BERLIN(BLK) - Wer ist die Frau hinter der „Mittagsfrau“? Julia Franck, Stipendiatin der Villa Massimo in Rom und Trägerin des Deutschen Buchpreises 2007, gehört zu den wichtigsten jungen Schriftstellerinnen in Deutschland. Wie sehr ihre Bücher mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängen, zeigt jetzt eine Fernsehbiografie.
Julia Franck schreibt an einem neuen Roman. Wovon er handelt, verrät sie nicht. Nach dem Deutschen Buchpreis vor zwei Jahren, 150 Lesungen und 750 000 verkauften Exemplaren der “Mittagsfrau“ ist erst einmal Schluss mit dem Literaturzirkus. Die Berliner Schriftstellerin hat sich zurückgezogen und gibt nach der „Hitze des Erfolgs“, wie sie es nennt, keine Interviews, auch nicht zum Mauerfall. Umso interessanter ist es, dass jetzt auf Arte (Samstag, 17.15 Uhr) eine Dokumentation über sie zu sehen ist, behutsam und poetisch inszeniert von Regisseurin Daniela Schmidt- Langels.
Die in Ost-Berlin geborene Franck hat mit ihren 39 Jahren deutlich mehr erlebt als die gleichaltrige „Generation Golf“ im Westen, für die es allenfalls wichtig war, welche Farbe die Barbour-Jacke hatte. Für manche Literaturwissenschaftler ist es verpönt, in Büchern nach Biografischem zu suchen. Um Julia Franck zu verstehen, ist es wichtig.
Sie hat eine Zwillingsschwester und kommt aus einer Familie von Wissenschaftlern und Künstlern. Als sie klein war, passte manchmal Nina Hagen auf die Kinder auf. Ein Ausschnitt aus einem Defa-Film von 1975 zeigt, wie die kleinen Franck-Mädchen durch ein Wohnzimmer toben. Von ihrer Großmutter, der jüdischen Bildhauerin Ingeborg
Hunzinger, stammt das Denkmal in der Berliner Rosenstraße.
Julia Francks Vater wurde als Kind in den Nachkriegswirren von seiner Mutter auf einem Bahnhof zurückgelassen - wie der kleine Peter in „Die Mittagsfrau“. „Das Thema beschäftigte mich über Monate, Jahre, vielleicht am Ende sogar mein Leben lang“, sagt Franck.
Die Mutter, eine Schauspielerin, erhielt in der DDR Berufsverbot und reiste mit ihren Töchtern in den Westen aus. Zuvor lebten die Zwillinge in wechselnden Pflegefamilien, weil die Mutter sie nicht betreuen konnte. Die neun Monate im West-Berliner Notaufnahmelager Marienfelde hat Franck in „Lagerfeuer“ verarbeitet.
Ihr Schriftstellerkollege Daniel Kehlmann sagt in der Arte-Doku, wie wichtig das Buch auch als Roman zur deutschen Geschichte sei, weil es die Aufnahmelager aus dieser Zeit beschreibt. In der Zeit als Lagerkind wurde Franck in der Schule verprügelt und verspottet.
Später zieht die kleine Julia mit ihrer Familie in die Nähe von Rendsburg in Schleswig-Holstein, in ein altes Bauernhaus mit schlecht funktionierender Heizung, wo sie während der damals sehr kalten Winter friert. Mit 13 Jahren geht sie weg von der Mutter, zurück nach Berlin, diesmal zu einer befreundeten Familie in den Westteil. Julia Franck war „sehr früh sehr selbstständig“, wie Schriftsteller Ingo Schulze findet.
Ein Anstoß zum Schreiben kam, als ihr die Mutter ein Schulheft zu Weihnachten schenkte. Aus den Tagebucheinträgen wurden schließlich Romane. Das Schreiben hörte nicht auf, bis heute nicht. Den Vater lernte sie erst mit 14 kennen. Da kam ein Anruf, sie traute sich erst nicht, ihn zurückzurufen und schrieb lieber einen Brief. Später teilten Vater und Tochter eine „diebische Freude“ am Kuchenessen. Der Vater stirbt früh - wie in der Erzählung „Streuselschnecken“ im Band „Bauchlandung“.
Franck jobbte als Putzfrau, Kellnerin, Hilfsschwester und als Kindermädchen. Studiert hat sie an der Freien Universität Berlin, sie war wissenschaftliche Hilfskraft, hat auch für Zeitungen geschrieben. Die literarische Anerkennung kommt früh. „Sie schreibt auf ihre eigene Weise“, sagt Kritiker Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2000.
2005 war die alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Kindern Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom, wo sie Teile der „Mittagsfrau“ geschrieben hat. Akribisch hat sie für das Buch recherchiert: Welche Vögel singen am Schauplatz des Romans? In welche
Richtung fließt die Oder, wenn man mit dem Rücken zur Stadt steht?
Mittlerweile ist „Die Mittagsfrau“ sogar in Frankreich erschienen, wo es neue deutsche Literatur nicht leicht hat. Das Buch hat dort bessere Kritiken bekommen als in Deutschland, erzählt die Autorin bei der Vorstellung der Arte/RBB-Doku. Die Regisseurin und die Porträtierte stehen sich nahe: Das ist in den 45 Minuten zu spüren, die Klatsch aussparen. Was aus dem Leben Julia Francks den Leser interessieren sollte, fließt in ihre Bücher. (dpa/wer)