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Deutsche Literatur und der Nobelpreis

Deutschland ist stolz: Nobelpreise für Böll und Grass

© Die Berliner Literaturkritik, 24.09.09

Von Wilfried Mommert

BERLIN (BLK) - Als am 30. September 1999 die Nachricht vom Literaturnobelpreis für Günter Grass im Haus des „Blechtrommel“- Autors im verschlafenen schleswig-holsteinischen Behlendorf eintraf, jubelte die Literaturnation. Grass war der elfte deutschsprachige Literatur-Nobelpreisträger nach Vorgängern wie Thomas Mann, Heinrich Böll und Nelly Sachs. Danach erhielt ihn auch noch die österreichische Autorin Elfriede Jelinek.

Mit den Nobelpreisen für Sachs, Böll und Grass sei die deutsche Nachkriegsliteratur „sehr würdig vertreten“, meinte neidlos die Kollegin Christa Wolf, die selbst immer wieder als Nobelpreiskandidatin gehandelt wurde. Und auch in diesem Jahr geht die in Berlin lebende deutsch-rumänische Autorin Herta Müller in diesem Oktober wieder als Außenseiterin ins Rennen, die gerade mit ihrem jüngsten Buch „Atemschaukel" (Hanser Verlag) über den sowjetischen Gulag-Alltag Aufmerksamkeit erregt hat.

Das Land kann stolz sein“, sagte seinerzeit der deutsche PEN- Präsident Christoph Hein zum Nobelpreis für Grass. Manche Kollegen wie Martin Walser meinten auch, dass es seit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann kein Buch mehr gegeben habe, dass wie die „Blechtrommel“ schon allein den Nobelpreis verdient hätte. Eine etwas bayerisch-bodenständigere Sicht auf die Preisverleihung hatte der damalige bayerische Kunstminister Hans Zehetmair (CSU), der sich „einige Geehrte aus den letzten Jahrzehnten“ ins Gedächtnis rief und Grass einen Literaturnobelpreisträger nannte, „den die Menschen kennen und lesen“.

Als 1972 der Nobelpreis an Heinrich Böll („Gruppenbild mit Dame“, „Ansichten eines Clowns“) ging, hieß es in einer dänischen Zeitung: „Manche hätten es für sinnvoller gehalten, Günter Grass den Nobelpreis zu geben, der modernistischer und vulkanischer ist. Jedoch ähneln sich auf vielerlei Weise die drei großen deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit: Günter Grass, Siegfried Lenz und Heinrich Böll. Böll ist der älteste. Die Nobelzeit der beiden anderen kommt sicherlich.“ Böll selbst hatte auf die Nachricht vom Nobelpreis im schönsten rheinländischen Dialekt verwundert reagiert: „Und de Jrass?“

Als Grass ihn über ein Vierteljahrhundert später – als „Dauerkandidat“ - tatsächlich bekam, sprachen manche von einem „Ritterschlag“ für die deutsche Nachkriegsliteratur. Tatsächlich aber war das schon im Fall Böll geschehen, auch wenn Grass dann doch als der Sprachmächtigere angesehen wurde. Die schwedische Akademie selbst sprach in ihrer Begründung davon, dass Bölls Schaffen Zeugnis von der „Erneuerung im Bereich der deutschen Literatur“ ablege, an der er selbst „in bedeutsamer Weise“ beteiligt sei.

Allerdings ist die Strahlkraft der Werke des 1985 gestorbenen Böll, der seine frühen Werke selbst als „Trümmerliteratur“ bezeichnete, mittlerweile doch etwas verblasst, auch wenn es noch immer Interesse an Werken wie „Billard um halbzehn“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gibt und die köstliche Rundfunksatire „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ (verfilmt mit einem brillanten Dieter Hildebrandt) inzwischen Kult ist. Und auch etwa 18 Schulen sind nach Böll benannt, aber in den Lektürelisten der deutschen Gymnasien machen sich seine Werke zunehmend rar, bis auf „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von 1974 (aus der Hochzeit der Baader-Meinhof-Fahndungen) vielleicht.

