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Ein deutsches Südseemärchen

Otto E. Ehlers' Reise nach Samoa im Jahre 1894

© Die Berliner Literaturkritik, 31.10.08

 

Es begab sich im Jahre 1894, dass dem deutschen Weltenbummler Otto E. Ehlers beim Frühstück in Colombo (Ceylon) aus den Morgenzeitungen das Wort „Samoa“ entgegenstarrte. Samoa! Südseeinsel, noch unabhängig, aber die USA, Großbritannien und das Deutsche Reich zeigen sich interessiert und sind bereits mit Kriegsschiffen vor Ort. Vielleicht steht das Hissen der Reichsflagge unmittelbar bevor! Da muss ich dabei sein, denkt sich Herr Ehlers, scheucht seinen Domestiken zum Packen und besteigt den nächsten Dampfer. Über seine Reise nach Samoa, nebst Abstecher nach Australien und Neuseeland, hat er ein Buch geschrieben. Kurzfristig ein Publikumserfolg, nach dem Verlust der deutschen Südseekolonien im Ersten Weltkrieg in Vergessenheit geraten, nun bei Lilienfeld neu aufgelegt, zum Nutz und Frommen aller Stubenhocker, die sich gerne an Berichten aus fernen Ländern und Zeiten delektieren.

Es muss eine herrliche Zeit des Reisens gewesen sein damals, jedenfalls für Menschen mit Geld, Geschmack, Bildung und gesellschaftlichem Rang. Die Natur noch weitgehend unberührt, aber doch schon erreichbar; die Eingebornen noch milde wild, schon ein bisschen zivilisiert, sittsam, aber noch nicht gänzlich von den Missionaren verdorben. Das Kolonialsystem noch vor der Tür, Massentourismus und Wohlstandsmüll in weiter, weiter Ferne. Aber europäische Kultur zeigt sich allüberall in Gestalt deutschstämmiger Plantagenbesitzer und Seiner Majestät Seeoffiziere, die sich wechselseitig an Gastfreundschaft und Freigebigkeit überbieten. Und das gute Pschorr-Bier ist auch schon bis zu den Antipoden vorgedrungen!

Es ist ein unerwartet flotter, unterhaltsamer Reisebericht; unerwartet, weil es sich bei dem Autor um einen national gesinnten Bürger der wilhelminischen Zeit handelt. Und da haben wir unsere Vorurteile. Man denkt sofort an Simplicissimus-Karikaturen, bornierte, erzkonservative, schnarrend schnurrbartzwirbelnde Reaktionäre. Aber das ist von der Niederlage 1918 aus rückwärts gedacht. Vorher waren die alten Knacker durchaus flotte Hüpfer, abenteuerlustig, nonkonformistisch, mit einer spezifischen Form von Modernität, mit einer Zukunft auf und über den Wassern.

Ehlers trug übrigens keinen Schnurrbart. Wohl aber trägt er die rassistischen Topoi seiner Zeit vor: Die Aborigines sind die „garstigsten Menschen“, die er je gesehen hat, bei einem Mitreisenden müssen Judentum und schlechte Tischmanieren irgendwie zusammenhängen, Yankees sind sowieso unsympathische Protze. Nur die Deutschen, die er überall trifft, finden sein Wohlwollen – falls sie ihrem Deutschtum auch treu geblieben sind! Frauen, die ihre Kinder nicht deutschsprachig erziehen wollen, wünscht er glatt die Unfruchtbarkeit auf den Hals! Das alles ist gar nicht einmal böse und gehässig gemeint, eher von naiver Selbstverständlichkeit und mit milder Ironie durchsetzt. Immerhin verteilt er Lob und Tadel halbwegs gerecht. Die australische Kolonialverwaltung rühmt er wegen der an ihn verabreichten Gratis-Bahnfahrkarten; seinen deutschen Landsleuten verübelt er den Export steif gestärkter Oberhemden in die Tropen. Den wahren Narren aber hat er an den Samoanern gefressen. Nicht zuletzt ihretwegen ist für ihn Samoa die „Perle der Südsee“. Ihnen verzeiht er sogar ihre Unlust, sich für die Arbeit auf den Plantagen herzugeben!

Ein buntes Panoptikum von Eindrücken beschert uns Otto Ehlers, das ist die Stärke und die Schwäche seines Buches. Die Welt lebt im Detail. Das schildert er in präziser, griffiger Sprache. Aber größere Zusammenhänge oder tiefere Einsichten entgehen ihm. Den (das?) berühmte(n) „Faa Samoa“, das lokale Sittengesetz, das „das machen wir so und nicht anders auf Samoa“, ein rigides soziales Kontrollsystem, dem gegenüber das niedrigste Niederbayern als Hort von Liberalität und Nonkonformismus erscheint – Ehlers registriert es, ohne es zu begreifen. Dass es sich bei seinen geliebten Eingeborenen, die in offenen Hütten frei vor allen Blicken der Nachbarn hausen und sich aus Prestigesucht wechselseitig durch inflationäres Beschenken ruinieren, dass es sich dabei um ein ausgemachtes Völkchen hochgradiger Psychos handeln muss – das entgeht ihm gänzlich. Konsequenterweise erscheint ihm auch der dort gerade stattfindende Bürgerkrieg als eine recht merkwürdige Eingeborenennarretei.

Aber Ehlers ist eben auch kein Ethnologe, kein Entdecker, kein Forscher. Er ist ein Sammler von Eindrücken, ein glänzender Reiseschriftsteller, ein Mann mit einer Sprachgewalt, den man sich am besten als eine Art Karl May mit Turbolader und Nachbrenner vorstellt. Dabei stellt man am Ende der unterhaltsamen Lektüre erstaunt fest, dass der Mann auf dieser Reise ja eigentlich überhaupt nichts Besonderes erlebt hat. Nur Festivitäten und die üblichen Sehenswürdigkeiten. Das sollte sich auf seinem nächsten Trip gründlich ändern. Während einer total missglückten Neuguinea-Expedition kommt er tief in der Wildnis ums Leben und endet höchstwahrscheinlich in Kannibalen-Mägen. Das wäre ein Buch geworden! Aber er konnte es nun leider nicht mehr schreiben.

Literaturangaben:
EHLERS, OTTO E.: Samoa. Die Perle der Südsee. Mit einem Nachwort von Hermann Joseph Hiery. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2008. 192 S., 19,90 €.

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