Werbung

Werbung

Werbung

Die radikalen Aufklärer

Philip Bloms „Böse Philosophen“ und die uneingelösten Versprechen der radikalen Aufklärung

© Die Berliner Literaturkritik, 29.04.12

Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Carl Hanser Verlag, München 2010, 400 Seiten, gebunden, 24,90 Euro. ISBN 978-3-446-23648-6.

Von Roland H. Wiegenstein


Denis Diderot? War das nicht der mit den erotischen und zynischen Büchern? Der, der über den „Jakob den Knecht“ geschrieben hatte, über die sexuell aktive „Nonne“, die „verborgenen Kleinode“ und den Roman über „Rameaus Neffen“? Und natürlich der, dessen Name neben dem von Jean le Rond d’Alembert (1717-1783) für das stand, was die beiden gemeinsam mit vielen anderen verfasst hatten: die Encyclopédie - das erste alphabetisch geordnete Lexikon weltlichen Wissens. Daran wirkte auch Paul-Henri Thyri Baron Holbach (1723-1789) mit. Er stammt aus dem pfälzischen Edesheim und hatte von einem reichen Onkel am kaiserlichen Hof von Wien einen Adelstitel mitsamt einem großen Vermögen geerbt und sollte einmal den berühmt-berüchtigten „Salon“ in Paris unterhalten.

Von jenem Salon handelt Philipp Bloms Buch „Böse Philosophen“. Es lässt den „radikalen Aufklärern“ Ehre widerfahren, die sonst längst an den Rand des kollektiven Gedächtnisses verdrängt wurden, überstrahlt von den Fixsternen dieser Aufklärung: Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und Francois Marie Arouet, der sich Voltaire (1694-1778) nannte.

„Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte ist die Geschichte von Holbachs Salon zu einer Art Geisterschiff der Philosophiegeschichte geworden: Legenden haben sich daran festgesetzt wie Muscheln an einem kupfernen Schiffsboden, und die wildesten Gerüchte kursieren über die Gruppe … viele Zeitgenossen waren sich einig, Holbach und seine Freunde seien verabscheuungswürdige Atheisten und gehörten auf den Scheiterhaufen“, erzählt uns Blom. Diese Denker interessieren den Autor, denn es steht für ihn außer Zweifel, „dass die Freunde in Holbachs Salon revolutionäre Ideen diskutierten und verbreiteten. Ihr Ziel war mehr als eine bloße politische Revolution: In seinem Haus wurden tatsächlich subversive Bücher verfasst, aber sie richteten sich gegen etwas unendlich Größeres und Gewichtigeres als die französische Revolution. Der Umsturz, der hier vorbereitet wurde, zielte auf die Fundamente des abendländischen Denkens.“

Genau darum geht es auch Blom: um die Fundamente. Doch so kurz und konzis er die Philosophien der Beteiligten auch darlegt, nicht nur von Rousseau, Voltaire, Diderot (1713-1784), Holbach und vielen anderen der Zeit (bis zu David Hume etwa, der zwei Jahre lang den Salon frequentierte): Dies ist keine Philosophiegeschichte, es ist vielmehr das leidenschaftliche Plädoyer für den radikalen Atheismus vor allem Diderots und Holbachs, den die weit besser verdaulichen Schriften Voltaires und Rousseaus beiseite geschoben haben, die vom Deismus nicht lassen mochten; es ist aber auch eine höchst vergnügliche Klatschgeschichte über seine Helden (und ihre Frauen und Geliebten), eine Kulturgeschichte der Sitten und Gebräuche intellektueller Kreise in den letzten Jahrzehnten vor der Revolution, ihrer Begabung für Freundschaft und ihrer bitteren Kämpfe.

Blom schildert beides: die Freundschaften und die Verfeindungen, er tut es als Parteigänger Diderots und Holbachs. Er schildert die Komplikationen, die ein radikales Denken bedrohte: Zensur, deren Anklagen zur Todesstrafe führen konnten, Tricks und Gegenmaßnahmen, die die meist anonym gedruckten Schriften dennoch an die Leser brachten, die Gegenschriften der mächtigen Vertreter des Ancien Régime, in dem die Könige von Frankreich, die Klerisei und der Adel gemeinsame Sache machten gegen die Aufrührer, die sich jeden Donnerstag und Sonntag bei Holbachs trafen, vorzüglich aßen und tranken (es fehlt nicht einmal eine Menukarte solcher Treffen) und kontrovers diskutierten, bis sich eine Meinung herausgebildet hatte, die dann in verbotenen Schriften und den „Literarischen Korrespondenzen“ auftauchten, die Friederich Melchior Grimm (1723-1807) gegen hohe Subskription handschriftlich an Adlige und die Höfe der Mächtigen Europas schickte und die zur Verbreitung der Ideen des Salons beitrugen. (Neben dem letzten Klatsch, denn der in Regensburg geborene, schon als junger Mann nach Paris gekommene Briefschreiber Grimm wusste genau, was seine Leser interessierte.)

Blom geht im Wesentlichen chronologisch vor, so dass der Aufstieg, der Ruhm und das Ende von Salon und Philosophie deutlich werden. So wird auch die Provokation deutlich (noch für unser Heute), die in einem entschiedenen Atheismus steckt. Der schlaue Voltaire, der es an Angriffen auf die Kirche nicht fehlen ließ, ließ sich die Hintertür zu einem irgend waltenden höheren Wesen freilich offen, Rousseau konnte ohne eine ihn quälende Sündenvorstellung nicht leben und propagierte ein einfaches, züchtiges Leben, das gottgefällig sei. Der edle Wilde war da nicht weit, so wie ihn Forscher bei der ersten Eroberung der Südsee kennengelernt hatten (um ihn gleich wieder zu korrumpieren): Diderot hat das in seinen späten Jahren destruiert. Aber Holbachs radikaler Agnostizismus, den mochte nur er selbst vertreten; selbst Diderot hat sich sein Leben lang mit der Dialektik der Aufklärung herumgeschlagen, als er versuchte, eine Gesellschaft zu denken, die ohne den allmächtigen Gott solidarisch wäre. Er war wohl zu sehr Dichter, um seine Gedanken zu systematisieren (wie Holbach), und es ist das große Verdienst Bloms, Diderots Vorstellungen, in denen der Eros, die Sinnlichkeit eine entscheidende Rolle spielte, in die radikale Aufklärung zu integrieren.

Natürlich gab es Widersprüche und der geistreiche Abbé Galiani, (1728-1787), der zum Salon gehörte, bis er nach Neapel versetzt wurde, war als allezeit polemischer Opponent bei den Diskutanten willkommen. Diderot hat seiner Freundin und Geliebten Sophie Volland in seinen zahlreichen (erhaltenen) Briefen über die Diskussionen berichtet, denn Frauen waren zwar als charmante Gastgeberinnen der Salons (es gab mehrere im Paris der Zeit) hochwillkommen, aber nicht als Mitdiskutantinnen. Ihre Mitwirkung am Diskurs blieb begrenzt, man muss ihn aus anderen Quellen erschließen.

Das Echo des unendlichen Gespräches bildet die Encyclopédie. Die war „das intellektuelle Äquivalent einer Belagerungsmaschine, deren Funktion es war, das Fundament ihrer Zeit zu erschüttern. Auch Diderot konnte nicht wissen, dass dies Unterfangen, das einmal so bescheiden angefangen hatte, mehr als ein Vierteljahrhundert seiner Lebenszeit  beanspruchen und 17 Bände Text mit 71.000 Artikeln  und über zwanzig Millionen Wörtern, sowie elf weitere Bände mit insgesamt 2.800 Kupferstichen umfassen würde.“ Alle haben daran mitgearbeitet (auch Rousseau, auch Holbach) und die Zuordnung der anonym verfassten Artikel über alles, was wissenswert war (in diesem „Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“, hat viele spätere Generationen damit die einzelnen Artikel bestimmten Verfassern zugeordnet werden konnten.

Es steht, von heute aus betrachtet, viel Unsinniges darin (auch von Diderot selbst); aber dieses Werk enthält doch alles, was Wissensstandard der Zeit war. Den größten Teil hat Diderot nach dem Rückzug d’Alemberts allein redigiert. Die Verleger-Buchhändler, die die Subskription auflegten, sind am Ende damit reich geworden (und einige von ihnen haben noch während des Drucks vor allem in den letzten Bänden eigenmächtig allzu radikale Ansichten korrigiert. Diderot protestierte vergeblich.) Der erste Band A-AZYMETES erschien 1751.

Berühmt waren sie alle, die „bösen Philosophen“ – auch bei den Mächtigen. Friedrich der Große lud Voltaire nach Berlin ein und die Zarin Katharina von Russland Diderot. Aber die klugen Ermahnungen der Intellektuellen an die Mächtigen nutzten so wenig, wie in der Antike diejenigen Platons an den Tyrannen von Syrakus. Zum Kummer der Philosophen.

Bloms Geschichte einer unglaublich fruchtbaren intellektuellen Vorrevolutionszeit ist spannend wie ein Roman – aber was diesen Autor am meisten umtreibt, sind die bis heute uneingelösten Versprechen der radikalen Aufklärung. Ihnen geht er nach, sie sind ihm wichtig – noch heute.


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: