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Die Spellmans – Ein Detektiv-Clan steht auf dem Komödien-Olymp

Lisa Lutz’ Familienroman „Little Miss Undercover“

© Die Berliner Literaturkritik, 22.04.08

 

BERLIN (BLK) – Im Gustav Kiepenheuer Verlag ist im Februar 2008 Lisa Lutz’ Familienroman „Little Miss Undercover“ erschienen.

Klappentext: Die Spellmans. Es bleibt in der Familie. Eine Sippe wie die Spellmans hat die Welt noch nicht gesehen. Dieser liebenswerte, haarsträubend abgebrühte, urkomische Detektiv-Clan steht auf dem Komödien-Olymp direkt zwischen John Irvings Familie Berry und der Addams Family. Lisa Lutz’ Roman über die Detektivfamilie Spellman erlangte in den USA binnen kürzester Zeit Kultstatus. Isabel Spellman, 28, hat ein großes Problem - ihre Familie. Bei SpellmanInvestigations, dem Detektivbüro ihrer Eltern, für das sie wie fast alle Familienmitglieder arbeitet, wird Privates stets berufsbezogen behandelt. Ihre 14jährige Schwester Rae nennt Rund-um-die-Uhr-Beschattungen ihr liebstes Hobby und das Leben eine wunderbare Aneinanderreihung von Möglichkeiten, die Familie zu erpressen. Der herzensgute Onkel Ray bringt mit Glücksspiel und Alkohol die Ermittlungen durcheinander. Und David, der perfekte Bruder, der das Unternehmen beizeiten verließ, um Anwalt zu werden, mischt sich dennoch überall ein. Als die Eltern Rae beauftragen, Isabel und ihren aktuellen Liebhaber zu beschatten, beschließt sie wutentbrannt, aus dem Familienbusiness auszusteigen - mit unabsehbaren Folgen.

Lisa Lutz ist Anfang dreißig, wuchs im Süden Kaliforniens auf und studierte in Leeds und San Francisco. Neben verschiedenen Gelegenheitsjobs arbeitete sie auch für ein Detektivbüro (das nicht ihren Eltern gehörte) und schrieb Folgen der erfolgreichen Comedy-Serie Plan B. Momentan lebt sie in Seattle. (car/wip)

 

Leseprobe:

© Gustav Kiepenheuer Verlag ©

Rae Spellman

Schon bald nach ihrer Geburt, die sechs Wochen zu früh erfolgte, wurde Rae mit einem Lebendgewicht von exakt vier Pfund vom Krankenhaus nach Hause gebracht. Anders als viele Frühchen, die ganz normal heranwachsen, sollte Rae für ihr Alter stets klein bleiben. Ich war vierzehn, als sie zur Welt kam, und ignorierte geflissentlich die Tatsache, dass nun ein Säugling mit mir unter einem Dach lebte. Im ersten Jahr sagte ich immer „das da“, wenn ich sie meinte, als handle es sich um einen jüngst erworbenen Gegenstand, eine Lampe vielleicht oder einen Wecker. Ihre Anwesenheit würdigte ich höchstens mit Sätzen wie „Bringst du das da bitte raus? Ich muss lernen“ oder „Kann man das da nicht leiser drehen?“. Keiner lachte über meinen Versuch der Verdinglichung, selbst ich nicht. Zum Lachen war mir gar nicht zumute. Zu groß war meine Angst, dass sich dieses Kind wie David als vollkommenes Wesen entpuppen könnte. Irgendwann jedoch stellte ich fest, dass Rae mit David nicht zu vergleichen ist – einzigartig ist sie allerdings. Rae im Alter von vier Jahren Ich hatte ihr erzählt, sie sei ein Versehen. Beim Abendessen, nachdem sie mich zwanzig Minuten lang mit Fragen nach meinem Tagesverlauf gelöchert hatte. Ich war müde, sicher auch verkatert und auf keinen Fall in der Stimmung, von einer Vierjährigen vernommen zu werden.

„Rae, ist dir eigentlich klar, dass du ein Versehen bist?“

Rae lachte. „Ja?“

Damals lachte sie über alles, was sie nicht verstand. Mom bedachte mich wie üblich mit ihrem vernichtenden Blick und nahm dann Schadensbegrenzung vor. Sie erklärte, dass manche Kinder geplant würden und andere nicht etc. pp. Offenbar fand es Rae aber viel befremdlicher, dass man manche Kinder plante, und schenkte dem Gefasel unserer Mutter bald keine Beachtung mehr.

 

