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Eine Frau auf der Suche nach Glück

Maria Barbals Briefroman „Emma“

© Die Berliner Literaturkritik, 08.01.10

Von Anne Mucha

„Es ist eben dieser fiebrige Taumel, in dem ich leben will, mein Kleines, oder gar nicht.“ - So erklärt Emma, die Protagonistin in Maria Barbals neuem Roman, ihrer zwölfjährigen Tochter Àngels, dass sie sie verlassen hat. Emma ist ausgebrochen aus ihrer unglücklichen Ehe und damit auch aus der Rolle der vorbildlichen Ehefrau eines politisch ambitionierten Star-Anwalts, den sie viel zu früh geheiratet, aber nie richtig kennen gelernt hat. Sie flieht vor der Eintönigkeit des Alltags, der ständigen Kontrolle durch die allgegenwärtige Schwiegermutter und der Lieblosigkeit ihres Mannes in die Arme eines Liebhabers, der sie mit nach Marseille nimmt und dort bald darauf sitzen lässt.

Um ihre Tochter wieder zu sehen, kehrt sie in ihre Heimatstadt Barcelona zurück und lebt nun auf der Straße. Emma ist unfähig, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten, denn die Enge lässt sie nicht atmen. Sie trinkt, raucht und erfährt alle nur denkbaren Formen der Verachtung, sowohl von Fremden als auch von der eigenen Familie, die eifrig zu verhindern versucht, dass „Emmas Geschichte“ der Karriere ihres Gatten schadet. Sie streift ziellos durch die schmelzenden Straßen der sommerlichen Metropole, immer getrieben von der Schuld, ihr Kind im Stich gelassen zu haben sowie von dem verzweifelten Wunsch, es zurück zu bekommen. Sie wird von einer Bande Jugendlicher misshandelt und ins Krankenhaus gebracht. Von dort verschwindet sie, begibt sich ins Ferienhaus ihrer verstorbenen Eltern und schwelgt dort in Erinnerungen an ihre sorglose Kindheit.

Was sie dabei am Leben hält, ist das Schreiben. In Tagebuchform hält Emma fest, was sie ihrer Tochter gern sagen würde. Mithilfe eines Therapeuten arbeitet sie nach und nach ihre Vergangenheit auf und löst sich von ihrem Alter Ego „Emma Desirée“, der Rolle, in die sie geschlüpft ist, wenn sie ihre eigene nicht mehr spielen konnte. Nach und nach nähert sie sich ihrem Jugendfreund Oriol an und beginnt langsam, wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen, als etwas völlig Unvorhergesehens passiert…

Emma ist also eine junge Ehefrau und Mutter, die auf der Suche nach „echter“, aufregender, intensiver Liebe ihren Mann betrügt, einem anderen in blinder Leidenschaft verfällt und für ihn alles zu opfern bereit ist. Parallelen zu literarischen Meilensteinen aus dem späten 19. Jahrhundert sind nur schwer zu übersehen. Hat Maria Barbal einen modernen Ehebruchsroman aus der Sicht der unglücklichen Gattin geschrieben? Ist das überhaupt möglich? Hätte Madame Bovary im 21. Jahrhundert gelebt, wäre das Band ihrer Ehe nicht so fest gewesen und hätte sie kein Gift geschluckt, hätte sie ihrer Tochter dann womöglich diese Briefe geschrieben?

Vermutlich nicht. Schwer vorstellbar, dass Gustave Flaubert „seiner“ Emma jemals eine so sentimentale, zuweilen gar kitschige Sprache gegeben hätte und wenn doch, dass diese so voll von sperrigen Bildern wäre, denen es an Ausdruckskraft und Originalität mangelt und die alle irgendwie schon mal da gewesen sind.

Wenngleich die Autorin eine anrührende Figur entwickelt und teilweise erstaunliche Einblicke in deren Psychologie verschafft, kann man sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich dabei zumeist auf eingetretenen Pfaden bewegt, die, zumindest scheint es über weite Strecken so, zu keinem Ziel führen. Wer auf etwas Überraschendes hofft, muss sich bis zum Ende des Romans gedulden.

 

Literaturangabe:

BARBAL, MARIA: Emma. Aus dem Katalanischen von Heike Nottebaum. Transit Buchverlag, Berlin 2009. 156 S., 16,80 €.

Weblink:

Transit Verlag


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