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Der Kampf der Systeme

Das Sachbuch „Der kalte Krieg“ von John Lewis Gaddis

© Die Berliner Literaturkritik, 11.09.08

 

MÜNCHEN (BLK) – Im Juli 2008 ist das Sachbuch „Der kalte Krieg“ von John Lewis Gaddis im Pantheon Verlag erschienen.

Klappentext: Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde bestimmt vom Kampf zweier politischer Systeme und von der gegenseitigen nuklearen Bedrohung; sie endete mit dem Triumph des Westens über den Kommunismus. Wie kam es dazu? Wo entsprang der ideologisch-politische Gegensatz zwischen Ost und West? Gaddis erzählt von den entscheidenden Momenten und Persönlichkeiten, die das Zeitalter des Kalten Kriegs prägten. Die Unterdrückung der Satellitenstaaten durch die Sowjetunion, die Aufstände in der DDR, in Ungarn und der Tschechoslowakei, der Korea-Krieg, die legendäre Begegnung von Kennedy und Chruschtschow, die Kuba-Krise, die deutsche Wiedervereinigung – diese und andere Wegmarken des Kalten Kriegs rückt Gaddis in den Mittelpunkt seiner Darstellung und entwirft ein umfassendes Bild der machtpolitischen Interessensphären eines halben Jahrhunderts, in dem die Welt zweigeteilt war. Zwar vermieden die beiden Supermächte USA und UdSSR direkte militärische Auseinandersetzungen, sie trieben aber ein beispielloses Wettrüsten voran. Mehrmals drohte der Interessenkonflikt militärisch zu eskalieren. Gaddis präsentiert neue und überraschende Ergebnisse seiner jahrelangen Forschung in westlichen und östlichen Archiven. Seine globale Geschichte des Kalten Kriegs besticht durch sein klares Urteil und seine erhellenden, oft zugespitzten Formulierungen. Eine temporeiche und mitreißende Erzählung ohne ausufernden wissenschaftlichen Apparat, kurzum: eine Geschichtsstunde im besten Sinne. Die erste umfassende Gesamtdarstellung des Kalten Kriegs.

John Lewis Gaddis ist einer der renommiertesten Historiker unserer Zeit und gilt als der Doyen der Geschichtsschreibung zum Kalten Krieg. Er ist Professor an der Yale University und veröffentlichte zahlreiche Bücher über den Kalten Krieg, u.a. „We Now Know: Rethinking Cold War History“ (1997) und „Surprise, Security, and the American Experience“ (2004). (bah/vol)

 

Leseprobe:

© Pantheon ©

Wiederkehr der Angst

Die Wurzeln des Kalten Krieges

(1917–1950)

SO HATTE MAN SICH das Kriegsende vorgestellt: mit Hurrarufen und Händeschütteln, Tanzen und Trinken und jeder Menge Hoffnung. Man schrieb den 25. April 1945, Schauplatz war Torgau an der Elbe: Hier trafen die Armeen aufeinander, die sich von entgegengesetzten Weltenden aufeinander zu bewegt und dabei Nazideutschland in zwei Hälften geteilt hatten. Fünf Tage später schoss sich Adolf Hitler eine Kugel in den Kopf. Gut eine Woche darauf kapitulierten die Deutschen bedingungslos. Die Führer der Großen Allianz, Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin, hatten sich bereits während des Krieges auf zwei Gipfeltreffen gesehen und gesprochen – im November 1943 in Teheran und im Februar 1945 in Jalta. Auch sie hatten einander die Hände geschüttelt, auf eine bessere Welt angestoßen und jede Menge Hoffnung geweckt. Ihre Gesten hätten indessen wenig bedeutet, wenn die von ihnen befehligten Truppen nicht in der Lage gewesen wären, ihre eigene, etwas ausgelassenere Feier zu veranstalten, wo es wirklich zählte: an der Frontlinie auf einem Schlachtfeld, von dem der Gegner nach und nach verschwand.

