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Die große Flucht aus Galizien

Die Aussicht auf ein besseres Leben

© Die Berliner Literaturkritik, 08.11.10

WIEN (BLK) – Im Paul Zsolnay Verlag ist im September 2010 von Martin Pollack „Kaiser von Amerika“ erschienen.

Klappentext: Die Freiheitsstatue: Hunderttausende ließen sich um 1900 von diesem verlockenden Bild über den Ozean locken. Damals hatte in Galizien (heute Polen und Ukraine), dem Armenhaus der Habsburger-Monarchie, eine Welle der Emigration eingesetzt. Kleinbauern, Handwerker, jüdische „Luftmenschen“, sie alle suchten eine bessere Zukunft; der Kaiser von Amerika, meinten sie, werde sie nach ihrer Flucht freudig willkommen heißen. Aus dieser Hoffnung entwickelte sich rasch ein einträgliches Geschäft, an dem viele mitverdienten. Schlepper, Agenten, Menschenhändler und die Aussicht auf ein besseres Leben: Martin Pollack erzählt von Menschen, die um 1900 ihr Glück in den USA suchten.

Geboren wurde Martin Pollack 1944 in Bad Hall in Oberösterreich, Nach dem Studium der Slawistik und osteuropäischen Geschichte arbeitete er als Übersetzer und Redakteur des „Spiegel“ in Wien. Bei Zsolnay sind erschienen: „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“ (2002), „Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“ (2004), „Von Minsk nach Manhattan. Polnische Reportagen“ (Hrsg., 2006), „Warum wurden die Stanisławs erschossen?“ (2008) und „Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien“ (2010). 2010 wurde Martin Pollack mit dem Georg-Dehio-Hauptpreis des Deutschen Kulturforums östliches Europa ausgezeichnet.

Leseprobe:

© Paul Zsolnay Verlag ©

 

Zur Auswanderung verführt

Am 27. März des Jahres 1888 werden in Stare Stawy, einer kleinen Ortschaft in Westgalizien, vier Slowaken von einer Gendarmeriepatrouille aufgegriffen. Stare Stawy liegt in der Nähe von Otwiecim, zu deutsch Auschwitz, nur wenige Kilometer von der preußischen Grenze entfernt.

 Die Slowaken sind zu Fuß unterwegs. Anfangs schweigen sie auf alle Fragen und tun so, als verstünden sie kein Wort Polnisch, sie zucken bloß mit den Achseln und schütteln die Köpfe. Erst als ein Gendarm dem Jüngsten von ihnen, ein halbes Kind noch, ein paar Knüffe versetzt, rücken sie mit ihrer Geschichte heraus. Sie sagen, sie kommen aus dem Ungarischen, aus dem Weiler Brutovce im Komitat Zips, und wollen nach Amerika auswandern. Weil die vier außer dieser mageren Erklärung gemeinsam nur ein paar Gulden vorweisen können, werden sie nach Stare Stawy eskortiert und dort dem Gemeindevorsteher übergeben; er soll sie mit einem Schubpass an ihren Wohnort zurückschaffen lassen.

 Doch ehe die Behörden den Rücktransport der mittellosen Schüblinge, wie solche Pechvögel in der Amtssprache heißen, in die Wege leiten können, gelingt es Mathias Komara, dreißig, Pál Popovic, achtzehn, Jan Virosztek, sechzehn, und Jakob Komara, vierzehn Jahre alt, sich aus dem Staub zu machen. Die sofort eingeleitete Suche bleibt erfolglos.

 Das Aufgreifen und die anschließende Flucht der vier jungen Männer lösen hektische Aktivitäten und eine umfangreiche Korrespondenz zwischen den galizischen und ungarischen Behörden aus, als handle es sich nicht um harmlose Auswanderer, sondern um gefährliche Schwerverbrecher, die es unter allen Umständen dingfest zu machen gilt. Zunächst meldet der Gemeindevorsteher von Stare Stawy den Vorfall an die vorgesetzte Behörde, die Bezirkshauptmannschaft in Biała. Die Slowaken haben nichts zurückgelassen außer drei Gulden, die dem Ältesten des Quartetts von den Gendarmen abgenommen wurden, die drei anderen hatten überhaupt kein Geld dabei. Das wenige Gepäck, das sie mit sich führten, einen mit einem Vorhängeschloss versperrten Holzkoffer und ein paar Bündel, haben sie auf der Flucht mitgenommen, doch darüber findet sich in der Meldung des Gemeindevorstehers nichts, als befürchte er, das könne ihm als Nachlässigkeit ausgelegt werden; schließlich hätte er zumindest die Gepäckstücke sicher verwahren müssen.

 Einen Monat später richtet der Bezirkshauptmann von Biała ein Schreiben an das löbliche Stuhlrichteramt der Stadt Leutschau mit der Frage, ob die vier abgängigen Individuen in der Zwischenzeit wieder in ihrem Heimatort eingetroffen seien. Im amtlichen Schreiben wird der offizielle, ungarische, Name des Weilers, Brutócz, verwendet. Darüber hinaus werden die ungarischen Behörden ersucht zu klären, wer Mathias Komara und seinen jugendlichen Begleitern dabei geholfen habe, von Brutócz bis an die preußische Grenze zu gelangen. Allein wären die unerfahrenen Dörfler wohl kaum in der Lage gewesen, eine solche Reise zu unternehmen.

 

©Paul Zsolnay Verlag©

Literaturangabe:

POLLACK, MARTIN: Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010. 288 S., 19.90 €.

Weblink:

Paul Zsolnay Verlag


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