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„Die Schatten der Ideen“

Ein Roman von Klaus Modick

© Die Berliner Literaturkritik, 31.03.09

 

(BLK) – Im August 2008 erschien im Eichborn Verlag der Roman „Die Schatten der Ideen“ von Klaus Modick.

Klappentext: 1935: Der deutsche Historiker Julius Steinberg flüchtet wegen seiner jüdischen Herkunft aus Nazideutschland in die USA. Nach einer dramatischen Odyssee durch das Elend des Exils findet er sein privates und berufliches Glück als Professor am Vermonter Centerville College. Doch als er unverschuldet in die Mühlen von McCarthys Hexenjagd auf Kommunisten gerät, wird Steinbergs amerikanischer Traum zum Albtraum. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr des Irak-Kriegs, kommt der Schriftsteller Moritz Carlsen als Writer in Residence ans Centerville College, um dort ein halbes Jahr lang zu unterrichten. Kurz darauf stößt er durch Zufall auf Briefe und nachgelassene Aufzeichnungen Julius Steinbergs und kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur.

Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, wurde für sein umfangreiches Werk, darunter die Romane „Ins Blaue“, „Das Grau der Karolinen“ und „Der Flügel“, mehrfach ausgezeichnet. Modick ist auch als Übersetzer aus dem Englischen hervorgetreten. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Oldenburg.

Leseprobe:

©Literaturverlag Eichborn©

 

Das Summen. Wie sehr fernes, fremdes Stimmengemurmel. Zur Melodie des Kühlschranks gehörte vielleicht auch ein Text. Eine Stimme aus dem Gestern. Oder Vorgestern. Aus einer Zeit, in der man sich Weine der Jahrgänge 40 folgende in den Keller gelegt hatte. Weine, die nie getrunken worden waren. Aber warum nicht?

Ob die wohl noch trinkbar waren? Oder auf Weinauktionen bei Sammlern horrende Preise erzielen würden? Nicht sein Bier, gewiss, nicht einmal sein Wein, und trotzdem … Er nippte am Kaffee, steckte sich eine Zigarette an. Die Wirbel des Rauchs stiegen zur Decke. Der Ventilator zerschlug sie zu formlosem Dunst. Der Staub, den er im Keller aufgewirbelt hatte, müsste sich inzwischen wieder gesetzt haben. Einfach mal nachsehen.

Die Stiege knarrte bei jedem Schritt. Von dem 48er Bordeaux Trimoulet Grand Cru gab es sieben Flaschen. Als er eine aus dem Regal zog, rutschte der Stapel auseinander, so dass die Flaschen nicht mehr übereinander, sondern nebeneinander auf dem Brett lagen und den Blick auf etwas freigaben, was sich zwischen den Flaschenböden und der Kellerwand befand – noch ein Stapel. Aber das waren keine Flaschen, sondern Bücher. Oder Schreibkladden? Daneben ein brauner Pappkarton mit dem aufgedruckten Schriftzug Western Union Delivery Service. Carlsen stellte die Flaschen vorsichtig auf den Boden und zog den Papierstapel nach vorn. Zehn Composition Books, gebunden in schwarz-weiß melierte Pappe, mit Leinenstreifen am Rücken verstärkt, Aufsatzhefte, wie sie in fast unveränderter Form auch heute noch am College benutzt wurden. 40 Sheets – 10 X 7 7/8 – College & Margin stand auf den Etiketten. Die Felder für Name, Class und Instructorwaren nicht ausgefüllt, die einzelnen Kladden jedoch durchnumeriert von 1 bis 10, die Ziffern in blauer Tinte mit energischem Zug geschrieben. Die 1 war kein einfacher Strich, wie im Amerikanischen üblich, sondern mit Aufstrich versehen, und auch die 7 wies den europäischen Querstrich auf.

