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„Die Übriggebliebene“

Elfriede Jelineks Theaterstück „Winterreise“

© Die Berliner Literaturkritik, 23.06.11

JELINEK, ELFRIEDE: Winterreise: Ein Theaterstück. Rowohlt Verlag, 128 S., 14,95 €.

Von Björn Hayer

Rufe, die im Raum vergehen, „fast so leicht wie Menschen“. Lose Stimmreste gleichen verlorenen Fußabdrücken im Sand. Denn „Alles ist fort“, weil die Zeit verrinnt. Immer und bodenlos. Doch wer spricht hier überhaupt? „Eine Übriggebliebene?“ Schon in ihren letzten Theaterstücken deformiert die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ihr Figureninventar zu ohnmächtigen Sprachhüllen, die eine eigenständige Sprache längst verlernt haben. Sie sind dazu verurteilt, in Scherben zu wühlen, um doch wieder nichts darin zu finden außer Kopien und Imitaten. Ja, es ist das Suchen nach einer urtümlichen Sprache, keine Scherben oder Abdrücke, dem Eigentlichen eifern sie nach – so lange, bis sie daran zergehen. Was bleibt, ist nur Zerstörung, hinter der kein Paradies mehr zum Vorschein kommt. Allenfalls sind es die Übriggebliebenen, Schattenkabinette, die menschlichen Plapperfossilien gleichen, sie durchwandern haltlose Welten, ohne jemals über den Rand ihres Abgrundes blicken zu können.

Auch ihr neustes Theaterstück „Winterreise“ widmet sich ganz und in ungewöhnlicher Deutlichkeit der Wanderschaft, obgleich der permanente Eindruck entsteht, nur annähernd über leere, bildlose Bahnhofshallen hinauszugelangen. „Unser Herz ist wie erfroren“, beklagt ein Ich, über dessen Gestern und Morgen wir kaum etwas erfahren werden, geschweige denn wissen, wohin seine Wanderschaft es treiben soll. 

Geradezu en courrant entführt uns die Autorin mit ihrem allmählich in Zerfaserung übergehende Subjekt in acht Kapiteln durch ein facettenreiches Potpourri an Zeitkritik. Zwischen ingeniösem Zynismus und resignativem Lamento besingt ihr Ich seine Zeit, in der es keinen halt mehr gibt. Mal streift es den Ausverkauf des Menschen im kapitalen Weltmarkt, ein andermal den Fall Natascha Kampusch – der Fremdfigur schlechthin. Und was gilt der gleichgeschalteten Masse heute noch das Außenseitertum? Wohingegen Politisches und Gesellschaftliches palimpsestartig vermischt wird, fließt ebenso Privates und Öffentliches unmerklich ineinander. Teilt das Ich uns doch seine verzweifelte Situation nach einem folgenschweren Autounfall mit, ufert seine Hoffnungslosigkeit allzu bald schon in einen großen Weltschmerz. In der Tat: Kaum zu glauben, dass ein postdramatisches Theaterstück ersten Ranges den Rückschlag auf das 19. Jahrhundert unternimmt. Doch Jelineks moll-artige Apokalypsesuite lotet nicht nur die Entfremdung des modernen Menschen aus, vielmehr setzt sie ihre Zeitkritik in einen kongenialen Spannungsbogen zu einem heute leider weitestgehend vergessenen Dichter in Szene: Die Rede ist von Wilhelm Müller. Genauer: von seinem schauerlichen Liederzyklus „Die Winterreise“. Das Leiden des Jelinekschen Ich rückt dadurch in ein ungekanntes Licht. Es spricht mit fremden Versen, zitiert collageartig den Weg der Winterreise nach. Steht es demnach nicht nur außerhalb der Gesellschaft, gehört ihm nicht einmal mehr die eigene Sprache. Wer Jelineks Kunst zu überschauen weiß, erkennt unmittelbar die ihr typische Montagetechnik, in die das Ich wie eingewoben wirkt. Nicht nur die Reihenfolge und Motive entlehnt die Wiener Autorin minutiös der Müllerschen Vorlagen, auch die dunkle Seelenverlorenheit seines Wanderers, der nach einer gescheiterten Liebeshoffnung ziellos in die unwägbare Winterlandschaft hinauszieht, unterlegt Jelinek ihrer Figur. Dass in der pikante Komposition vielstimmiger Kulissen und Versatzstücke der unglaubliche Reichtum ihres Werkes zutage tritt, ist wahrlich keine Neuigkeit. Schon „Die kontrakte des Kaufmanns“, „Bambiland“ oder ihr umstrittener Antipornoroman „Lust“ verstehen sich als bunter Zitierstrauß aus Geschichte und Mediendschungel. 

