Ein Denker des Dialogs

Zwei vergriffene Texte von Michail Bachtin sind bei Suhrkamp erschienen

© Die Berliner Literaturkritik, 16.01.12

BACHTIN, MICHAIL: Autor und Held in der ästhetischen Tätigkeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2008, 356 S., 13 €. ISBN: 978-3-518-29478-9


BACHTIN, MICHAIL : Chronotopos. Suhrkamp Verlag, Berlin 2008, 242 S., 10 €. ISBN: 978-3-518-29479-6

Von Volker Strebel

Michail M.Bachtin (1895-1975) hat unter außergewöhnlichen Umständen ein international anerkanntes wissenschaftliches Werk geschaffen. Obwohl in der Sowjetunion der überwiegende Teil seiner Schriften über Jahrzehnte hinweg nicht erscheinen konnten, haben sich seine Skripten ihren Weg zum Publikum gebahnt. Kaum ein Wissenschaftler, der über eine derartige Resonanz verfügt, wie Michail Bachtin.

Bereits in den späten 1910er Jahren hat Bachtin junge Gelehrte um sich versammelt und Vorträge gehalten. 1919 erschien sein Artikel „Kunst und Verantwortung“, der geradezu programmatisch seine lebenslange Beschäftigung anzeigt.  

Ende 1928 wird Bachtin, der an einer chronischen Knochenmarkentzündung leidet, verhaftet und zu fünf Jahren Lager verurteilt. Dank Fürsprache von einflussreichen Freunden wird das Urteil in Verbannung umgewandelt. Die späteren Jahre arbeitet Bachtin als Lehrer, ab dem Jahr 1945 kann er als Literaturwissenschaftler in Saransk unterrichten.

In der Frühschrift „Autor und Held in der ästhetischen Tätigkeit“ geht Bachtin dem in der Philologie gemeinhin übersehenen Wechselverhältnis zwischen dem schaffenden Künstler und seinen von ihm entworfenen Figuren nach. Ein Grundmuster Bachtinscher Forschung findet sich hier angelegt, denn seine weltweit bekannt gewordenen Schlüsselkategorien wie „Karnevalisierung“, „Redevielfalt“, „Chronotopos“ oder „Polyphonie“ sind letztlich immer in der Herausforderung von Dialogizität eingebettet. Bei Bachtin kommen immer auch noch die Aspekte ethischer Verantwortung und Handlungsweisen hinzu. Damit ist im Gegensatz zu formalen Widerspiegelungstheorien der Einzelne in seinem Agieren enorm aufgewertet. Der Einzelne allerdings kommt ohne ein Gegenüber nicht zur Geltung. In kultursemiotischen und philosophischen Anschlußoperationen kommt das jeweilige So-Sein des Einzelnen immer erst im Abgleich mit dem Anderen zur eigentlichen Entfaltung.

Bachtins Grundgedanke einer Dialogizität ist zutiefst von einer unabgeschlossenen Dynamik durchdrungen. Die Dinge sind im Fluß, können sich ändern und ziehen somit die sie umgebende Gesamtkonstellation in die Veränderung hinein.

Der von Bachtin in der Literaturwissenschaft eingeführte Begriff „Chronotopos“ untersucht die Raum-Zeitverschränkung in literarischen Texten. Seine Schrift, die in den 1930er Jahren entstanden und in den 1970er Jahren ergänzt und fertiggestellt wurde, stellt kein umfassendes oder gar geschlossenes System dar. Vielmehr belegt Bachtin in einzelnen historisch abgegrenzten Etappen wie etwa dem „griechischen Roman“, dem „Ritterroman“ oder in den „Funktionen des Schelms, des Narren und des Tölpels im Roman“ die konkreten ästhetischen Folgen des jeweils inszenierten Chronotopos. In der künstlerischen Gestaltung kann die Zeit gedehnt oder verkürzt werden, können konkrete Orte eine „offene Ereignishaftigkeit“ annehmen. Um kultursemiotische Konstellationen aufzuspüren, bevorzugt Bachtin eindeutig den Roman und dessen polyphone Sprechweise.

Es ist dem Suhrkamp Verlag zu danken, daß er langjährigen und erfahrenen Bachtin-Forschern aus der alten Bundesrepublik sowie der ehemaligen DDR die Gelegenheit ermöglichte, neue und vorzüglich aufbereitete Texte in hervorragenden Ausgaben vorzulegen.

Bemerkenswert an Bachtins Schriften ist ihre außerordentliche Aufgeschlossenheit gegenüber Fragestellungen im Bereich der Handlungstheorie sowie der Philosophie. Gesellschafts- und kulturphilosophische Denksysteme lassen sich somit dialogisch dekonstruieren. Bachtins Überlegungen enthalten, nicht zuletzt angesichts ideologischer Monologe, daher auch immer einen eminent politischen Charakter.

Bachtins Texte, zuweilen unsystematisch und skizzenhaft, sind zutiefst dem Leben zugewandt, was einer der Gründe für ihre Vitalität und Überzeugungskraft darstellen mag.  


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