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Ein Leben an der Grenze

Keith Richards hat seine Memoiren geschrieben

© Die Berliner Literaturkritik, 09.03.11

MÜNCHEN (BLK) – Im Oktober 2010 hat der Heyne Verlag die Biographie von Keith Richards unter dem Titel „Life“ herausgebracht. Das Buch wurde von Willi Winkler, Ulrich Thiele und Wolfgang Müller aus dem Englischen übersetzt.

Klappentext: Wie er als Kind in England die Platten von Chuck Berry und Muddy Waters rauf und runter hörte. Wie er Gitarre lernte und mit Mick Jagger und Brian Jones die bis heute größte Rockband aller Zeiten gründete – die Rolling Stones. Er berichtet von dem frühen Ruhm und den berüchtigten Drogen-Razzien, die ihm sein Image als ewiger Rebell und Volksheld einbrachten. Wie er die unsterblichen Riffs zu Songs wie „Jumpin’ Jack Flash“ oder „Honky Tonk Women“ erfand. Die Beziehung mit Anita Pallenberg und der tragische Tod von Brian Jones. Die Flucht vor der Steuerfahndung nach Frankreich, die legendären Konzerte und Tourneen in den USA. Isolation und Sucht. Die Liebe zu Patti Hansen. Streitereien mit Mick Jagger und die anschließende Versöhnung. Heirat, Familie, die Soloalben und die Xpensive Winos – und das, was am Ende bleibt.

Keith Richards wurde 1943 in London geboren. Er ist Gitarrist, Sänger, Songwriter und Mitgründer der „Rolling Stones“. Mit seiner Band „The X-Pensive“ hat er einige Soloalben veröffentlicht. Heute lebt er mit seiner Frau Patti Hansen in Connecticut.

Leseprobe:

 ©Heyne Verlag©

KAPITEL 1

In dem ich während unserer US-Tour 1975 in Arkansas

von der Polizei angehalten werde, woraus sich eine ziemlich

verfahrene Situation entwickelt.

 

Warum mussten wir ausgerechnet am Independence-Day-Wochenende zu Mittag ins 4-Dice-Restaurant in Fordyce, Arkansas? Und warum überhaupt? Nach allem, was ich in zehn Jahren Reisen durch den Bibelgürtel erlebt hatte? Das Städtchen Fordyce. Rolling Stones auf der Speisekarte der Polizei in den gesamten Vereinigten Staaten. Jeder Bulle in den USA wollte uns einlochen, egal wie, wollte sein Land ganz patriotisch von diesen schwulen kleinen Engländern säubern und dafür befördert werden. Es war das Jahr 1975, eine brutale und aggressive Zeit. Seit unserer letzten Tournee 1972, der sogenannten „STP-Tour“, galten die Rolling Stones als Freiwild. Das Außenministerium hatte überall Ausschreitungen (korrekt), zivilen Ungehorsam (auch korrekt), rechtswidrigen Sex (was immer das sein mag) und Gewalttätigkeiten registriert. Und wir, einfache Bänkelsänger, waren schuld. Wir hatten die Jugend zur Rebellion aufgestachelt, wir korrumpierten Amerika, und sie hatten beschlossen, dass sie uns nie wieder durch die Staaten touren lassen würden. In der Ära Nixon hatte sich das zu einer wichtigen politischen Angelegenheit entwickelt. Nixon höchstpersönlich hatte seine Hunde und alle schmutzigen Tricks bereits gegen John Lennon eingesetzt, weil er Angst hatte, seinetwegen die Wahl zu verlieren. Wir hingegen waren, wie unserem Anwalt ganz offiziell mitgeteilt wurde, die gefährlichste Rock’n’Roll-Band der Welt.

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  An den Tagen davor hatte uns unser großartiger Anwalt Bill Carter im Alleingang aus diversen heiklen Situationen gerettet, die sich die Polizei von Memphis und San Antonio als Falle für uns ganz persönlich ausgedacht hatte. Und jetzt sah es danach aus, als würde Fordyce, ein 4237-Seelen-Kaff, dessen Schule einen seltsamen roten Käfer im Schulwappen führte, den Triumph einfahren. Carter hatte uns dringend davon abgeraten, durch Arkansas zu fahren, und auf gar keinen Fall sollten wir die Interstate verlassen. Er wies uns darauf hin, dass man im Bundesstaat Arkansas noch vor kurzem an einem Gesetzentwurf gebastelt hatte, der Rock’n’Roll verbieten sollte (den Gesetzestext hätte ich mir gerne mal angeschaut – „Im Fall, dass wiederholt vier laute Viertel auf den Takt gespielt werden …“). Und ausgerechnet hier kurvten wir in einem brandneuen gelben Chevrolet Impala über die Landstraßen. In den ganzen Vereinigten Staaten gab es wahrscheinlich keinen idiotischeren Ort, um mit einem Auto anzuhalten, das bis unters Dach voller Drogen war, als diese konservative, reaktionäre Südstaatengemeinde, die mit Fremden, die ein bisschen anders aussahen, nun wirklich nichts zu tun haben wollte.

  Mit von der Partie waren Ronnie Wood, mein Freund Freddie Sessler, für mich fast so etwas wie ein Vater, ein ganz unglaublicher Typ, von dem hier noch öfter die Rede sein wird, sowie Jim Callaghan, seit Jahren schon unser Security-Chef. Wir wollten die vierhundert Meilen von Memphis bis Dallas, wo wir am kommenden Abend unseren nächsten Auftritt im Cotton Bowl absolvieren sollten, mit dem Auto zurücklegen. Jim Dickinson, der Junge aus dem Süden, der bei „ Wild Horses“ Klavier spielte, hatte uns erzählt, dass die Gegend um Texarkana einen Ausflug wert wäre. Außerdem hatten wir die Fliegerei satt. Von Washington nach Memphis hatten wir einen fürchterlichen Flug erlebt: Ohne Vorwarnung waren wir plötzlich mehrere hundert Meter abgesackt, alles schrie und schluchzte, die Fotografin Annie Leibovitz war mit dem Kopf an die Decke geknallt, und als wir landeten, küssten die Passagiere den Boden. Während das Flugzeug durch die Luft schlingerte, wurde ich dabei beobachtet, wie ich nach hinten ging und gewisse Substanzen mit noch mehr Hingabe als sonst zu mir nahm – schließlich durfte nichts verschwendet werden. Schlimme Sache, vor allem in Bobby Shermans altem Flugzeug, dem Starship.

  Wir fuhren also mit dem Auto. Ronnie und ich stellten uns besonders dumm an. Wir hielten an dieser Raststätte namens 4-Dice, setzten uns, bestellten und verschwanden dann gemeinsam aufs Klo. Einfach um in Gang zu kommen. Wir wurden high. Die Kundschaft draußen interessierte uns so wenig wie das Essen, deshalb blieben wir länger auf dem Klo, rissen Witze und kifften weiter. Vierzig Minuten lang. Aber so was macht man da nicht. Damals schon gar nicht. Die Situation spitzte sich immer mehr zu, und schließlich holte das Personal die Polizei. Beim Wegfahren sehen wir noch ein schwarzes Auto ohne Nummernschild am Straßenrand stehen, und kaum sind wir zwanzig Meter weit gekommen, gehen die Sirenen los, das Blaulicht blinkt, und wir haben ihre Knarren vor der Nase.

©Heyne Verlag©

Literaturangabe:

RICHARDS, KEITH: Life. Aus dem Englischen von Willi Winkler, Ulrich Thiele, Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München 2011. 736 S., 26,99 €.

Weblink:

Heyne


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