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„Die Abwracker“

Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen

© Die Berliner Literaturkritik, 22.12.09

MÜNCHEN (BLK) – Das Buch „Die Abwracker“ von Hand-Olaf Henkel wurde im November 2009 vom Heyne Verlag veröffentlicht und schoss sofort in der Bestsellerliste.

Klappentext: Es war einmal eine Krise. Doch schnell ist der Staat in die Rolle des Retters geschlüpft. Ist nun wieder alles gut? Die Politik tut so, als habe sie alles im Griff – dabei hat sie weiter keine Idee, als mit vollen Händen das Geld herauszuwerfen: Mit Milliarden wird ein Rettungsschirm aufgespannt über Banken und Unternehmen, als gäbe es kein Morgen. Aber die Folgen dieses Aktionismus werden uns unausweichlich einholen.

Hans-Olaf Henkel, Jahrgang 1940, arbeitete über dreißig Jahre bei IBM, zuletzt als Europachef. Von 1995 bis 2000 war er Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, heute ist er Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz und Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Seine Autobiografie 'Die Macht der Freiheit' landete auf Platz 3 der Spiegel-Jahresbestsellerliste 2001. (olb)

Leseprobe:

©Heyne©

Bis zu meinem achtunddreißigsten Lebensjahr hatte ich nie Wohneigentum besessen. Allerdings war mir schon mit sechzehn Jahren aufgegangen, dass man auch mit fremdem Wohneigentum Geld verdienen kann. Diese Perspektive hatte mir meine Mutter eröffnet, als sie mit ihrem neuen Lebensgefährten aus unserer großen Mietwohnung in einem imposanten Altbau in der Hamburger St. Benedictstraße auszog. Da sie die Miete weiter bezahlte, konnte ich die Räume, die ich nicht selbst brauchte, untervermieten und auf diese Weise meinen Unterhalt bestreiten. Damals lernte ich dreierlei: erstens, dass man Geld, das man ausgeben will, erst verdienen muss; zweitens, dass man mit vorhandenen Mitteln haushalten muss; und drittens, dass man auch fremdes Gut, das einem anvertraut ist, pflegen und in Ordnung halten muss. Kurz gesagt: Ich begriff, dass die Früchte des Erfolgs nur vom Baum der Disziplin zu ernten waren. Obwohl ich schnell gelernt hatte, wie nützlich eine Immobilie sein kann, die man ordentlich bewirtschaftet, konzentrierte ich mich bald auf meine Stelle beim Computergiganten IBM, wodurch die Immobilienfrage in den Hintergrund trat. Am IBMStandort Sindelfingen lebte ich erst in einem möblierten Zimmer, dann in einer 25-Quadratmeter-Wohnung mit kleiner Küche und noch kleinerem Badezimmer. Als ich 1964 bei der New Yorker Weltausstellung im IBM-Pavillon arbeitete, teilte ich mit Kollegen eine Mietwohnung. Als man mich als Computerfachmann nach Kalkutta versetzte, mietete ich wieder eine Wohnung und später in Colombo ein ganzes Haus. Von dort ging es nach München in eine Altbauwohnung in der Ismaningerstraße, die nur, Töchterchen Helene auf dem Arm, über 98 Treppenstufen zu erreichen war. In Paris, wo ich bei IBM als Director of Operations arbeitete, konnten wir uns eine große Wohnung mit acht Kaminen leisten, die uns allerdings auch nicht gehörte. Mit anderen Worten: Über zwanzig Jahre lang lebten wir in ständig wechselnden Mietwohnungen, bei denen ich mir oft gewünscht hätte, die Nebenkosten wären so korrekt abgerechnet worden wie von mir in der St. Benedictstraße. Warum es überhaupt so lange gedauert hat, bis ich mir ein eigenes Haus leistete, weiß ich nicht. Am Geld hat es gewiss nicht gelegen. Erst in Amerika änderte sich meine Einstellung, oder vielmehr, sie wurde geändert. Als die IBM mich 1977 in ihr Hauptquartier in Armonk berief, wo ich auf künftige Aufgaben vorbereitet werden sollte, suchte ich diverse Maklerbüros im nahe gelegenen Greenwich/Connecticut auf. Doch deren Mietobjekte, dem Katalog nach attraktiv, erwiesen sich bei näherer Betrachtung allesamt als Schrott. Als die Damen – in Amerika ist der Maklerberuf fast ausschließlich weiblich besetzt – meine Ratlosigkeit bemerkten, wiesen sie mich darauf hin, dass es auch sehr attraktive Häuser „for sale“ gäbe. Ohne meinen Kontostand offenzulegen, ließ ich mir eine Reihe typisch amerikanischer Häuschen präsentieren, die durchweg über zimmerhohe Kühlschränke mit Eisautomaten und über Riesenwaschmaschinen verfügten, jedoch weder Platz boten für meine in Paris erstandenen antiken Möbelstücke noch für meine Sammlung von Napoleon-Souvenirs. Darüber hinaus waren sie, offen gesagt, ziemlich piefig. Während der Besichtigungstouren fiel mir auf, dass es größere und schönere Häuser gab, die mir auch ausnehmend gefielen, jedoch, wie ein Blick in den Katalog bestätigte, meinen Kostenrahmen sprengen würden. Als wir beeindruckt vor einer kleinen Villa standen, die 150 000 Dollar kosten sollte, bemerkte eine dieser elegant gekleideten, überaus geschäftstüchtigen Damen meine Ratlosigkeit.

©Heyne©

Literaturangabe:

HENKEL, HANS-OLAF: Die Abwracker. Heyne, München 2009. 256 S., 19,95 €.

Weblink:

Heyne Verlag


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