Gefragt, ob sich eine Verbindungslinie ziehen ließe zwischen der Auszeichnung Thomas Manns, der 1929 den Preis auch als Repräsentant der deutschen Literatur und der Weimarer Republik erhalten habe, meinte Böll, das sei vielleicht sehr vage möglich, „weil ich in derselben humanistischen Tradition stehe“ und die Bundesrepublik nach Weimar der zweite deutsche Versuch einer Demokratie „in unserer nicht sehr demokratiereichen Geschichte“ sei. Auf welcher Seite er aktuell stand, ließ Böll - wie auch Grass - nicht im Dunkeln - an der Seite Willy Brandts. Das rief die politischen Gegner wie den CSU-Politiker Franz-Josef Strauß auf den Plan, der davor warnte, „dass auch dieser Nobelpreis zur politischen Werbung missbraucht wird“.

Was der eine unter „politischer Werbung“ verstand, bezeichneten andere als „Gewissen der Mitmenschen“ und Solidarität mit all jenen, „die keine Stimme haben“, wie es Böll, Grass oder Christa Wolf und andere immer wieder nannten und dafür plädierten, im alltäglichen Spagat zwischen Geist und Macht für jene zu sprechen, die in der Gesellschaft zu kurz und eben auch kaum zu Wort kommen. Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz hatten sich jene Autoren auf ihre Fahnen geschrieben.

Auch der Nobelpreis für die in Berlin geborene Schriftstellerin Nelly Sachs 1966, die der erbarmungslosen Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten nur mit knapper Not entkommen war und in Schweden eine neue Heimat fand, war eine Verbeugung vor einem Werk einer Autorin, die nicht müde wurde, an gedemütigte, gefolterte und umher gestoßene Kreaturen und umherirrende Flüchtlinge in aller Welt zu erinnern. Das Nobelkomitee würdigte insbesondere die lyrischen und dramatischen Werke der Autorin, „die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren“.

Dennoch trat Sachs nach dem Krieg immer wieder für Versöhnung ein und meinte 1965 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, sie sei gekommen, um „der neuen Generation zu sagen, dass ich an sie glaube; über alles Entsetzliche hinweg, was geschah, glaube ich an sie“. Der Suhrkamp Verlag, der zum Jahreswechsel von Frankfurt nach Berlin umzieht, will im nächsten Jahr eine dreibändige kommentierte Ausgabe der Werke von Nelly Sachs (1891-1970) herausgeben.

 

Mit dem seit 1901 verliehenen Nobelpreis für Literatur sind bislang zwölf deutschsprachige Schriftsteller ausgezeichnet worden. Die Preisträger seit Gründung der Bundesrepublik:

1966: NELLY SACHS (1891-1970) für ihre „hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren“. Zu den wichtigsten Werken der deutsch-schwedischen Schriftstellerin zählen die Gedichtbände „In den Wohnungen des Todes“ und „Sternverdunkelung“.

1972: HEINRICH BÖLL (1917-1985) für eine Dichtung, „die durch ihre Verbindung von zeitgeschichtlichem Weitblick und liebevoller Gestaltungskraft erneuernd in der deutschen Literatur gewirkt hat“. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Romane „Billard um halbzehn“ und „Ansichten eines Clowns“ sowie die Erzählungen „Ende einer Dienstfahrt“ und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.

1981: ELIAS CANETTI (1905-1994) für sein „schriftstellerisches Werk, geprägt von Weitblick, Ideenreichtum und künstlerischer Kraft“. Der gebürtige Bulgare lebte in Großbritannien und in der Schweiz. Sein theoretisches Hauptwerk ist „Masse und Macht“. Sehr bekannt sind der Roman „Die Blendung“ und seine Reiseeindrücke „Stimmen von Marrakesch“.

1999: GÜNTER GRASS (geb. 1927), „weil er in munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“. Seine bekanntesten Romane sind „Die Blechtrommel“, „Hundejahre“, „Die Rättin“ und „Der Butt“.

2004: ELFRIEDE JELINEK (geb. 1946) „für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“ und ihre „sprachliche Leidenschaft“. Zu den bekanntesten Werken der österreichischen Schriftstellerin gehören „Die Klavierspielerin“ (Roman), „Lust“ (Roman) sowie das Theaterstück „Raststätte oder Sie machen's alle“.


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