Jelineks „Winterreise“ vermag aber noch mehr. Selten war die inzwischen oftmals verachtete Autorin so filigran und persönlich, so traurig und entlegen. Schon im Lesen vergeht die spürbar verrinnende Zeit. Ihr Ich betont von Anfang an die Nutzlosigkeit all seiner Versuche, aus dem Sandkrater je wieder entkommen zu können. Es muss einfach wandern – eben wie Müllers Außenseiterfigur. Ein Ende ist nicht in Sicht, einzig der Tod scheint in beiden Texten den ersehnten Endpunkt darzustellen. Die Zeit dehnt sich über die Lebenswelt wie ein Netz, sodass ein Halt an ihr unmöglich wird. Zwischen Internet und einem abstrakten Gesellschafts-Wir, zerrissen zwischen Konsumgeilheit und Fortschrittsbeschwörung, findet Jelineks gespenstische Figur sich in einer fremden Welt wieder. Bitter muss sie bekennen: „Die Zeit ist nicht meine“ – Worte verlieren die Substanz, verhallen als blasses Echo. 

Überhaupt droht die Sprache merklich zu ersticken. Nur mäßig kann sie sich unter der harten Oberfläche des monologischen Sprechmaterials hervortun. Aber wohin soll sie auch gehen, wenn alles verstumpft, verflacht, versinkt? 

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Worum es Jelinek aber bei alledem geht, ist nicht mehr und nicht weniger als Wahrhaftigkeit. Denn nichts in ihrem kalten Kosmos ist so sehr abhanden gekommen, wie der Blick auf das Wahre. Seien es verwirtschaftlichte menschliche Beziehungen, die Universalvulva des Netzes, welche Liebe per Mausklick unproblematisch zu versprechen vermag oder sei es nicht das menschliche Befinden überhaupt – der Häutungsprozess von innen nach außen ist allgegenwärtig. Was bleibt, sind nur Staffagen, untotes Geweben im Mantel der Gleichgültigkeit gefasst. 

Manch einem bewegt da die Frage: Was ist in diesem statischen Verharren mit dem Wandertum? Nichts mehr als Illusion. Der Weg, er führt ins nirgendwo. Während sich Müllers Wanderer nach beschwerlichem Wege am Ende in Form eines Leiermanns doch die Utopie eines menschlichen Dialogs verheißt, negiert das Subjekt aus der „Winterreise“ im letzten „Akt“ sogar die eigene Existenz. Jelinek geht weiter als Müller, sie nutzt ihn geradezu als Subtext, um eine Beglaubigung seiner Dichtung zu schaffen. So galt doch insbesondere den Romantikern die aufkommende Erkenntnis einer brüchigen Welt. Spätestens seit Nietzsche ist Gott entthront – geblieben ist ein schmerzliches Vakuum, das die Existenzialisten ein Jahrhundert danach als Maßgabe von Freiheit und Selbstentwurf zu besetzen suchen. Auch in Müllers Zyklus schwingt der aufstrebende Weltschmerz mit, den Jelinek in ungemein aussichtloser Tristesse in das 21. Jahrhundert verschiebt. 

Entgegen der zumeist zutreffenden These, Jelinek würde in ihren Werken alles und sogar Tradition waghalsig zertrümmern, scheint sie den Müllerschen Text geradezu sanft in den Ihrigen einzuweben. Zwar gibt es bewusst gesetzte Brechungen, aber im Grunde genommen vermitteln sie stets die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht mehr auffindbar ist, nach einer Zeit, die ihre Spuren im Sand verweht hat, schlichtweg nach Innerlichkeit. Und vielleicht sind tatsächlich Müllers lyrische Kleinodien das Letzte, was dem Text noch stabilisiert. Schier ausgezehrt fragt das Ich Jelineks, auf Müllers gefrorenen Bach der Erinnerung anspielend: „Mein Herz, in diesem Bach erkennst du nun dein Bild?“ Leider nein, Erkenntnis spenden dieses erfrorene Herz sowie der unlängst fremde Bach keine mehr. Aber das letzte Staubkorn einer einstigen Vorstellung von Welt mag es noch sein. Noch so hämisch mögen die Sätze der Österreicherin daherkommen. Hier erscheinen sie so zerbrechlich wie noch nie und bergen gleichzeitig einen unsagbaren Schatz in sich. Denn Müllers von ihr wiederbelebte Sprache selbst trägt das wohl allerletzte Gerüst, ja den finalen, aber wohltragenden Odem dieses imposanten Panoptikums in sich.

Weblink: Rowohlt Verlag


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