Was hielt Carlsen da in Händen? Aufsatzhefte aus dem Collegebetrieb der vierziger Jahre? Die linierten, an den Rändern vergilbten und verstaubten Blätter waren rechtsseitig gleichmäßig beschrieben; auf den linken Seiten standen mit Pfeilen und Kreuzen markierte Einschübe, Korrekturen oder Nachträge. Die Handschrift war fließend, nach rechts geneigt, routiniert ausgeschrieben. Auf den ersten Blick konnte Carlsen sie nicht entziffern, doch erinnerte sie ihn an die Handschriften seiner Eltern, mehr noch seiner Großeltern, Schriften von Leuten, die auf der Schule noch mit Sütterlin oder Kurrentschrift begonnen, dann aber im Lauf der Jahre ihre individuellen Mischungen aus alter und neuer Schrift entwickelt hatten.

Und erst im Kurzschluss mit dieser Erinnerung an ein vergessenes Vertrautes dämmerte Carlsen, dass die Hefte in deutscher Sprache geschrieben waren. Einzelne Worte klärten sich, Alptraum und Universität, hier und da ein Halbsatz, von brandmarken und ausmerzen wurde gefaselt. Was war das? Worum ging es hier? Er schlug die erste Seite des mit 1 numerierten Hefts auf. Sie enthielt wie eine Überschrift nur eine einzige unterstrichene Zeile in lateinischen Großbuchstaben:

VERMONT STATE PRISON, WINDSOR

Vermonter Staatsgefängnis, Windsor. Wieso Staatsgefängnis? Gut, auch Schulen und Hochschulen konnten manchmal wie Gefängnisse sein oder wirken, aber diese doch nicht! Dies war doch das traditionsreiche, ehrwürdige, höchst renommierte College in Centerville, Vermont, und kein Staatsgefängnis. Carlsen blätterte um. Die zweite Seite war bereits voll durchgeschrieben und begann mit „Mir … Gatten den… Polen, nein, Pölen … Ah, das war wohl kein M, sondern ein W, und hieß dann … richtig, ja: Wir hatten den Pöbel… nie, nein, nicht nql …“

Im trüben Schein der Glühbirne, die unter Drahtgitter von der Decke funzelte, war das einfach nicht zu entziffern. Und durfte er es überhaupt entziffern? Aufzeichnungen aus einem Staatsgefängnis? Vergessen in dieser Abseite? Versteckt womöglich? Immerhin Aufzeichnungen in deutscher Sprache. Als hätten sie auf einen gewartet, der sie entziffern konnte, gewartet ausgerechnet auf einen wie Moritz Carlsen, der bei Stromausfall die Kellertreppe herunterfiel.

Und was war in dem Karton? Western Union Delivery Service. Der Karton war weder verschnürt noch verklebt. Er hob den Deckel ab.

Drei Aktenordner, mehr oder weniger dick, alle unbeschriftet und zusammengehalten von Gummibändern. Carlsen legte die Kladden dazu und spürte eine vibrierende Erregung, ein Zittern fast, als er wieder nach oben stieg und den Karton auf dem Schreibtisch absetzte.

Er nippte am kaltgewordenen Kaffee, stapelte die Kladden aufeinander, steckte sich eine Zigarette an, griff zum ersten Aktenordner.

Durfte er das? War das jetzt etwa sein Bier? Er legte den Ordner wieder ab, suchte in der Telefonliste nach dem Custodial Service, griff zum Hörer, wählte aber nicht. Heut war ja Sonntag und das Servicebürovermutlich nicht besetzt. Mit den Fingerspitzen trommelte er auf der Schreibtischplatte herum, im Rhythmus des summenden Kühlschranks, im Rhythmus seiner eigenen, zitternden Erregung, zerdrückte die Zigarettenkippe im Aschbecher, suchte Hockis Nummer, wählte.

 

©Literaturverlag Eichborn©

Literaturangaben:
MODICK, KLAUS: Die Schatten der Ideen. Eichborn Verlag, Berlin 2008. 456 S., 19,95 €.

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