Von Armin Steigenberger
Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre! Als ob Doro vergessen hatte, das Blumenwasser zu wechseln, als ob die Stengel über Nacht zu faulen angefangen hatten und der Luft nun ein süßsaures Nebenaroma beimischten.“ Eine Novelle mit der raffiniertesten Exposition, wie man sie sich bloß vorstellen kann: Hinrich Schepp betritt am Spätmorgen das Wohnzimmer und der Leser weiß schon beim ersten Satz, was passiert ist. Seine Frau ist gestorben, während sich Schepp noch von ihrem Anblick hinreißen lässt: wie bezaubernd sie doch dasäße, wie schön sie von hinten anzusehen sei; und ergeht sich in ihrem Anblick, während sie einen seiner Texte korrigiert, – was sie doch aber schon so lange nicht mehr getan hat? Irgendeine Veränderung nimmt er zwar wahr, aber er ist hingerissen und sieht Doros schwarz-silbernes Haar von hinten, wie es über die Lehne des Schreibtischsessels fällt; doch der Geruch des Blumenwassers, das Licht des gelbgoldenen Herbstmorgens markieren den Tod hinlänglich. Schepp indes hält sich für glücklich und ist angetan.
So geht das über mehrere Seiten, die Spannung ist fast nicht auszuhalten – Politycki kostet diesen Kunstgriff des personalen Erzählers auch ordentlich aus, während sein Held auf der Leitung steht – Schepp schwelgt innerlich noch, jenseits jeder Realität, und kommt alsdann mit einem Schlag zu sich. Als er endlich erkannt hat, dass seine Frau tot ist, versteht er es nicht und beschließt, dass es nicht wahr ist. Dann steht er fassungslos da und beginnt über seine große Liebe zu Doro von ihrem Anbeginn an nachzudenken. Mit wenigen Worten wird die Situation umrissen, aus der heraus sich nun im Folgenden die private Tragödie des Hinrich Schepp entrollt. Wie sie sich kennengelernt haben, am Lehrstuhl II für Sinologie, wie die Annäherung an das „Fräulein Dorothee“ vonstattenging.
„Dann, im Sommer 2003, nach mehr als zwei wunderbar stillen Jahrzehnten an ihrer Seite, hatte er sich auf Anraten seines Arztes die Augen lasern lassen. Woraufhin es mit der Beschaulichkeit vorbei war.“ Dies ist der Keim der beginnenden Tragödie. „Welch ein Schrecken, die Welt mit einem Mal so voller Details zu sehen und in voller Schärfe!“ Seit seiner Augenoperation führte Schepp sozusagen ein Eigenleben und konnte alles glasklar sehen – auch die Frauen. Mit einem Zeichen des I-Ging, dem Kan, das er am Hals einer Besucherin seiner Stammkneipe ausmacht, beginnt Schepps Verhängnis.
Zum Zeitpunkt, an dem die Geschichte einsetzt, ist für Schepp alles in Butter – wenigstens in moralischer Hinsicht. Er ist sogar glücklich. Seine für ihn sehr beschauliche Ehe mit Doro wird in der Rückblende beschrieben, das Geschehen springt hin und her, vom monologischen Nachdenken über Geschehenes immer wieder zurück in die Jetztzeit, zum Leichnam seiner Frau. Die beiden wollten sogar im Tod vereinigt sein; so glaubte wenigstens Doro an einen dunklen, kalten See, wo beide sich einst wieder begegneten: In diesem See würde man dann ein zweites Mal sterben und nun für immer.
Im Folgenden wird Schepp in seiner verschrobenen, umständlichen Art gezeigt, wie er mit dem (Nicht-)Tod seiner Frau umgeht, weder Arzt noch Polizei informiert, es eigentlich gar nicht in Erwägung zieht, oder noch warten will, sondern versunken vor sich hin sinniert, Stunde um Stunde nur durch das Läuten des „Guten Hirten“ unterbrochen. Er liest sein eigenes Manuskript, über das gebeugt Doro gestorben ist, und vor allem Doros letzte Zeilen, er liest Doros Anmerkungen am Rand und begreift nach und nach die Situation …
Matthias Politycki, 1955 geboren, Romancier, Lyriker und Essayist, schrieb den legendären „Weiberroman“ und legt nun eine Novelle vor, die sich ebenfalls mit dem Thema Mann und Frau beschäftigt. Eine Novelle, die bis zum Ende kurz und bündig erzählt ist und voller Überraschungen steckt. Frauen sind Polityckis großes Thema; auch hier sorgen die unergründlichen Seiten zweier Frauen gehörig für Zündstoff. Schepp erlebt, neben seiner toten Frau stehend, einen „Tag ohne Gnade“ – wie es der Klappentext verheißt.
