Werbung

Werbung

„Eine exklusive Liebe“

Der berührende Debütroman von Johanna Adorján

© Die Berliner Literaturkritik, 09.03.09

 

Von Frauke Kaberka

MÜNCHEN (BLK) – „Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um.“ Dem nüchternen ersten Satz lässt die Autorin Johanna Adorján in ihrem Debütroman „Eine exklusive Liebe“ keine sentimentale Rekonstruktion der Ereignisse folgen, die ihre Verwandten in den gemeinsamen Tod führen. Es ist ein eher im lockeren Erzählton geschriebener Versuch, diesen endgültigen Schritt zu verstehen – und auch ein wenig Selbstfindung. Gewagt und großartig.

Vera und István sind Ungarn. Ihrem Leben setzen sie in Dänemark ein Ende. Ihre Enkelin Johanna lebt in Deutschland. Für ihre Recherchen reist sie in das Geburtsland der Großeltern, in deren skandinavische Wahlheimat, in die USA und auch nach Frankreich. Es ist ein mühseliges Puzzle, in dem auch am Ende noch Teilchen fehlen werden. Weiße Flecken bleiben vor allem die Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und in zwei Konzentrationslagern, die der Großvater glücklicherweise überlebt, über die er aber nicht sprechen möchte und niemals sprechen wird. „Darüber reden wir nicht“ ist auch Veras Leitspruch und irgendwann der der ganzen Familie.

Nur Johanna Adorján setzt sich über das Tabu hinweg – 16 Jahre nach dem Freitod der Großeltern. Was sie bei Verwandten und Freunden zusammenträgt, betrifft hauptsächlich chronologische Abfolgen wie die Flucht aus Ungarn, Reisen in andere Länder, alte und neuere Gewohnheiten, besondere Vorlieben oder Abneigungen, das Verhältnis zu nahestehenden Bekannten. Nur wenig erfährt sie über die Leidensgeschichte Veras und Istváns als ungarische Juden. Sie weiß, dass sie den Holocaust überlebten, aber nicht wie. Und dass Vera und István Befürworter des sozialistischen Ungarn waren, sie das Land aber als enttäuschte und desillusionierte Kommunisten nach dem Volksaufstand 1956 verließen, ist ihr lediglich in nackten Fakten bekannt.

Aber aus dem Wenigen und Adorjáns eigenen Erinnerungen schält sich ein Bild der Großeltern heraus, das vor allem von einem geprägt wird: einer großen Liebe. Diese Liebe der beiden etwas verschrobenen Menschen ist es auch, die sie Hand in Hand sterben lässt. Obwohl Vera, die Großmutter, durchaus in guter körperlicher Verfassung, noch heute leben könnte. Aber nicht ohne István, genannt Pista, denn der ist schwerkrank und am Ende seines Lebens angekommen. Die Recherchen bringen noch mehr: Adorján erkennt, dass sie ihrer Großmutter ähnlicher ist, als sie gedacht hatte.

„Eine exklusive Liebe“ ist ein außergewöhnlicher Roman. Sicher, es ist ein Buch über den Tod und die Liebe. Doch wie Adorján die beiden größten Themen der Literaturgeschichte angeht, fällt aus dem Rahmen. Mit leichter Hand führt die Journalistin durch ihre Familiengeschichte und erzählt sie mit Selbstironie, unterschwelligem Humor und viel Verständnis. Sehr beeindruckend. (phi)

Literaturangaben:
ADORJAN, JOHANNA: Eine exklusive Liebe. Luchterhand Verlag, München 2009. 184S., 17,95 €.

Verlag

Mehr von der Rezensentin Frauke Kaberka


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: