Werbung

Werbung

Werbung

Die Magie der Fotografie

Jörg Matheis’ Roman „Ein Foto von Mila“

© Die Berliner Literaturkritik, 02.10.08

 

Fotografien sind für viele Menschen die Verbindung zu ihrer Vergangenheit, wie ein Schlüssel, mit dem man Räume der Erinnerung aufschließt. Das Betrachten von Fotografien vergangener Ereignisse führt zurück, man erlebt noch einmal, erinnert sich, wehmütig oder fröhlich. Fotografien spiegeln die Wirklichkeit, zumindest die Version, die wir erinnern.

Für den Fotografen Lorenz, Protagonist in Jörg Matheis’ Roman „Ein Foto von Mila“, bedeutet ein Foto sogar noch mehr. Es bedeutet, Erinnerungen und Vergangenheit begraben zu können, mit ihnen abzuschließen und endlich in der Gegenwart anzukommen. Es bedeutet, Wirklichkeit nicht zu spiegeln, sondern zu erschaffen. Das Foto, um das es geht, ist eines seiner Frau Mila, die beim Flugunglück von Rammstein 1989 schwere Verbrennungen erlitten hat. Ihr Leben ist seitdem bestimmt von der Angst vor Feuer und Hitze, ihr Körper gleicht mehr einer karstigen Landschaft als glatter Haut. Mit dem Foto, aufzunehmen im richtigen Licht eines rotglühenden Sonnenuntergangs, will Lorenz Milas Vergangenheit beiseite fotografieren. Und er will seine durch Milas Schicksal verursachte Unfähigkeit zu fotografieren beenden, wieder fähig sein, auf den Auslöser zu drücken und das Gefühl haben, dass das Motiv etwas bedeutet. Für die erlösende Fotografie ziehen Lorenz und Mila zurück in die Nähe von Rammstein, zu Lorenz’ Bruder Frieder, der, das Unglück völlig ausblendend, lieber das Umland touristisch zu erschließen versucht. Der sich seine eigene Version von Welt und Wirklichkeit erschafft.

Jörg Matheis holt weit aus, um die Geschichte einer Liebe zu erzählen, die soweit geht, dass einer sich für den anderen aushöhlt und nichts unversucht lässt, um endlich in der Gegenwart anzukommen. Matheis erzählt von Lorenz’ ersten fotografischen Bemühungen, von Reisen durch Afrika, die dem Protagonisten nichts sagen, weil er keine Motive sieht. Er erzählt vom ersten Kennenlernen von Lorenz und Mila, die zuerst mit Frieder liiert war, sich dann aber in Lorenz verliebt. Matheis erzählt viel im Rückblick, er bedient sich dabei einer weichen, bildreichen Sprache, die die in der Geschichte angelegte Differenz zwischen Grobheit des Unfalls und Zartheit der Liebe noch mehr kontrastiert. „Ein Foto von Mila“ ist nicht nur ein Roman über einen tragischen Unfall und seine Folgen für drei eng miteinander verbundene Leben. Das Buch erzählt vor allem den unerschütterlichen Glauben eines Protagonisten an die Magie der Fotografie. Den der Leser nach der Lektüre nur übernehmen kann.

Literaturangaben:
MATHEIS, JÖRG: Ein Foto von Mila. Roman. C. H. Beck Verlag, München 2008. 268 S., 18,90 €.

Mehr von „BLK“-Autor Martin Spieß

Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: