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Ein erstaunliches Leben – Sofka Zinovieffs „Die rote Prinzessin“

Eine Enkelin erzählt die Lebensgeschichte ihrer Großmutter

Von: ROLAND H. WIEGENSTEIN - © Die Berliner Literaturkritik, 04.04.08

 

In Romanen der zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts kommen – wenn sie in Paris spielen – mit schöner Regelmäßigkeit russische Fürsten vor, die als Kellner oder Taxifahrer arbeiten, schöne russische Mädchen als Go-go-Girls und Babuschkas, die sich mühsam mit Näharbeiten durchschlagen: lauter „Weiße“, die vor der „Roten Flut“ der Oktoberrevolution nach Westen, besonders gern nach Frankreich geflohen waren. Hatte es nicht in den goldenen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einen Luxus-Express-Zug gegeben, der im Frühjahr die Herrschaften samt Personal in Salonwagen (mit angehängten Gepäck-Waggons) vom Zarenhof in St. Petersburg direkt nach Nizza beförderte? All das ist Geschichte, die die, die einmal „oben“ waren, wegschwemmte ins Exil und in den Tod. Heute kommen die „neuen Russen“.

Von einer 1907 geborenen Frau, die davon viel in ihrer Jugend erlebt hat, und die erst 1994 im Alter von sechsundachtzig Jahren in einem einsamen Cottage in Cornwall gestorben ist, handelt Sofka Zinovieffs Buch „Die rote Prinzessin“, das vom Schicksal ihrer Großmutter, der Prinzessin Dolgorukij erzählt, in deren Ahnenreihe sowohl die Zarin Katharina als auch der sagenhafte Fürst Rurik von Kiew auftauchen, der in Geschichtsbüchern als einer der Begründer des russischen Reichs figuriert.

Und „rot“ ist diese Prinzessin wirklich gewesen, nämlich Mitglied der Kommunistischen Partei – nicht in der UdSSR freilich, sondern in Frankreich und England: als sie alt war, hat sie diese Partei, der sie seit 1956 skeptisch gegenüberstand, gleichwohl nicht verlassen (derlei verbot ihr der Stolz), sie hat sich einfach nicht mehr um sie gekümmert. „Ebensowenig wie Torquemada das wahre Christentum repräsentiere, könnten Stalins Gräueltaten die Richtigkeit der Grundidee des Sozialismus beeinträchtigen“, wird sie zitiert.

Als Kind und Backfisch hatte diese ebenfalls Sofka genannte Großmutter der Autorin bis 1917 noch den Glanz des untergehenden Zarenreichs mit seinen Bällen und Schaustellungen erfahren, mit dem Zarewitsch gespielt und vermutlich geglaubt, das würde schon so weitergehen. Kurz nach der Oktoberrevolution war sie mit ihrer Großmutter, der Fürstin Olga Dolgorukij, nach Italien geflohen. Ihre Mutter, die in zweiter Ehe mit dem Fürsten Pierre Wolkonskij verheiratete Sophia Bobrinskij, die vor dem Krieg als eine der ersten Frauen als Chirurgin gearbeitet und ein eigenes Flugzeug geflogen hatte, war in den Wirren der ersten Nachkriegsjahre aus der Emigration noch einmal nach Russland zurückgekehrt und hatte ihren zweiten Mann den Fängen der Tschekisten entrissen. Sie ließ sich mit ihm schließlich in Paris nieder, konnte als Ärztin nicht mehr arbeiten, erlebte bittere Armut, verfiel dem Morphium und starb 1957. Die Autorin beschreibt sie als entschlussfreudige, aber auch harte Frau, die sich kaum um ihre Kinder kümmerte. (In den adligen Familien waren dafür Kinderfrauen und Gouvernanten zuständig!)

Ihre Tochter Sofka hatte in erster Ehe den Grafen Leo Zinovieff, in zweiter einen englischen Adligen namens Grey Skipwith geheiratet, ihre „große Liebe“: er fiel 1942 als Bomberpilot. Sie hatte, ihrer Ahnherrin Katharina nacheifernd, zahllose Liebschaften, schlug sich mit allen möglichen Odd-Jobs durch, las wie eine Besessene, alles was ihr Privatlehrerinnen nicht hatten beibringen können, eignete sie sich selbst an. Vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs schien es, als würde sich ihr turbulentes Leben in der Londoner Boheme schließlich beruhigen: mit Grey. „Priorität hatte, so viel vom Leben zu ergattern, wie möglich. Niemand konnte das Rumpeln des herannahenden Krieges überhören, aber die beiden schäumten vor optimistischen Plänen.“

So zogen sie mit einer Kosakentruppe durch England. Grey meldete sich 1939 nach Kriegsausbruch sofort zur Armee. Sofka aber fuhr mit einem Truppentransporter nach Frankreich, sie wollte ihrer in Frankreich lebenden Großmutter helfen – und weg aus der ohne Grey so leeren Wohnung. „In Krisenzeiten hatte Sofka immer den Ort gewechselt. Fliehen war beinah zu ihrer zweiten Natur geworden.“ Sie verpasste nach der Eroberung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht den Rückweg nach London und wurde für über drei Jahre im Lager Vittel interniert, das vor allem für „feindliche Ausländer“ aus westlichen Staaten eingerichtet worden war.

Dort kam sie mit der französischen Résistance in Kontakt, schmuggelte Papiere und Nachrichten und brachte sich häufig in Lebensgefahr. Sie versuchte polnischen Juden zu helfen, die, mit Einreisevisa aus obskuren lateinamerikanischen Staaten versehen, dem jüdischen Aufstand in Warschau entkommen konnten und nach Vittel deportiert wurden, in einen abgesperrten, ghettoähnlichen Bezirk. Einige konnte sie dank ihrer Beziehungen zum französischen Widerstand retten, die meisten wurden nach Osten zurückgebracht und in Auschwitz vergast – auch ihr damaliger Lebensgefährte, ein polnischer Jude, den sie in ihren Memoiren „Darling“ nennt.

Seit sie die Solidarität der französischen Widerstandskämpfer erfahren hatte, war die mutige russische Prinzessin mit dem großen Herzen Kommunistin. Nach dem Krieg lebte sie eine Weile in London als Privatsekretärin des gerade aufgehenden Schauspielstars Laurence Olivier und danach lange Jahre als Reiseleiterin, die englische und französische Genossen von London oder Paris aus in die Länder des Ostblocks begleitete. Schließlich zog sie mit Jack zusammen, einem englischen Arbeiter und Kommunisten, dem sie bei einer dieser „Urlaubs“-Reisen begegnet war.

Bei ihm ist sie geblieben bis zu ihrem Tod, gelegentlich besucht von ihren drei Söhnen, die sie ebenso „weggegeben“ hatte, wie ihre Mutter sie. „Nach all den Jahren hatten ihr die kleinen Fische schließlich gegönnt, was sie sich so lange gewünscht hatte: Frieden, Wurzeln und einen Gefährten. Nach und nach verlor sie sogar ihre Angst, dass ihr auch das genommen werden könnte. Das Paar genoss seine ländliche Abgeschiedenheit und in einem relativ jungen Alter (Jack war fünfundvierzig, Sofka neun Jahre älter), sie machten es sich in jenem angenehmen Alltag gemütlich, den sie für die nächsten drei Jahrzehnte beibehalten sollten.“ Genug Geld hatten sie selten, aber dennoch verirrten sich immer wieder nicht nur ihre Söhne, sondern Freunde aus besseren Tagen, Intellektuelle, Bohemiens, Schriftsteller in das einsame Moor, an dessen Rand das kleine Steinhaus stand, wo Sofka und Jack mit Hunden, Katzen und Hühnern lebten.

Ende der sechziger Jahre hat sie ihre Autobiografie geschrieben, 1973 ein russisches Kochbuch. Beide Bücher hatten nur mäßigen Erfolg. Jahre nach ihrem Tod wurde sie in Yad Vashem unter die „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen, weil sie Juden geholfen hatte.

Ihre Enkelin, die ihren Namen Sofka trägt, hat für ihr Buch ausführlich recherchiert, mit vielen gesprochen, die ihre Großmutter kannten (mit Verwandten, Bekannten, Freunden und Feinden), hat in russischen, deutschen und englischen Archiven geforscht (beim Geheimdienst MI 5 zum Beispiel, der auf die „rote Prinzessin“ ein waches Auge hatte), sie hat all die Orte besucht, an denen Sofka Dolgorukij-Zinovieff-Skipwith einmal gelebt hat: St. Petersburg, Berlin, Paris, die Côte d’Azur, Prag, Sofia, London und Cornwall. Denn: sie hatte die alte Sofka noch kennengelernt und war ihrem robusten Alterscharme, ihrem Mut, ihrer Großzügigkeit erlegen.

Die „junge“ Sofka Zinovieff ist Journalistin und Buchautorin und lebt heute mit ihrem griechischen Mann bei Athen. Ihr Lebensbericht einer erstaunlichen Frau ist spannend geschrieben und um Objektivität bemüht. Sie verschweigt auch die Schattenseiten der Figuren, ihrer Heldin und der Männer um sie herum, nicht und verweigert auch denen ihre Sympathie nicht, die so oft – heimatlos und von den Zeitläuften beschädigt – scheiterten und ins Elend kamen. Ihre Biografie ist unsentimental und gewährt einen Einblick in das Leben jener Emigranten, hochgeborener wie armer, von denen sonst kaum jemand erzählt. Sie hat ihnen Angesicht und Stimme zurückgegeben und sie so dem Vergessen entrissen.

Literaturangaben:
ZINOVIEFF, SOFKA: Die rote Prinzessin. Ein revolutionäres Leben. Aus dem Englischen von Aurelia Batlogg. Deuticke im Zsolnay Verlag, Wien 2008.

Verlag

Roland H. Wiegenstein arbeitet als freier Literatur- und Kunstkritiker für dieses Literaturmagazin. Er lebt in Berlin und Italien


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