Eine junge Meisterdiebin

„Meisterklasse“, der neue Roman der US-Autorin Ally Carter

© Die Berliner Literaturkritik, 27.02.12

FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Der Roman „Meisterklasse“ von Ally Carter ist im April 2011 im S.Fischer Verlag erschienen. Alice Jakubeit hat ihn aus dem Amerikanischen übersetzt.

Klappentext: Als Katarina Bishop drei Jahre alt war, nahmen ihre Eltern sie mit in den Louvre um ihn auszurauben. Zu ihrem siebten Geburtstag durfte sie mit Onkel Eddie nach Österreich reisen um die Kronjuwelen zu stehlen. Mit fünfzehn hat sie genug von diesem Leben und fälscht sich eine Legende, die es ihr ermöglicht, ein elitäres Ostküsten-Internat zu besuchen und eine ganz normale Schülerin zu sein. Doch dieses Glück währt nur sehr kurz, denn die Familie ruft: Einem Mafia-Boss wurden fünf Gemälde von unschätzbarem Wert gestohlen, und dieser verdächtigt Kats Vater. In der Klemme zwischen Interpol und dem Mafia-Boss, braucht Kats Vater dringend Hilfe. Kat bleibt nichts anderes übrig, als die Bilder zu finden und sie wiederzubeschaffen und nebenbei ihr eigenes Leben zurückzustehlen.

Ally Carter, geboren und aufgewachsen als Tochter einer Lehrerin und eines Farmers in Oklahoma, studierte Agrarwirtschaft an der Cornell University und arbeitete mehrere Jahre in diesem Bereich, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie ist Autorin einer erfolgeichen Jugendbuchserie, deren Bände regelmäßig auf den Bestsellerlisten der New York Times und von USA Today erscheinen. Ally Carter lebt und arbeitet in Oklahoma.

Leseprobe:

©S.Fischer©

1. Kapitel

Niemand wusste, wann genau es mit den Problemen im Colgan-Internat angefangen hatte. Einige Mitglieder der Ehemaligen-Vereinigung gaben der Entscheidung, auch Mädchen aufzunehmen, die Schuld daran. Andere schoben es auf neumodische liberale Ideen und einen weltweiten Verfall des Respekts vor Älteren. Doch unabhängig von der jeweiligen Theorie ließ sich nicht leugnen, dass das Leben im Colgan-Internat sich verändert hatte.

Sicher, das Gelände war nach wie vor makellos gepflegt. Drei Viertel der Abschlussklasse waren bereits auf dem besten Wege, frühzeitig an einer der Eliteuniversitäten der Ivy League angenommen zu werden. Fotos von Präsidenten, Senatoren und Konzernchefs säumten noch immer den mit dunklem Holz getäfelten Korridor vor dem Büro des Schulleiters.

Aber in der guten alten Zeit hätte niemand die Aufnahme ins Colgan einen Tag vor Unterrichtsbeginn ausgeschlagen und damit die Verwaltung gezwungen, in letzter Minute händeringend nach Ersatz zu suchen. Früher hätte es für jeden freien Platz eine ellenlange Warteliste gegeben, doch in diesem Jahr gab es aus irgendeinem Grund nur noch einen Anwärter.

Vor allem aber: Es hatte eine Zeit gegeben, in der Ehre im Colgan-Internat etwas bedeutet hatte, als Schuleigentum respektiert und der Lehrkörper verehrt worden war – und der makellose 1958er Porsche Speedster des Schulleiters niemals an einem ungewöhnlich warmen Novemberabend auf dem Brunnen im Innenhof gelandet wäre, wo Wasser aus seinen Scheinwerfern sprudelte.

Es hatte eine Zeit gegeben, da das Mädchen, das dafür verantwortlich war – just die Glückliche, die erst wenige Monate zuvor den frei gewordenen Platz ergattert hatte –, den Anstand besessen hätte, die Tat einzugestehen und still und leise die Schule zu verlassen. Unglücklicherweise jedoch war diese Ära – ähnlich wie die Zeit des Schulleiter- Porsches – zu Ende.

Zwei Tage nach Porsche-Gate, wie der Vorfall bei den Schülern bald hieß, besaß das fragliche Mädchen die Unverfrorenheit, erhobenen Hauptes im Korridor des Verwaltungsgebäudes unter den strengen Schwarzweißfoto- Blicken dreier Senatoren, zweier Präsidenten und eines Richters am Obersten Bundesgericht zu sitzen, als hätte sie nichts Unrechtes getan.

An diesem Tag liefen mehr Schüler als gewöhnlich durch den Korridor, um einen Blick auf das Mädchen zu erhaschen und hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln.

„Das ist sie.“

„Das ist die, von der ich dir erzählt habe.“

„Was glaubst du, wie sie es gemacht hat?“

Jeder andere Schüler hätte, derart ins Rampenlicht gerückt, den Kopf eingezogen, aber aus Katarina Bishop wurde man nicht schlau. Manche sagten, sie sei deshalb in letzter Minute aufgenommen worden, weil ihr Vater, der ein unglaublich reicher europäischer Geschäftsmann sei, der Schule eine sehr großzügige Schenkung gemacht habe. Andere betrachteten ihre tadellose Haltung und ihre gelassene Art, ließen sich den Vornamen auf der Zunge zergehen und nahmen an, sie stamme aus dem russischen Zarengeschlecht – eine der letzten Romanows.

