Von Sandra Trauner
FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Zum 60. Mal hat am Mittwochmorgen (15. Oktober) die Frankfurter Buchmesse ihre Tore geöffnet. Bis zum Sonntag (19. Oktober) erwarten die Veranstalter knapp 300.000 Besucher. Neue digitale Medien und politische Debatten haben den Auftakt der 60. Frankfurter Buchmesse am Mittwoch (15. Oktober 2008) geprägt. Zu den prominentesten Gästen zählten am ersten Messetag Bundespräsident Horst Köhler und der türkische Staatspräsident Abdullah Gül sowie Buchpreis-Träger Uwe Tellkamp und Siegfried Lenz. Nicht weniger Aufmerksamkeit bekamen jedoch erstmals vorgestellte kleine elektronische Lesegeräte. Diese E-Books könnten Branchenkennern zufolge die Verlagslandschaft revolutionieren wie keine andere technische Innovation in den vergangenen Jahrzehnten.
Verleger, Buchhändler und Autoren reichten an einem Stand in Halle vier die bereits erhältlichen Modelle und von Hand zu Hand, während Experten die Vor- und Nachteile der einzelnen Geräte erklärten. Besonders bestaunt wurde ein E-Book, dessen berührungsempfindlicher Bildschirm sich bis auf Handygröße zusammenrollen lässt. Sony kündigte auf der Buchmesse sein neues E-Book für Frühjahr 2009 an.
Das Wort „digital“ ist allgegenwärtig in Frankfurt. Nur noch 42 Prozent der ausgestellten 400.000 Exponate der 7.373 Aussteller sind im klassischen Sinne Bücher – 30 Prozent sind digitale Produkte wie DVDs oder Software. Ungebrochen beliebt sind Hörbücher. In den vergangenen sieben Jahren hat sich die Anzahl ihrer Käufer mehr als verdoppelt, wie eine Studie ergab. Die Branche setzt damit inzwischen rund 200 Millionen Euro um.
Neben der Elektronik beherrschte die Politik den ersten Messetag. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand die Türkei, der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse. Die Chefredakteure der „Bild-Zeitung“ und der türkischen Tageszeitung „Hürriyet“ stellten ein gemeinsames Buch vor: „Süper Freunde – Was Türken und Deutsche sich wirklich zu sagen haben“. Unter den 26 prominenten Autoren ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ebenso vertreten wie die deutsch-türkische Rapperin Lady Bitch Ray.
Bei einem deutsch-türkischen Diskussionsforum zum Thema „Bildung und Integration in Deutschland“ sprach Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit jungen Migranten. Er rief die Zuwanderer auf, mehr Interesse an der Ausbildung ihrer Kinder zu zeigen und sich in Elternbeiräte wählen zu lassen. „Geht rein, engagiert euch!“
Bundespräsident Horst Köhler traf sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül. Nach einem persönlichen Gespräch besuchten die beiden Politiker die Präsentation des Buchmessen-Gastlands Türkei, wo sich Köhler über die türkische Literatur informierte. Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan äußerte sich zum „Islam als Teil einer europäischen Identität“ und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk sprach über „Die Sehnsucht der Türkei nach Europa“.
Nach 18 Jahren Abwesenheit besuchte der 82 Jahre alte Siegfried Lenz erstmals wieder die Buchmesse. Er sprach er über sein neues Buch „Schweigeminute“ und rauchte eine Pfeife nach der anderen. Danach versuchte er dem Trubel auf der Buchmesse so schnell wie möglich zu entkommen: „Ich genieße das nicht, ich gehe am Stock.“ Als Folge seiner Krebserkrankung leidet Lenz unter starken Schmerzen.
Erster Gast auf dem „Blauen Sofa“ war am Morgen Buchpreisträger Uwe Tellkamp. Er sprach über seinen Roman „Der Turm“ und seine Erfahrungen in der DDR. Später standen SPD-Politiker Franz Müntefering, Sex-Beraterin Ruth Westheimer und Krimiautorin Ingrid Noll den Moderatoren Rede und Antwort. Im Halbstundentakt nehmen die Interviewpartner auf dem Zweisitzer Platz – 15 Autoren täglich. Ähnliche Prominenten-Talks gibt es auch in anderen Hallen.
Von einem „Sensationsfund“ berichtete der Verlag Hoffmann und Campe: Unter bislang unbekannten Umständen sei ein 40 Seiten starkes, handgeschriebenes Manuskript von Heinrich Heine wiederentdeckt worden. Der im Juni 1832 geschriebene Artikel galt seit über 100 Jahren als verschollen.
Erstmals verteilte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ an die Besucher ihre neue „Zeitung zur Buchmesse“ , die täglich erscheinen soll. Ebenfalls zum ersten Mal wurde in diesem Jahr der „kurioseste Buchtitel des Jahres 2008“ gewählt. Es siegte „Begegnungen mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer“. Für Juror Elmar Krekeler ist das „hohe Titeleikunst nah am Wahnsinn“. Bis Freitag ist die Buchmesse Fachbesuchern vorbehalten, am Wochenende darf auch das Lesepublikum kommen.