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Die europäische Weltgeschichte

Jürgen Osterhammels Geschichte des 19. Jahrhunderts

© Die Berliner Literaturkritik, 24.06.09

Auf Seite 1568 endet das Buch schließlich, sehr ordentlich und akribisch, nach über 200 Seiten Anmerkungen, Literaturhinweisen und Personen- und Sachregister. In dieser wissenschaftlich korrekten Art und Weise, die aus dem 19. Jahrhundert, der Vorgeschichte der Gegenwart wie der Autor dieses Säkulum selbst nennt, stammt. Wie bedeutsam also der Einfluss jener historischen Zeitepoche ist, lässt sich aber nicht nur im Anhang des Buches ablesen.

Was erwartet eigentlich der Leser von solch einer Geschichte? Ganz bestimmt, und dies ist somit erfüllt, ein umfassendes und umfangreiches Kompendium. Was er nicht erwartet, auch dem wird glücklicherweise Rechnung getragen, ist eine chronologische Aufzählung, die 1800 beginnt und 1899 endet. Vielmehr ein prosaisches Sammelsurium von Zusammenhängen und interdisziplinären Forschungstendenzen, die geschickt kompiliert und aneinandergereiht werden. All diese Vorgaben werden erfüllt und teilweise auch übertroffen.

Im Einleitungskapitel die erste Überraschung: Nicht der letzte Zeitzeuge des vorletzten Jahrhundertwechsels wird gesucht, sondern die Schildkröte Harriet, die Charles Darwin persönlich kennen gelernt haben soll, wird als letzter Überlebender der vergangenen Zeit erwähnt. Diese Berühmtheit in der Einleitung verdankt das große Reptil seinem Ableben im Sommer 2006 in einem australischen Zoo als scheinbar letzter Überlebender der hier behandelten Zeit. Schon schön, die Idee mit den Tieren, weniger schön die Überlegung, dass es natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Lebewesen auf diesem Planeten gibt, deren Dasein bis weit hinter das 19. Jahrhundert zurückreicht und lebendig bald. Fälschlich verstandene historische Selektion also?

Immerhin offenbart Osterhammel in der langen Einleitung seiner Monographie, dass er der postmodernen Geschichtsschreibung sehr nahe steht, jedwedes Annähern als perspektivisch und subjektiv betrachtet und somit nur ein persönliches Statement abgeben kann. Wiewohl, ein sehr gewichtiges, denn nicht weniger als die Erzählung der Geschichte der Welt soll in diesem Werk vorgetragen werden. Vorbei also die Zeiten, soziologischer und anthropologischer Teilgebiete, detaillierter Untersuchungen der Bauernfamilien eines französischen Dorfes im 14. Jahrhundert, aus denen dann sozusagen das kollektive Gedächtnis rekonstruiert werden durfte. Besonders interessant des Autoren Erklärung, dass eurozentrisches Denken und Operieren in modernen Werken einerseits keinen Platz hat, andererseits, weil es sich eben um das 19., also das europäischste Jahrhundert schlechthin handelt, doch auf dieses zurückgegriffen werden muss.

Der Aufbau des Buches ist in etwa so, wie man ihn sich im 21. Jahrhundert wünscht. Abseits nationaler, politischer oder genealogischer Narrative wartet es mit drei großen Bereichen in bewusst abstrakter Form auf. Zunächst die „Annäherungen“ mit den gewichtigen Fragen nach Raum- und Zeitverständnis sowie der Rolle des Gedächtnisses und deren Beschreibung. Als zweites die „Panoramen“, in denen Lebensstandards, Städte, Frontiers, Imperien (hier haben wir die Nationalstaaten dann doch wieder—aber nur auf knapp 100 Seiten), Kriegen (siehe oben) und Revolutionen im Zentrum stehen. Den letzten großen Bereich machen die „Themen“ aus. Hier ganz plakativ: Energie, Arbeit, Hierarchien, Zivilisierung und Religionen.

Was sich auf den ersten Blick unpräzise und frei schöpferisch anhört, ist in Wahrheit nur eine gänzlich andere Form der Berichterstattung und der Niederschrift: die 48er-Revolution, das erste Auto oder der amerikanische Bürgerkrieg sind genau so gewissenhaft und historisch sauber umgesetzt wir noch vor vierzig Jahren. Und leider ist auch die eurozentrische Sichtweise nicht in dem Maße erweitert worden, wie man es sich nach der Einleitung gewünscht hätte. Ist es ein globales Entgegenkommen, wenn man sich neben der europäischen Geschichte speziell mit der ostasiatischen, einer hinreichend erforschten und längst integrierten Teildisziplin der Historiker wappnet?

So gesehen funktioniert Weltgeschichte bei Osterhammel nicht anders als bei Hegel auch. Selektiv dem Fortschrittsglauben und der europäisch historisch-anthropologischen Wichtigkeit huldigend. Allein der Titel „die Verwandlung der Welt“ zeigt ja bereits, dass hier mit den Augen eines Profitierenden oder zumindest eines Nachkommens jener Verwandlungen gearbeitet worden ist. Nicht, dass dies grundsätzlich schlecht oder falsch ist, nur fragt man sich bei einer Weltgeschichte ob zentralafrikanische oder inneraustralische Kulturen diese Verwandlung tatsächlich ebenso erlebt haben oder erlebt haben wollen. Auf diese Fragen aber, und das ist der größte Kritikpunkt, geht Osterhammel nicht ein. Zu vergnügt ist er an der eigenen parenthetischen Einschätzung, dass man die anderen ja auf jeden Fall mitnehmen will, sie aber de facto dann doch nur so beschreiben kann wie es der Konqueror des 19. Jahrhunderts getan hat.

Letztlich ändert das nichts daran, dass hier ein zumindest grundlegend ehrliches und vor allen Dingen interessantes Lehrwerk entstanden ist, dass mit seiner konzeptuellen Struktur Maßstäbe setzen darf und an denen sich neue Generationen von Schülern erfreuen sollten, zumal als Ergänzung der alten kaiserzeitlichen Autoritätssichtweisen. Ansatzweise also ein innovatives Werk, ein verwandelndes, wie das hier behandelte Sujet, ist es aber leider nicht. Dafür fehlt der Mut, auf die Welt mit den Augen eines Weltbürgers zu schauen.

Von Marco Gerhards

Literaturangabe:

OSTERHAMMEL, JÜRGEN: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C. H. Beck Verlag, München 2008. 1568 S., 49,90 €.

Weblink:

C.H. Beck Verlag


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