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Die Dokumentation eines Skandals

Gesammelte Dokumente zur Debatte um Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“

© Die Berliner Literaturkritik, 11.03.08

 

Die Nachricht fiel mitten hinein ins Sommerloch, in die Zeit nach dem kollektiven Freudentaumel der WM, als die Deutschen wieder stolz ihre Fahnen schwenkten und erste öffentliche Personen wie Maxim Biller bereits munkelten, man habe hierzulande die dunkle Vergangenheit abgehakt und wolle nun endlich vergessen. Einer, der sein Leben lang gegen dieses Vergessen angeschrieben und -geredet hatte, rückte den Krieg und seine dunkelsten Seiten ausgerechnet mit einem „Geständnis“, wie die FAZ es betitelte, wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses: Grass war in der Waffen-SS.

Es war der 11. August 2006, als diese Meldung erstmals publik wurde. Einen Tag später folgte das Interview von Grass in der FAZ, in dem er wiederholte, was etwa 400 Journalisten bereits in seinem autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ hatten lesen können. Warum keiner von ihnen vorher mit diesem brisanten Detail an die Öffentlichkeit gegangen war, bleibt nur zu mutmaßen. Entweder hatte einfach niemand das Buch gelesen oder es hatte sich beim Lesen niemand an den entsprechenden Zeilen gestört. Beides spricht nicht gerade für ein lebendiges Interesse am Nobelpreisträger. Von jenem 11. August an war der folgende Skandal aber nicht mehr aufzuhalten. Täglich wurden die Medien mit neuen Kommentaren, Stellungnahmen und Interviews überschwemmt. Jeder hatte zu Grass’ Mitgliedschaft in der Waffen-SS und seinem langen Schweigen etwas zu sagen, ohne dass der Debatte noch nennenswert neue Aspekte hinzugefügt worden wären. Seine kurzzeitige Zugehörigkeit zu jener Panzerdivision „Fundsberg“ trug ihm sowieso kaum jemand nach, nur sein langes Schweigen wollte nicht recht zu dem Mann passen, der von anderen so schonungslos die Wahrheit gefordert hatte. Wer im Glashaus sitzt, sollte eben nicht mit Steinen werfen. Während die einen ihm die Qualifikation zur „moralischen Instanz“ endgültig absprachen, scherte Grass sich nicht darum. Ob zum Fall Oettinger oder zum Begnadigungsgesuch von Christian Klar – wann immer es etwas zu sagen gibt, ein Kommentar gefordert ist, es gilt Stellung zu beziehen, erscheint nach wie vor ein Mann auf der medialen Bildfläche, von dem man es seit jeher gewöhnt ist.

Zur letztjährigen Leipziger Buchmesse (2007) erschienen zwei Bücher, die die Debatte des Spätsommers 2006 noch einmal aufgreifen. Zum einen legte Grass selbst mit dem Gedichtband „Dummer August“ seine Antwort auf die unzähligen Angriffe auf seine Person vor, zum anderen nutzte Grass’ Göttinger Verlag Steidl die Gelegenheit, die vom Literaturwissenschaftler und Journalisten Martin Kölbel zusammengetragenen Dokumente zur Debatte zu veröffentlichen. Ob diese Dokumentation aus Gründen der Objektivität des Verlags publiziert wurde oder reine kommerzielle Ausschlachtung der Thematik ist, mag dahingestellt bleiben.

Noch einmal sind hier leise und laute Beiträge nachzulesen, Unsägliches, Absurdes und Nachdenkliches. Peter Handke, der Grass zur Schande für das Schriftstellertum erklärt. Der ehemalige Schulkamerad Klaus Rainer Röhl, der in einem Interview schwerwiegende Anschuldigungen gegen Grass erhebt, auf die dann außer der Springerpresse auch niemand mehr eingegangen ist. Ein Verteidigerplädoyer des Schriftstellers John Irving, der um Verständnis für Grass’ langes Schweigen ringt. Die absurde Schlagzeile der „BILD“-Zeitung: „Muss man sich schämen, wenn man in der Waffen-SS war?“ Schließlich die ganz leisen, anklagenden Töne eines Louis Begley voller bitterer Enttäuschung.

