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Couchgespräche

Yaloms fabulöse Therapiegeschichten vom btb Verlag neu aufgelegt

© Die Berliner Literaturkritik, 28.09.10

MÜNCHEN (BLK) – Irvin D. Yalom ist nicht nur Träger des Internationalen Sigmund-Freud-Preises (2009) für Psychotherapie, sondern zudem noch ein Schriftsteller von Weltstatus. In „Der Panama-Hut: oder was einen guten Therapeuten ausmacht“ gibt er unterhaltsame Einblicke in die Welt der Psychotherapie.

Klappentext: Wie sieht es aus, das richtige Verhältnis zwischen Therapeut und Klient? Welche Abgründe gilt es zu verbergen, welche offen zu legen? Was ist von Patiententräumen zu halten, in denen der Therapeut eine entscheidende Rolle spielt? Irvin D. Yalom, Amerikas angesehenster und wortgewaltigster Psychotherapeut, zieht die Bilanz seines über fünfzigjährigen Berufslebens und beschert seinen Lesern ungewohnte Einblicke in das Leben eines Therapeuten - ein lehrreiches und mit zahlreichen Anekdoten gewürztes Lesevergnügen.

Irvin D. Yalom ist der Mann der eine Marktlücke für sich entdeckte. Wieso eigentlich nicht die Psychoanalyse als Fundgrube für die schönsten und aufregendsten Geschichten benützen? Der Erfolg gibt ihm Recht. Der 1931 also Sohn russischer Einwanderer in Washington, D.C. geborene Gruppentherapeut und Schriftsteller hat bereits eine ganze Reihe Fachbücher und internationale Bestseller verfasst. Zu seinen bekanntesten Publikationen gehört zweifelsohne der Roman „Und Nietzsche weinte“.

Leseprobe:

©btb Verlag©

Räumen Sie Wachstumshindernisse aus dem Weg

Als ich als junger Psychotherapie-Student noch meinen Weg suchte, war das Buch, aus dessen Lektüre ich den größten Gewinn zog, Karen Horneys Neurose und menschliches Wachstum. Das für mich nützlichste Konzept in diesem Buch war die Vorstellung, dass der Mensch einen angeborenen Hang zur Selbstverwirklichung hat. Wenn Hindernisse beiseite geräumt werden, so glaubte Horney, wächst das Individuum zu einem reifen, voll entwickelten Erwachsenen heran, wie eine Eichel zu einer Eiche heranwächst.

"Wie eine Eichel zu einer Eiche heranwächst" – was für ein wunderbar befreiendes und erhellendes Bild! Es veränderte meinen psychotherapeutischen Ansatz für alle Zeiten. Ich hatte eine neue Vision von meiner Arbeit: Es war meine Aufgabe, Hindernisse zu beseitigen, die den Weg meines Patienten blockieren. Mir oblag nicht alles; ich musste den Patienten nicht zu dem Wunsch inspirieren zu wachsen, und auch nicht zur Neugier, zum Wollen, zu Lebensfreude, Fürsorglichkeit, Loyalität oder irgendeiner anderen der tausend Eigenschaften, die uns erst wahrhaft menschlich machen. Nein, ich musste die Hindernisse identifizieren und aus dem Weg räumen. Der Rest würde, angetrieben von den Selbstverwirklichungskräften des Patienten, automatisch folgen. Ich entsinne mich an eine junge Witwe mit einem, wie sie es nannte, "versiegten Herzen" – der Unfähigkeit, je wieder zu lieben.

Es machte mir Angst, diese Unfähigkeit zu lieben ansprechen zu müssen. Ich wusste nicht, wie ich das anfangen sollte. Was ich allerdings sehr wohl konnte, war, mich der Identifizierung und der Beseitigung der vielen Blockaden zu widmen, die sie daran hinderten zu lieben. Ich bekam schnell heraus, dass Liebe ihr wie Verrat vorkam. Einen anderen zu lieben war ein Betrug an ihrem toten Ehemann; ihr schien es, als klopfte sie damit die letzten Nägel in seinen Sarg. Einen anderen so innig zu lieben wie ihren Mann (und mit weniger wollte sie sich nicht zufrieden geben) bedeutete, dass ihre Liebe zu ihrem Mann irgendwie unzulänglich oder brüchig gewesen wäre. Einen anderen zu lieben wäre selbstzerstörerisch, denn ein Verlust und der brennende Schmerz darüber wären unvermeidlich. Wieder zu lieben, kam ihr verantwortungslos vor: Sie war böse, brachte Unglück, und ihr Kuss war der Kuss des Todes.

Monatelang arbeiteten wir hart daran, all diese Hindernisse für eine neue Liebe zu identifizieren. Monatelang rangen wir der Reihe nach mit jeder irrationalen Blockade. Doch als das geschafft war, gewannen die internen Prozesse der Patientin die Oberhand: Sie lernte einen Mann kennen, sie verliebte sich, sie heiratete noch einmal. Ich musste ihr nicht beibringen, wie man sucht, gibt, Gefühle hegt, liebt – das hätte ich auch gar nicht gekonnt.

Ein paar Worte über Karen Horney. Ihr Name ist den meisten jungen Therapeuten unbekannt. Da die Bücher hervorragender Theoretiker auf unserem Gebiet nur so kurze Zeit verfügbar sind, werde ich ab und zu in Erinnerungen verfallen – nicht nur, um ihnen Reverenz zu erweisen, sondern auch, um hervorzuheben, dass unser Fach eine lange Geschichte mit bemerkenswert kompetenten Persönlichkeiten besitzt, die ein solides Fundament für unsere heutige therapeutische Arbeit gelegt haben.

Die "Neo-Freudianer", zu denen sie gehörte, waren eine Gruppe von Klinikern und Theoretikern, die sich gegen Freuds ursprüngliche Konzentration auf die Triebtheorie wandten, das heißt, gegen die Vorstellung, dass das sich entwickelnde Individuum weitgehend davon bestimmt wird, wie sich seine inhärenten Triebe entfalten und ausdrücken. Diese Bewegung leistete einen ausschließlich amerikanischen Beitrag zur Theorie der Psychodynamik. Sie legte Wert darauf, den gewaltigen Einfluss der zwischenmenschlichen Strukturen zu berücksichtigen, in die das Individuum eingebettet ist und die sein Leben lang seinen Charakter formen. Die bekanntesten Interpersonal-Theoretiker Harry Stack Sullivan, Erich Fromm und Karen Horney sind mittlerweile so gründlich in unsere therapeutische Sprache und Praxis integriert und assimiliert, dass wir alle, ohne es zu wissen, Neo-Freudianer sind. Es erinnert einen an Monsieur Jourdain in Molières Der Bürger als Edelmann, der, nachdem er die Definition des Wortes Prosa kennen gelernt hat, mit Erstaunen ausruft: "Wenn man bedenkt, dass ich mein Leben lang Prosa gesprochen habe, ohne es zu wissen!"

©btb Verlag©

Literaturangabe:

YALOM, D. IRVIN: Der Panama-Hut. Oder was einen guten Therapeuten ausmacht. btb Verlag, München 2010. 336 S., 9 €.

Weblink:

btb Verlag


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