Ohne den Plot gänzlich vorwegzunehmen, sei so viel erzählt, dass Hinrich Schepp angesichts seiner toten Frau die Beziehung zu ihr komplett Revue passieren lässt und erneut durchlebt. Den Text, über dessen Korrektur Doro starb, hat er schon viele Jahre zuvor geschrieben; es ist ein verworfenes Romanfragment namens „Marek, der Säufer“: Dieser Text durchdringt aufgrund seiner (von Doro zunächst als solche konstatierten) authentischen Anteile ständig das Geschehen. Dieses Buch im Buch wird häppchenweise in die Geschichte eingeflochten; immer wieder bringen Doros Randnotizen neue dramatische Enthüllungen. Doro kommentiert ihr gemeinsames Leben und Schlag um Schlag wird ihm klar, was sie alles wusste und wie sie ihn wirklich sah! Er erinnert sich, wie er sich in seine Stammkneipe geflüchtet und dort eine gewisse Dana kennengelernt hat; doch da sei ja nie „etwas“ gewesen. Es sei alles längst verjährt.
Sichtbar werden Schepps Verzweiflung, seine Trauer, gelegentlich auch sein Zorn, wie Doro ihn denn – wie Schepp glaubt – bloß so hat missverstehen können. Doch all das fügt sich bald zusammen wie ein Puzzlespiel. Was es mit dem geheimnisvollen I-Ging-Zeichen auf sich hat, wie Doro in seiner Stammkneipe auftauchen konnte und woher sie überhaupt Dana kannte …
Politycki flicht die Erzählstränge mit ihren zeitlichen Rücksprüngen meisterhaft ineinander. Der Text ist äußerst stringent erzählt, und am Ende läuft alles auf den Moment zu, mit dem die Geschichte beginnt. Das Buch schlägt einige Haken, mit denen kein Leser rechnet.
Das Buch spart an der einen oder anderen Stelle auch nicht an Humor. Das Romanfragment aus der Feder Hinrich Schepps ist ohnehin unfreiwillig komisch. Aber auch die Unbeholfenheit, Tapsigkeit und Verklemmtheit des 65-jährigen Schepp, der in seine Stammkneipe „La Pfiff“ geht und sich die Haare über seine Glatze kämmt, hat Witz. Sprachlich besticht Polityckis „Jenseitsnovelle“ durch Stringenz und Genauigkeit, die Bilder werden klar und brillant vermittelt. Die Sprachwelt des Romanfragments unterscheidet sich von der Sprache der restlichen Novelle eklatant. Womöglich ist dem einen oder anderen Leser der Kontrast zum Haupttext gar zu augenfällig und plakativ – dennoch gibt dieser Text im Text der Novelle eine gekonnte Gegenströmung.
Es fehlt natürlich auch die obligatorische Fliege nicht, als das Accessoire des Bösen, als Todesbotin und Künderin des Dunklen und Abscheulichen – sie gehört wie zum Film noir schon fast zu dieser Art geheimnisvoll-düsterer Prosa dazu, wenngleich sie gelegentlich auch ein wenig nah am Klischee herumschwirrt oder zwischendurch aus der Nase der Toten kriecht. Und auch wenn die Sprache an ein paar wenigen Stellen etwas unzeitgemäß klingt – vielleicht gewollt –, wo z. B. Partizipien ohne Hilfsverben verwendet werden, ist der Text dennoch novellenhaft und ohne Umschweife erzählt, er kommt auf den Punkt, und er hat sein Personal bestens entwickelt. Alle Charaktere sind plastisch und lebendig. Zum Ende wird fassbar, dass die Liebe, wie sie in Schepps Kopf existierte, nicht mehr haltbar ist. Alles stürzt in sich zusammen. Es kommt zu Enthüllungen schlimmster Art.
Der Roman behandelt die großen Themen Liebe, Verrat und Tod. Polityckis „Jenseitsnovelle“ blickt in die Abgründe und Albträume der Partnerschaften hinein: Hier führen Selbsttäuschung, Eifersucht und Wegsehen sowie kleine, große Unaufrichtigkeiten, Heucheleien und Fluchten zum größten anzunehmenden Unfall – und ganz am Ende kommt doch alles ganz anders. Man liest das Buch mit seinen 126 Seiten, ohne auch nur einmal abzusetzen.
Literaturangabe:
POLITYCKI, MATTHIAS: Jenseitsnovelle. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2009. 128 S., 15,95 Euro.
Weblink: Hoffmann & Campe