Eine normale und zugleich verrückte Liebe

Zeruya Shalevs Roman „Liebesleben“

© Die Berliner Literaturkritik, 23.10.12

Dieser Text wurde erstmals am 3. März 2003 in diesem Literaturmagazin veröffentlicht.

SHALEV, ZERUYA: Liebesleben. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2001, 367 S., €9,90.

Von Sven Torsten Kilian

Weder im Leben noch in der Literatur spielt die Originalität des Topos eine ausschlaggebende Rolle. Das mag nach einem Paradox klingen, denn wer träumt nicht davon, zum Helden eines Romans zu werden, wenn das Leben langweilig, anstrengend und gemein scheint? Und schon im Kindesalter, behauptete Freud, kompensiere der Roman den Frust über die schnöden Berufe der Eltern und die Fadheit eines langen Abendessens. Andererseits ist es aber auch ungeheuer beruhigend, denn das Abenteuer des Romans ist eben zumeist kein sensationelles; das macht Hoffnung. Eine Ausnahme bilden die Geschichten des Hollywoodkinos und der Trash-Serien à la Denver-Clan, wo spektakuläre Stunts und haarsträubende Szenarien die eigentliche Inhaltslosigkeit überdröhnen.

In Zeruya Shalevs Buch „Liebesleben“ ist es umgekehrt: keine Überraschungen in der Inhaltsangabe. Die junge Ja’ara, Ich-Erzählerin und Hauptfigur, verliebt sich in einen Studienfreund ihres Vaters, undurchsichtig, egoman und furchtbar sexy. Auf der Suche nach Leidenschaft und Erfüllung setzt sie ihre Ehe und ihre Karriere aufs Spiel. Sie verliert wiederholt den Kopf, und am Ende ist doch alles halbwegs glimpflich ausgegangen. Nur wie sie das tut, oder besser gesagt, wie sie darüber schreibt, das ist geradezu abenteuerlich.

„Ich sagte mir, dein Problem ist, dass du nicht zwischen deinem Leben und deinem Liebesleben trennen kannst, dabei teilt sie doch eine Mauer. Du glaubst, es ist egal, aber das Liebesleben ist nur ein Teil des Lebens, und nicht der wichtigste.“

Klassische Amour fou ?

So könnte man wohl das klassische Thema der amour fou umschreiben oder des Realitätsverlusts, denn die Realität scheint nach landläufiger Auffassung etwas zu sein, aus dem die Liebe ausgesperrt ist. Doch Ja’ara weiß auch nicht, wo sie sonst stattfinden soll, ja, wie sie sie überhaupt vereinbaren soll mit sich, mit ihrem Leben, das sich anfühlt, als gehöre es einer anderen, und mit den anderen, die sich eingerichtet haben, genommen haben, was sie nicht wollten, akzeptiert haben, was ihnen nicht gefiel. Sie revoltiert nicht, ist nicht mutig und vollzieht keine kühnen Schritte, sondern verstrickt sich dabei einfach nur in kleine, ganz alltägliche Dummheiten. Manchmal kräuselt sich die Geschichte, überschlagt sich, aberwitzig und grotesk, und manchmal ufern die Formulierungen in Shalevs abgemildertem, der Verständlichkeit geneigtem, stream of consciousness aus in Richtung Plattitüde. Was aber im Einzelnen und auf den ersten Blick auch für den Leser oft haarsträubend daherkommt, pendelt sich meist schon nach wenigen Seiten wieder ein. Die Icherzählerin widerspricht sich, mischt ihre Sätze neu und illustriert mit diesem schwankenden Relativismus, der alles andere als fade ist, was Liebe auch sein kann, vielleicht sogar sein muss: das Oszillieren zwischen Begehren und Unterwerfung am Rande der Lächerlichkeit.

Materialität und Text

Shalev hatte mit ihrem nun schon vor sechs Jahren erstmals in Israel veröffentlichtem Buch bald einen internationalen Erfolg, und das, so ist zu vermuten, nicht nur weil die Geschichte anrührt und mitreißt und dem Leser trotz des radikalen Subjektivismus der Erzählhaltung eine Identifikationsfläche bietet, schließlich glauben wir ja alle, schon einmal geliebt zu haben, zu lieben usw. Und auch, wie peinlich das kann, führt uns das Buch entlarvend vor Augen, wenn auf das fühlige „ja, genau so ist das“ drei Seiten später das verschämte „ach so“ folgt. Noch erstaunlicher jedoch wirkt der Text in seiner Materialität, und zwar in den beiden Welten, die er voneinander trennt.

Worte als Beschwörungsformeln

Immer wieder beschreibt Ja’ara das bloße Wort als beinahe greifbares Ding, als Gift, das den Körper der lästernden Mutter entstellt wie ein Special Effect der letzten Vampirfilme, als wurmartiger Laut, der sich ins Holz einer Tür frisst und darin nicht zur Ruhe kommt, als Beschwörungsformel, als Fragment einer Losung wie Teile einer zerbrochenen Münze. Oder als verschriftlichte Nachricht, die zum Monument wird, deren Sender verschwindet und sich beliebig austauschen lässt. Dahinter mögen kabbalistische Einflüsse, Vorstellungen von Sprachmagie stecken, doch auch was zunächst unheimlich und bedrohlich scheint, wird dann heruntergebrochen, und am Ende ist es vielleicht auch nur „das dumpfe Gefühl, (...) etwas herausgefunden zu haben, das ich aufschreiben müßte, um es nicht zu vergessen, aber ich hatte keine Kraft die Augen aufzumachen, und als ich aufwachte, wußte ich es schon nicht mehr.“

Und der Leser, der sich beeindrucken und verführen lässt, fasziniert und berührt ist von den pathetischen Formulierungen, von den geheimnisvollen Bibelzitaten, von einer oft aufgerufenen, scheinbar kosmischen Grundstruktur der Schuldzuweisungen, die seit der Zerstörung des ersten Tempels auf den Figuren lastet, von der furchtbaren Verquickung unfaßbarer Vergangenheit, entfremdeter Gegenwart und unmöglicher Zukunft muss schließlich doch erfahren, dass es vielleicht auch nur im Wesen der Liebe liegt, „allen möglichen Blödsinn zu erzählen, der einem passiert ist, in der Hoffnung, dass auf dem gewundenen Weg vom Mund des einen zum Ohr des anderen die Geschichte ihre Bedeutung bekommen wird, ihre Berechtigung.“

Das Ohr des „anderen“

Zeruya Shalev hat es auch geschafft, und das ist gerade neben dem hohen Unterhaltungswert einer der größten Verdienstes des Buches, die Liebe als etwas darzustellen, das eigentlich nur als seine eigene wie auch immer gebrochene Darstellung zu begreifen ist, denn was dahinter steckt kann keiner sagen. Und ein bißchen darf man sich auch geschmeichelt fühlen, denn was ist der Leser wenn nicht das „Ohr des anderen“. Hier beginnt das Abenteuer.


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