Der 1992 verstorbene amerikanische Autor Richard Yates feierte jüngst durch die Verfilmung seines Debütromans „Zeiten des Aufruhrs“ mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio sein Revival in den Kinos. Das so brillant scharfsinnig wie auch stellenweise schnippisch gezeichnete Psychogramm des Ehepaares Frank und April Wheeler beschreibt und karikiert gleichermaßen das mittelständische Leben in einer amerikanischen Vorstadt während der Fünfziger Jahre. Dabei spielt insbesondere die Darstellung des erfolglosen Ausbruchs aus der gesellschaftlichen Konformität als auch aus der individuellen Einsamkeit eine große Rolle. Frank und April halten sich beide für zu besonders, um in der gleichgeschalteten Gemütlichkeit ihrer Umgebung für immer zu verweilen. Doch während April mit einem Umzug nach Paris daran konkret etwas ändern möchte, stellt sich heraus, dass Frank insgeheim gar nicht so unglücklich mit seinem Status und dem „langweiligsten Job der Welt“ zu sein scheint, wie er es bis dahin immer behauptet hatte. Dann stellt April verzweifelt fest, dass sie schwanger mit ihrem dritten Kind ist und der Konflikt über die Umsetzung der offensichtlich unterschiedlichen Vorstellungen des Paares von ihrem zukünftigen Leben endet in einem dramatischen Finale. April distanziert sich zunehmend von ihrem Mann und stirbt durch einen zu hohen Blutverlust, nachdem sie selbstständig eine Abtreibung vorgenommen hat.
Weniger tragisch geht es hingegen in „Eine besondere Vorsehung“ zu, obwohl auch hier Yates wieder mit ähnlichen Motiven spielt, indem er sie diesmal auf Alice Prentice und ihren Sohn Robert überträgt. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Alice, die sich für eine verkannte Bildhauerin hält, der man nur die Gelegenheit einer Einzelausstellung ihrer Werke und den materiellen Komfort für eine sorgenfreie Arbeitsatmosphäre bereitstellen müsste, damit sie sich endlich vollends künstlerisch entfalten kann. Geschieden von Roberts Vater, einem in ihren Augen typischen Konformisten, Spießer und Langweiler, versucht sie sich allein mit ihrem Sohn durchzuschlagen und der Kunst stets treu zu bleiben — und lebt dabei permanent über ihre Verhältnisse und auf Kosten ihres Exmannes, was sie beinahe in die Obdachlosigkeit treibt. Doch selbst Jahre später, als ihr Bobby längst bei der Armee dient, ist Alices Glaube an eine Kehrtwende ihrer materiellen Lage und künstlerischen Karriere ungebrochen.
Parallel dazu erfährt der Leser von Roberts Dienst beim Militär während der letzten Monate des Zweiten Weltkrieges. Robert steht sich permanent selbst im Weg, wenn es darum geht, von seinen Kameraden akzeptiert und gemocht zu werden. Ist die Eitelkeit seiner Mutter noch einigermaßen verhalten und nahezu gerechtfertigt durch einen einmaligen Erfolg ihrer Kunst (in Form einer veröffentlichten Fotografie ihrer Skulptur in der New York Times), dominiert sie bei Robert durchgängig sein Denken und Verhalten.
Yates schafft es mit beißender Ironie und detaillierten Beschreibungen der unscheinbarsten Verhaltensformen, Gesten und Gesichtsausdrücke die ganzen menschlichen Komplexe und Unsicherheiten anhand seiner Figur aufzuzeigen und zu überspitzen: Selbst mitten im Krieg und unter Beschuss fragt sich Robert, ob er sich einigermaßen ansehnlich bewegt; er freut sich über einen alten Zahnpastafleck auf seiner verdreckten Uniform und bearbeitet seine Stiefel, um möglichst verwegen auszusehen. Er schreibt seinem Schulfreund anspruchsvolle Briefe, die ihm seine ganze Intellektualität abverlangen. Er möchte einem Schein entsprechen, dem er unaufhörlich seine ganze Aufmerksamkeit und Energie widmet — und geht dabei allen auf die Nerven. Und während sich langsam das Ende des Krieges und damit Roberts Heimkehr abzeichnet und zu dem Lebensinhalt von Alice wird, nimmt die unterschwellige Einsamkeit der Figuren zunehmend Gestalt an und beherrscht zum Ende des Romans das Bild.
Im Gegensatz zu „Zeiten des Aufruhrs“ plätschert diese Erzählung eher sanft zum Schluss. Doch die Tragik der unerfüllten Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte sowie die allgegenwärtige Einsamkeit, welche stets einem perfekten Dasein an der Oberfläche des Lebens entsprechend angepasst, unterdrückt oder übertrieben werden müssen, lassen eine Gesamtkomposition entstehen, die in ihrer Atmosphäre einem Bild von Edward Hopper gleicht.
Nichtsdestotrotz fehlen der direkte Austausch zweier Figuren und die damit verbundene doppelte Sichtweise des Gegenübers, wie sie noch anhand der Wheelers stattfindet. Nur in der Retrospektive sind Mutter und Sohn vereint, spielen sich aber nicht den Ball der unterschiedlichen Interpretationen einzelner Nuancen ihres gegenseitigen Verhaltens zu. Es bleibt bei der Schilderung eines verträumten Lebens der Mutter und eines von Eitelkeit und Unsicherheiten geprägten Militäreinsatzes des Sohnes.
Stilistisch ist Yates aber seiner Linie aus „Zeiten des Aufruhrs“ treu, was seine Beobachtungsgabe der menschlichen Natur und seinen Humor aus Ironie und Situationskomik betrifft. Zu Lebzeiten gelang es Yates zwar nicht, große literarische Erfolge zu feiern, doch umso berechtigter ist seine Wiederentdeckung und Ikonisierung zu einem der bedeutsamsten Autoren der amerikanischen modernen Literatur und Vorbild von Richard Ford und Raymond Carver. Seine subtile Kritik an den Auswirkungen der Konsum- und Spaßgesellschaft auf die Menschlichkeit sind in unseren heutigen Zeiten des Überflusses aktueller denn je.
Von Karolina Szczepanska
Literaturangabe:
YATES, RICHARD: Eine besondere Vorsehung. Aus dem Englischen von Anette Grube. DVA Verlag, München 2008. 389 S., geb., 19,95 €.
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