Rae im Alter von sechs Jahren

Ganze drei Tage bettelte sie darum, an einem Observationsjob teilnehmen zu dürfen. Weder ließ sie locker noch ließ sie sich vertrösten. Wenn sie nicht gerade schlief, bettelte sie geradezu auf Knien, händeringend und ein langgezogenes Biiiiiiiitte greinend. Bis meine Eltern schließlich weich wurden. Da war sie sechs. Ich wiederhole: sechs. Als meine Eltern mir eröffneten, Rae würde uns am nächsten Tag bei der Observation von Peter Youngstrom begleiten, entfuhr mir nur ein: Seid ihr komplett wahnsinnig geworden? Auf Mom traf es wohl zu; sie brüllte: „Halt du das mal aus! Halt du diese Bettelei aus, den ganzen Tag! Lieber lasse ich mir in Zeitlupe einen Zehennagel ziehen, als das noch einmal durchzustehen.“ Dad pflichtete ihr bei: „Zwei Zehennägel.“ Noch am gleichen Abend brachte ich Rae bei, wie man ein Sprechfunkgerät benutzt. Unser Vater hatte die Ausrüstung seit Jahren nicht erneuert; die Funkgeräte waren zwar durchaus funktionstüchtig, aber so groß wie Raes ganzer Arm. Ich stopfte die zweieinhalb Kilo schwere Elektronik in ihren Snoopy-Rucksack, dazu Fruchtschnitten, Käseecken und Kräcker sowie ein paar Ausgaben des Highlights-Magazins. Die Mikrophonvorrichtung zog ich aus dem Rucksack hervor und befestigte sie mit einer Klammer an Raes Mantelkragen. Ich zeigte ihr, wie sie durch den offenen Reißverschluss in den Rucksack greifen sollte, um die Lautstärke zu regeln. Wenn sie sprechen wollte, musste sie nur noch den Knopf am Mikrophon drücken. Die Beobachtung nahmen wir gegen sechs Uhr morgens vor dem Haus der Zielperson auf. Rae war bereits um fünf aufgestanden, hatte sich die Zähne geputzt, das Gesicht gewaschen und sich angezogen. Danach hatte sie von Viertel nach fünf bis Viertel vor sechs neben der Haustür ausgeharrt, bis wir alle so weit waren. Dad meinte, ich solle mir daran ruhig ein Beispiel nehmen. Während wir drei Häuser vom Wohnsitz der Zielperson entfernt im Observations-Bus warteten, gingen Rae und ich noch einmal alle Funkprozeduren durch. Ich erinnerte sie daran, dass sie mit einer unvorstellbar schlimmen Strafe rechnen musste, sollte sie ohne Erlaubnis von Mom oder Dad eine Straße überqueren. Im Anschluss wiederholte unsere Mutter die Straßenüberquerungsvorschrift. An ihrem ersten Einsatztag befolgte Rae alle Anweisungen punktgenau. Meist ging ich vor, um ihr in der Praxis zu zeigen, worauf man beim Observieren achten muss. Natürlich kann man dafür auch ein Handbuch verwenden, gute Observanten verlassen sich aber vor allem auf ihre Intuition. Niemand war überrascht, dass Rae sich als Naturtalent entpuppte. Vermutlich hatte die ganze Familie damit gerechnet. Nur nicht mit dieser restlosen Hingabe. Ich verringerte den Abstand zu Youngstrom, weil um die Mittagszeit sehr viele Passanten unterwegs waren. Kaum war ich knapp dreihundert Meter hinter ihm aufgerückt, drehte er sich plötzlich um und eilte auf dem Bürgersteig in meine Richtung zurück. Im Vorbeigehen streifte er meine Schulter und sagte leise „Entschuldigen Sie bitte“. Nun war ich verbrannt und konnte die Fußobservation nicht mehr anführen. Rae befand sich etwa zehn Meter hinter mir, Mom und Dad noch ein Stückchen entfernt. Rae sah noch vor unseren Eltern, dass Youngstrom kehrtmachte. Rasch schlüpfte sie unter ein Baugerüst außer Sichtweite. Mom und Dad konzentrierten sich so sehr auf ihre sechsjährige Tochter, dass sie die Zielperson erst bemerkten, als diese bereits vor ihnen stand. Rae begriff sofort, dass sie als Einzige die Beschattung fortsetzen konnte, und machte über Funk ein entsprechendes Angebot. „Darf ich?“, bat sie, während Youngstrom sich allmählich entfernte. Ich hörte Mom seufzen, bevor sie zögerlich antwortete. „Ja.“ Das ließ sich Rae nicht zwei Mal sagen. Sie rannte die Straße entlang, um einen rasch ausschreitenden Mann einzuholen, der sie um mehr als sechzig Zentimeter überragte. Als die Zielperson nach links abbog, Richtung Westen auf die Montgomery, verlor Mom Rae aus den Augen. Panisch rief sie über Funk nach ihrer kleinen Tochter. „Rae, wo steckst du?“ „Ich warte, dass die Ampel grün wird“, erwiderte sie. „Hast du die Zielperson im Blick?“, fragte ich. Ich wusste, Rae war in Sicherheit. „Er geht jetzt in ein Gebäude rein“, sagte sie. „Rae, geh nicht über die Straße. Warte auf Daddy und mich“, sagte meine Mutter. „Aber er entkommt uns.“ „Bleib, wo du bist“, sagte unser Vater mit mehr Nachdruck. „Was ist das für ein Gebäude?“, fragte ich. „Groß, mit vielen Fenstern.“ „Kannst du die Adresse erkennen?“ Dann wiederholte ich die Frage mit anderen Worten. „Nummern, Rae. Kannst du vielleicht eine Nummer erkennen?“ „Bin zu weit weg.“ „Rühr dich ja nicht von der Stelle“, mahnte Mom. „Da ist ein Schild. Ein blaues Schild.“ „Was steht auf dem Schild?“, fragte ich. „M-O-M-A“, buchstabierte sie mühsam. Mit einem Mal wurde mir die Absurdität dieser Situation bewusst: Bevor sie richtig lesen konnte, lernte meine kleine Schwester, wie man eine Observation durchführt. „Rae, Mommy holt dich gleich an der Ecke ab. Bleib auf jeden Fall, wo du bist. Izzy, wir treffen uns am Eingang des MOMA“, erklärte mein Vater. Und da ging mir auf, dass unsere Familie zum ersten Mal gemeinsam ein Museum besuchte.

© Gustav Kiepenheuer Verlag ©

Literaturangaben:
LUTZ, LISA: Little Miss Undercover. Ein Familienroman. Aus dem Amerikanischen von Patricia Klobusiczky. Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2008. 365 S., 16,95 €.

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