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Ein Fest für die Sinne

Das Geheimnis der „Minne di Sant’Agata“

© Die Berliner Literaturkritik, 21.12.11

MÜNCHEN (BLK) – Der Roman „Kirschen auf Ricottaschnee“ von Giuseppina Torregrossa ist im Februar 2011 im Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Verena von Koskull hat ihn aus dem Italienischen übersetzt.

Klappentext: Ihre ehrgeizigen Eltern in Palermo haben nicht viel Zeit für die kleine Agatina. Zum Glück haben die beiden Großmütter das Mädchen ins Herz geschlossen. In ihren Erzählungen entführen sie Agatina in die Vergangenheit Siziliens und geben ihr Ratschläge fürs Leben. Vor allem aber lernt Agatina das streng gehütete Geheimrezept der „Minne di Sant’Agata“.

Vor Jahrhunderten erlitt die schöne Agata in Palermo ein furchtbares Schicksal: Weil sie sich den Avancen eines römischen Konsuls widersetzte, wurde sie in den Kerker geworfen und schrecklich bestraft. Bis heute wird sie in Sizilien als Heilige verehrt. Zu ihrem Namenstag werden Ricottaküchlein gebacken, welche die Form weiblicher Brüste haben. Die Großmutter der kleinen Agatina macht diese „Minne di Sant’Agata“ nach einem besonders köstlichen Geheimrezept. Und während sie in der Küche hantieren, erzählt die Großmutter ihrer Enkelin die archaischen Lebens- und Liebesgeschichten ihrer Vorfahren. Agatina ahnt noch nicht, wie wichtig die „Minne di Sant’Agata“ einmal für sie werden wird.

Giuseppina Torregrossa, Jahrgang 1956, lebt in Sizilien und Rom, wo sie als Frauenärztin arbeitet. Mit Kirschen auf Ricottaschnee, ihrem zweiten Roman, gelang ihr in Italien der literarische Durchbruch. Das Buch wurde von der Kritik gefeiert und eroberte die Bestsellerliste

Leseprobe:

©Hoffmann und Campe©

1

Am Vorabend des Festes der heiligen Agatha holte mich meine Großmutter Agata, die ebenso herzensgut wie die Heilige war, von zu Hause ab. Herausgeputzt im Sonntagskleid, das Haar akkurat in der Mitte gescheitelt und straff von zwei rosa Schleifchen gehalten, stand ich ungeduldig wartend auf dem Balkon. Kaum sah ich sie, stürmte ich die Treppe hinunter, überglücklich, unserer Wohnung für ein paar Stunden entfliehen zu können, wo mir meine immer schlechtgelaunten Eltern die Luft zum Atmen raubten.

  Ich war meiner Großmutter dankbar für die liebevolle Aufmerksamkeit, die fürsorglichen Gesten, kleinen Zärtlichkeiten, spontanen Ermutigungen und Komplimente, die ein Kind braucht, um behütet groß zu werden und Vertrauen zum Leben zu fassen. Papa und Mama hielten Zärtlichkeit und Liebe und dergleichen für unnötige Zeitverschwendung, und meine Großmutter bemühte sich nach Kräften, diesen Mangel wettzumachen.

  Schweigend und Hand in Hand gingen wir nebeneinander her, meine kleinen Finger mit ihren arthritisch verkrümmten, von der Hausarbeit rauen verschränkt. Die Route des 15er-Busses führte schnurgerade durch Palermo, von der Piazza Vittorio Veneto bis zur Piazza Marina im Herzen der Altstadt. Zu klein, um aus dem Fenster zu schauen, saß ich mit geschlossenen Augen auf den Knien meiner Großmutter. Und doch erkannte ich die Straßen an den Gerüchen und Geräuschen, die, in den Tiefen meines Gedächtnisses abgelagert, zu meinen frühesten Erinnerungen zählen: der zarte, intensive Duft der Magnolien im Giardino Inglese, die Rufe der Straßenhändler, die abbanniata – die kehligen Lockrufe – der Fischverkäufer, der Singsang der Obsthändler, die den Passanten ihre Orangen, Zitronen und Limonen anpriesen, das gedehnte Uiuiuuu der Sirenen, die das Einlaufen der Schiffe in den Hafen verkündeten, der beißende Gestank des tranigen Wassers im Hafenbecken, der Geruch der panelle, der Kichererbsen-Ölkuchen, aus den Bratstuben auf dem Corso Vittorio, das stete, rhythmische Rumpeln der Kutschen über die marmornen Pflasterplatten.

  Kurz vor der Endstation stiegen wir vorsichtig aus dem Bus, um mit unseren lederbesohlten Schuhen nicht auf dem feucht glänzenden grauen Marmor auszugleiten, und umrundeten die riesigen Großblättrigen Feigen, australische Bäume, die im restlichen Europa kaum gedeihen, in Palermo aber wie von selbst wachsen und ungewöhnlich groß werden. Die Luftwurzeln hingen wie Stalaktiten von den Ästen und verwuchsen mit denen des Bodens zu einem unentwirrbaren magischen Labyrinth, in dem wir Kinder unter Kreischen und Gelächter spielten und so taten, als würden wir uns verlaufen.

  In der Ferne ragte der Palazzo Steri auf, dessen strenge, trutzige Fassade von einem ebenso schönen wie grausamen Sizilien zeugt. Meine Großmutter erzählte mir haarsträubende Geschichten darüber und sparte nicht mit den schauerlichsten Details: „Agatì, dort war das Inquisitionsgericht. In dem Gebäude haben Torquemadas Leute Nonnen, Priester, Briganten und sämtliche Frauen gefoltert, die sie zwischen die Finger kriegten. Was für widerliche Mistböcke! Allein schon mit denen im selben Raum zu sein war Entehrung genug.“

  Der schroffe, düstere Bau war mir höchst unheimlich, und beim Anblick der Fenster, die die ebenmäßige Fassade durchbrachen, war ich versucht loszurennen, meinte ich doch tatsächlich, die Hexenschreie und Hilferufe daraus zu hören.

  „›Mir ist heiß und kalt, in meinen Eingeweiden rumort es, und mir wird schwer ums Herz …‹, klagte Maricchia, eine arme Frau und Mutter, die der Hexerei bezichtigt worden war. Und schon näherte sich der Diener des Guten Todes ihrer Zelle und läutete sein Glöckchen, ding ding ding. Und weißt du, wer sie angeschwärzt hatte, Agatì?“ Obwohl sie von mir keine Antwort erwarten konnte, machte meine Großmutter eine erwartungsvolle Pause. Ich dachte fieberhaft nach und blieb darüber fast stehen. Sanft zog sie mich weiter. „Ihr Mann natürlich! Der hatte eine Jüngere, und weil er nicht wusste, wie er seine Frau, die alt und verbraucht war, loswerden sollte … Aber das erklär ich dir, wenn du größer bist.“ Damit beendete sie ihre Erzählung, und wir bogen kurz vor der Kirche La Gancia nach links in die Via Alloro ein, die einmal die Hauptstraße des Kalsa-Viertels gewesen war.

©Hoffmann und Campe©

Literaturangabe:

TORREGROSSA, GIUSEPPINA: Kirschen auf Ricottaschnee. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Hoffmann und Campe Verlag, München 2011. 352 S., 19,99 €.

Weblink:

Hoffmann und Campe


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