. 248 S., 22,90 €.

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