Für manche war sie eine Heldin, für andere ein Freak. Jeder hatte eine andere Geschichte gehört, doch die Wahrheit ahnte niemand: dass Kat in Wirklichkeit zwar ihre Kindheit in ganz Europa verbracht hatte, aber keine reiche Erbin war. Dass sie tatsächlich ein Fabergé-Ei besaß, aber keine Romanow war. Kat selbst hätte noch Tausende von Gerüchten beisteuern können, doch sie schwieg, denn sie wusste, das Einzige, was ihr niemand abnehmen würde, wäre die Wahrheit.

„Katarina?“, rief die Sekretärin des Schulleiters. „Das Ehrengericht möchte Sie jetzt sehen.“

Kat erhob sich gelassen, doch als sie auf die offene Tür neben dem Büro des Schulleiters zuging, hörte sie ihre Schuhe quietschen. In ihren Händen kribbelte es, und sämtliche Nerven waren zum Zerreißen gespannt: Sie erkannte, dass sie in den vergangenen drei Monaten irgendwie zu einer Person geworden war, die quietschende Schuhe trug.

Man würde sie kommen hören, ob es ihr nun gefiel oder

nicht.

 

Kat war es gewohnt, auf den ersten Blick sämtliche Winkel eines Raums zu erfassen, aber einen Raum wie diesen hatte sie noch nie gesehen.

Der Korridor war lang und gerade, dieses Zimmer jedoch war rund. Dunkles Holz umgab sie; die Lampen an der niedrigen Decke gaben nur ein trübes Licht. Kat wäre sich wie in einer Höhle vorgekommen, wäre da nicht das eine hohe schmale Fenster gewesen, durch das ein Sonnenstrahl hereinfiel. Kat merkte, dass sie die Hände danach ausstreckte, doch da räusperte sich jemand. Ein Bleistift rollte über einen Schreibtisch, Kats Schuhe quietschten erneut und holten sie zurück in die Gegenwart.

„Sie dürfen sich setzen.“

Die Stimme kam aus dem hinteren Teil des Raums, und zunächst konnte Kat sie nicht zuordnen. Die Stimme war ihr nicht vertraut, ebenso wenig wie die Gesichter vor ihr: Die zwölf zu ihrer Rechten waren faltenfrei und jung – Schüler wie sie (oder jedenfalls ihr so ähnlich, wie das bei Colgan-Schülern möglich war). Bei den zwölf Personen zu ihrer Linken waren die Haare ein wenig dünner oder das Make-up ein wenig dicker aufgetragen. Unabhängig vom jeweiligen Alter trugen alle Angehörigen des Colgan Ehrengerichts die gleichen schwarzen Gewänder und beobachteten mit gleichermaßen ausdrucksloser Miene, wie Kat in die Mitte des runden Zimmers ging.

„Setzen Sie sich, Ms Bishop“, sagte Direktor Franklin, der in der ersten Reihe saß. Das dunkle Gewand machte ihn ausgesprochen blass. Sein Gesicht war zu pausbäckig, das Haar zu penibel frisiert. Kat vermutete, dass er die Sorte Mann war, die sich wünschte, ebenso schnell und sportlich zu sein wie ihr Auto. Und dabei musste sie trotz allem grinsen: Sie stellte sich vor, wie der Direktor selbst auf dem Brunnen im Hof hockte und Wasser spie.

Nachdem Kat sich gesetzt hatte, erhob sich der Oberstufenschüler neben dem Direktor und verkündete: „Ich bitte um Ruhe im Ehrengericht des Colgan-Internats.“ Seine Stimme füllte den ganzen Raum. „Wer zu sprechen wünscht, wird angehört werden. Wer bereit ist, dem Licht zu folgen, wird sehen. Wer Gerechtigkeit sucht, wird die Wahrheit finden. Ehre für einen“, schloss der Junge, und ehe Kat recht verarbeiten konnte, was sie da gehört hatte, antworteten vierundzwanzig Stimmen im Chor: „Ehre für alle.“

Der Junge setzte sich wieder und blätterte in einem alten ledergebundenen Buch, bis der Direktor ihn ansprach: „Jason …“

„Oh. Natürlich.“ Jason hob das schwere Buch. „Das Ehrengericht des Colgan-Internats wird über den Fall der Katarina Bishop, Schülerin im zweiten Jahr, befinden. Wir werden Beweismaterial sehen, demzufolge Ms Bishop am zehnten November vorsätzlich … ähm … persönliches Eigentum gestohlen hat.“ Jason wählte seine Worte mit Bedacht. Ein Mädchen in der zweiten Reihe unterdrückte ein Lachen.

 ©S.Fischer©

Literaturangabe:

CARTER, ALLY: Meisterklasse Aus dem Amerikanischen von Alice Jakubeit. S.Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2011. 368 S., 17,95 €.

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Fischer


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