Von Milena Oda
Kateřina Tučková (* 1980) ist eine junge Brünner Autorin, die sich dem Thema der Vertreibung aus ihrer Heimatstadt in ihrem neuen Roman „Vyhnání Gerty Schnirch“ („Die Vertreibung der Gerta Schnirch“) angenommen hat. Das 400-seitige Buch umfasst eine große Zeitspanne, wobei den größten Raum die Kriegs- und Nachkriegszeit einnimmt, vor allem der sogenannte „Todesmarsch von Brünn nach Pohořelice“, mit dem auch die Hauptfigur des Romans aus der Stadt getrieben wird. Die Handlung beginnt im Jahr 1939 mit Gertas Jugend in der deutsch-tschechischen Familie Schnirch und endet im Jahre 2001. Die Mutter ist Tschechin, der Vater ist Deutscher. Gerta begrüßt den Vater auf Tschechisch, er antwortet auf Deutsch. Der Vater lacht über einen nackten Juden und die Mutter bricht in Tränen aus, weil der Mensch unwürdig behandelt wird.
Als der Krieg ausbricht, ändert sich das Familienleben schlagartig. Auf Wunsch des Vaters muss Gerta fortan die erste Strophe des Deutschlandliedes singen. Doch merkt sie, dass das Verhältnis zwischen dem Vater und ihrem Bruder Friedrich ein viel engeres ist. Immer öfter unterhalten sich die beiden unter vier Augen. Worüber? Sie versteht noch nichts.
Eines Tages untersagt ihr Vater, zu Hause Tschechisch zu sprechen. Gerta wendet sich ihrer Mutter zu, der Haushalt zerfällt in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Schließlich zerbricht die Familie – wie die Länder Europas und die Seelen der Menschen.
Die Mutter stirbt während des Krieges, der Sohn wird an die Front geschickt, der Vater fängt an zu trinken und Gerta besucht tagtäglich das Grab ihrer Mutter. Während des Krieges lernt sie einen Tschechen kennen, sie wird schwanger.
Der Krieg ist zu Ende, die Angst bleibt. Am 26. April 1945 werden alle Deutschen aus Brünn auf den 30 Kilometer langen Todesmarsch nach Pohořelice geschickt. Gerta überlebt. Nach einigen Jahren kehrt sie gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter in die mährische Metropole zurück, doch die Stadt ist ihr fremd geworden. Als Halb-Deutsche bewegt sie sich am Rande der tschechischen Gesellschaft, die allem Deutschen Ablehnung entgegenbringt. Gerta Schnirch stirbt vereinsamt in den Armen ihrer Tochter.
Im Roman werden offizielle Quellen und Zeitzeugenaussagen zu einer gelungenen Narration verflochten. Tučková schafft es, die Fakten zu dramatischen Szenen zu verdichten, sie im richtigen Moment abzubrechen oder im Poetischen auslaufen zu lassen. Der Roman liest sich leicht, die Last des Stoffs wiegt jedoch schwer. Die Autorin betont, dass sie mit diesem Roman niemanden verurteilen oder verteidigen will, sie will nur die Wahrheit über das Leben dieser einen deutsch-tschechischen Familie ans Licht bringen.
Um die Geschichte authentisch beschreiben zu können und auch um auf dieses tschechisch-deutsche Tabu aufmerksam zu machen, ging sie die Todesmarsch-Strecke von Brünn nach Pohořelice zusammen mit Freunden, Historikern und Zeitzeugen. Etwa fünfzig Leute trafen sich damals auf dem Mendelplatz um 22 Uhr, davon gingen 25 in Richtung Pohořelice. Tučková marschierte genau wie Gerta in der damals typischen Kleidung, mit einem Kinderwagen und Gepäck. „Wir sind dort um acht am Morgen angekommen, den anstrengenden Marsch haben nur vier durchgehalten. Die älteren Zeitzeugen, die es nur bis zum Stadtrand schafften, zeigten mir, wo wer gestorben war oder wo sie wen verloren hatten“, schildert Tučková. Der Weg würde zwar anders aussehen – heute stehen dort Supermärkte und Einkaufszentren, doch „die Emotionen, die ich während des Marsches spürte, waren eine unentbehrliche Erfahrung und sehr wichtig für den Roman.“ Bis heute wüssten nur wenige Brünner, was mit den 58 000 Deutschen, die einmal in ihrer Stadt lebten, genau passiert ist, sagt die Autorin.
Tučková gelingt es, die Geschichte zu beseelt-ausgeglichenen Bildern des Vergessens und Erinnerns zusammenzuführen, eine sprachlich rührende Choreografie dieser problematischen Zeit zu entwerfen. Sie endet mit dem aussichtslosen Verlust von Hoffnungen und Illusionen. Gerta, die als Deutsche bezeichnet wird, aber auf Tschechisch fühlt, stirbt an einer großen Ungerechtigkeit in ihrer alten Heimat.
Ihre Generation wisse fast nichts über diese Vergangenheit, erfährt man auf Tučkovás Homepage, „denn während des Kommunismus wurde das Thema verschwiegen, nach der Wende bildete sich die Gruppe ,Jugend für interkulturelle Verständigung', die erreichen wollte, dass sich die Stadt Brünn offiziell bei den Opfern entschuldigt. Ohne Erfolg. Dann war das Thema wieder verschwunden und erst jetzt wird wieder im Zusammenhang mit meinem Buch darüber gesprochen.“
Die Autorin will nicht „von oben herab“ belehren, ihr Buch ist weder eine Selbsttherapie – die Autorin ist dafür zu jung und hat selbst keinen engen Bezug zu Deutschland – noch ist es eine reine Geschichtsstudie. Tučková ist freie Kuratorin und absolviert gerade ein Doktorandenstudium an der Prager Karlsuniversität in Kunstgeschichte. Von dieser beruflichen Orientierung wurde auch ihr Interesse an diesem Thema geweckt. Wie die Autorin selbst sagt, sensibilisierte das Bewusstsein über die Orte, Straßen und Häuser in Brünn, in denen früher auch die Deutschen lebten, ihre Wahrnehmung. Die Geschichte, die langsam im Kopf enstand, konnte sie nicht mehr aufhalten.
Literaturangabe:
TUČKOVÁS, KATEŘINA: Vyhnání Gerty Schirch. Brno, Host 2009. (Dt. Ausgabe geplant: „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“).
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