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Der Vater des modernen Sachbuches

Der Naturalist Wilhelm Bölsche war ein Pionier der Volksbildung

© Die Berliner Literaturkritik, 28.08.09

„Es ist nicht Großstadt, besehen durch Kunst, sondern Kunst, erobert, beherrscht, vergroßstädtischt durch die Großstadt“: Diese Worte des deutschen Schriftstellers Wilhelm Bölsche belegen dessen Zugehörigkeit zu einer literarischen Strömung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich begann, in Deutschland mit den Werken von Gerhart Hauptmann ihren Höhepunkt erreichte und seitdem als „Naturalismus“ bezeichnet wird. Wilhelm Bölsche war nach eigenen Aussagen ein Naturalist. Doch weshalb scheint dieser Schriftsteller, im Gegensatz zu den anderen Vertretern jener Bewegung wie Henrik Ibsen, Arno Holz oder August Strindberg, allmählich in Vergessenheit zu geraten? War sein literarisches Wirken zu Lebzeiten beschränkter als das seiner Mitstreiter?

Geboren wurde Wilhelm Bölsche als Sohn des Redakteurs Carl Bölsche im Jahr 1861 in Köln. Von 1883 bis 1885 studierte er an der Universität Bonn die Fächer Philosophie, Kunstgeschichte und Archäologie. Unmittelbar nach seinem Studium entschied sich Bölsche für einen Umzug nach Berlin, um dort als Schriftsteller zu leben. In der damaligen Hauptstadt des Naturalismus traf er auf literarische Größen wie Heinrich und Julius Hart, Leo Berg, Arno Holz, Bruno Wille und Eugen Wolff. Es waren aller Wahrscheinlichkeit nach diese Zusammenkünfte, die ihn dazu veranlassten, selber literarisch aktiv zu werden. So erschien wenige Zeit später der grundlegende Essay „Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie“. Darüber hinaus betätigte sich Bölsche zwischen 1890 und 1893 als Redakteur der „Freien Bühne“, einem wichtigen Sprachrohr des Berliner Naturalismus.

Im Gegensatz zu vielen anderen literarischen Zeitgenossen beschränkte sich Wilhelm Bölsche allerdings auf die Behandlung naturwissenschaftlicher Themen, die er für seine Leserschaft populärwissenschaftlich aufbereitete. Genau darin liegt die Bedeutung des Schriftstellers Bölsche: Er gilt als Schöpfer bzw. Begründer des modernen Sachbuches. Daneben wird er als ein Initiator der ersten deutschen Volkshochschule angesehen. Bahnbrechenden Erfolg hatte er mit seinem Buch „Das Liebesleben in der Natur“ (1898), welches vor allem in der Wilhelminischen Zeit sowie der Weimarer Republik von einer breiten und wohlmeinenden Leserschaft getragen wurde. Somit war es vorrangig die Fähigkeit des Schriftstellers Bölsche, komplexe und der Allgemeinheit unverständliche Sachverhalte in eine Verständlichkeit zu „übersetzen“, welche ihn für längere Zeit zu einem vielgelesenen und zugleich hochgeschätzten Autor populärwissenschaftlicher Bücher machte.

Es stellt sich nun natürlich die Frage, welche Bedeutung den Schriften von Bölsche heute noch zukommt bzw. zukommen sollte. Haben sie lediglich einen Wert für die Literaturwissenschaft oder besitzen sie noch gesellschaftspolitische Relevanz? Vergleicht man „Das Liebesleben in der Natur“ mit repräsentativen Werken des Naturalismus, wie beispielsweise Ibsens „Gespenster“ oder Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“, dann scheint die Antwort klar: Während vor allem die Stoffe der naturalistischen Dramatik überdauern und dabei klare aktuelle Zeitbezüge aufweisen, ist dies bei einem populär-naturwissenschaftlichen Buch unmöglich, da sich naturwissenschaftliches Wissen kontinuierlich erweitert, verändert und stets überholt.

So bleiben vor allem Bölsches ästhetische Schriften, die auch heute noch eine andauernde Bedeutung besitzen. Daneben stehen seine Leistungen in der populärwissenschaftlichen Vermittlung von Wissen, vorrangig natürlich durch das Verfassen eigener Schriften. Diese für den Bereich der „Volksbildung“ unschätzbaren Leistungen dürften bereits für sich alleine eine anhaltende Würdigung des Wilhelm Bölsche rechtfertigen.

Von Christian Müller


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