Kölbel seinerseits ist jedenfalls bemüht, in der Aufstellung der Dokumente größtmögliche Sachlichkeit und Distanz walten zu lassen. Einem kurzen chronologischen Überblick über die Ereignisse folgen klar gegliedert erste Meldungen, das „FAZ“-Interview mit Grass, Kommentare zum Geständnis, Kommentare der BILD-Zeitung, Interviews mit Grass und über Grass, Stellungnahmen und Leserbriefe. Selbstverständlich sind das bei weitem nicht alle Veröffentlichungen, die es gab, aber dem Herausgeber ist sicher beizupflichten, dass Vollständigkeit hier „weder sinnvoll noch möglich“ gewesen wäre. Auch wenn Kölbel sich auf den engen Zeitraum vom 11. August bis Anfang September beschränkt und Internetpublikationen beinahe gänzlich außen vor lässt, so spiegelt das Buch die Debatte doch repräsentativ. Auch die Auswahl der Stellungnahmen zwischen persönlicher Diffamierung und Loyalitätsbekundung ist durchweg ausgewogen. Zwischen den Stimmen zum Bekenntnis und denen zur anschließenden Debatte wird strikt differenziert. Kölbel geht rein wissenschaftlich vor und ergänzt die Dokumente nicht nur durch Aktenfunde, sondern auch durch Artikel zum geschichtlichen Aspekt der Debatte und zur Stadt Danzig. Diese Dokumente dürften vor allem jüngeren Lesern, denen die Problematik nicht mehr allgegenwärtig ist, von Nutzen sein.

Im letzten Kapitel der Dokumentensammlung finden sich schließlich noch einige Rezensionen zu „Beim Häuten der Zwiebel“. Dass die in Kölbels Aufstellung fast untergehen, spiegelt allerdings auch nur einen Aspekt der Debatte, bei der das Buch als literarisches Werk bereits vor seinem Erscheinen in den Hintergrund getreten war. Im Nachwort bezieht Kölbel dann doch noch Stellung. Seiner scharfen Medienkritik ist sicher beizupflichten. Allerdings stellt er sich dabei allzu schützend vor Grass. Dass manche Kritik rein persönliche Diffamierung war, steht wohl außer Frage. Ob Grass sein „Geständnis“ als PR-Kampagne inszeniert hat, mag dahingestellt bleiben. Aber Grass weiß auch seit jeher wie kaum ein anderer Autor die Medien und ihre Automatismen für sich zu nutzen.

Leider konnte Kölbel auf die Nachwirkungen nicht mehr eingehen. Dabei scheint die Debatte um Grass nicht erst mit der Verlautbarung von Klaus Wagenbach, Grass’ Zeit in der Waffen-SS sei bis Anfang der 60er Jahre ein offenes Geheimnis gewesen, in die zweite Runde gegangen zu sein. Mit seiner sprachlichen Entgleisung auf der Leipziger Buchmesse, wo er von der „Entartung“ des deutschen Journalismus sprach, hat Grass sein Verhältnis zu den Medien weiterhin beschädigt. Seine Anhänger scheint das allerdings wenig zu kümmern. Die Filmautorinnen Nadja Frenz und Sigrun Matthiesen haben Grass mit ihrem unkritischen Film „Der Unbequeme“ gerade vorab zum 80. Geburtstag ein Denkmal gesetzt. Und auch die Kritik ist dem Nobelpreisträger weiter gewogen. Jüngst erhielt Grass den Ernst-Toller-Preis. Zur Begründung hieß es, gewürdigt werde seine „pazifistische Grundeinstellung und der Versuch, mit Literatur für humanere Lebensverhältnisse möglichst aller Menschen zu wirken.“ So schnell ist der Skandal also vergessen.

Von Nathalia Münnich

Literaturangaben:
KÖLBEL, MARTIN (Hrsg.): Ein Buch, ein Bekenntnis. Die Debatte um Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“. Steidl Verlag, Göttingen 2007. 368 S., 12 €.

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