Warum also begegneten sich die Armeen in Torgau mit einer Vorsicht, als erwarteten sie, auf außerirdische Besucher zu treffen? Warum überraschten und beunruhigten sie die Ähnlichkeiten der jeweils anderen? Warum bestanden ihre Befehlshaber auf getrennten Kapitulationszeremonien, eine für die Westfront am 7. Mai in Reims und eine für die Ostfront am 8. Mai in Berlin? Warum versuchten die sowjetischen Behörden, die spontanen proamerikanischen Demonstrationen, zu denen es nach der Bekanntgabe der deutschen Kapitulation in Moskau kam, zu unterbinden? Warum hielten die amerikanischen Behörden in der folgenden Woche abrupt wichtige Land-Lease-Hilfslieferungen an die Sowjetunion zurück, um sie später dann doch auf den Weg zu bringen? Warum musste Roosevelts wichtigster Berater, Harry Hopkins, der 1941 bei der Schaffung der Großen Allianz eine Schlüsselrolle gespielt hatte, sechs Wochen nach dem Tod seines Herrn nach Moskau eilen, um sie zu retten? Warum nannte Churchill Jahre später den Memoirenband über diese Ereignisse Triumph und Tragödie?

Auf alle diese Fragen ist die Antwort im großen Ganzen immer dieselbe: Der Krieg war von einem Bündnis gewonnen worden, dessen Hauptpartner sich – ideologisch und geopolitisch, wenn auch nicht militärisch – bereits miteinander im Krieg befanden. Bei allen Triumphen, welche die Große Allianz im Frühjahr 1945 feierte, hatten ihre Erfolge doch stets darauf beruht, dass unvereinbare Systeme vereinbare Ziele verfolgten. Die Tragödie bestand darin, dass der Sieg die Sieger vor die Wahl stellte, entweder aufzuhören, sie selbst zu sein, oder einen großen Teil dessen aufzugeben, was sie durch die Kriegsteilnahme zu erreichen gehofft hatten.

 

WÄRE IM APRIL 1945 wirklich ein außerirdischer Besucher an der Elbe zugegen gewesen, hätte er tatsächlich nicht nur zwischen den russischen und amerikanischen Armeen, die sich dort trafen, sondern auch zwischen den Gesellschaften, aus denen sie kamen, oberflächliche Ähnlichkeiten festgestellt. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion waren in Revolutionen entstanden. Beide vertraten Ideologien mit globalem Anspruch: Was zu Hause funktioniere, so die Annahme ihrer Führer, müsse auch für den Rest der Welt das Richtige sein. Beide waren Kontinentalstaaten mit Grenzen von gewaltiger Länge; sie waren damals das größte und drittgrößte Land der Erde. Und beide waren infolge eines Überraschungsangriffs in den Krieg eingetreten: des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und des japanischen Luftschlags gegen Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, den Hitler als Vorwand nutzte, um den USA vier Tage später den Krieg zu erklären. Damit waren die Ähnlichkeiten allerdings erschöpft. Wie jeder Beobachter von außerhalb rasch bemerkt hätte, waren die Unterschiede wesentlich größer.

In der amerikanischen Revolution, die vor über anderthalb Jahrhunderten stattgefunden hatte, war ein tiefes Misstrauen gegenüber Machtkonzentrationen zum Ausdruck gekommen. Nach Auffassung der Gründungsväter der Vereinigten Staaten waren Freiheit und Gerechtigkeit nur durch die Einschränkung der politischen Macht zu gewährleisten. Dank einer klugen Verfassung, der geographischen Abgeschiedenheit von potentiellen Rivalen und des enormen Reichtums an Bodenschätzen gelang es den Amerikanern, einen nach außen außerordentlich machtvollen Staat aufzubauen. Das war während des Zweiten Weltkriegs offensichtlich geworden. Erreicht hatten sie dies jedoch durch die rigide Beschränkung der Fähigkeit der Regierung, das alltägliche Leben zu kontrollieren, ob nun durch die Verbreitung von Ideen, die Organisation der Wirtschaft oder politisches Handeln. Trotz der Legalität der Sklaverei, der nahezu vollständigen Ausrottung der Ureinwohner Amerikas und anhaltender Rassen-, Geschlechter- und Sozialdiskriminierung konnten die Bürger der Vereinigten Staaten 1945 mit Recht behaupten, in einer der freiesten Gesellschaften der Welt zu leben.

Zur Revolution der Bolschewiken hingegen, die nur ein Vierteljahrhundert zurücklag, hatte eine Ballung und Häufung von Macht gehört, die es ermöglichte, Klassenfeinde zu besiegen und eine Basis zu errichten, von der aus sich die proletarische Revolution über die Welt ausbreiten konnte. Karl Marx hatte 1848 im Kommunistischen Manifest ausgeführt, dass die von Kapitalisten betriebene Industrialisierung die Arbeiterklasse vergrößere und ausbeute und diese sich früher oder später selbst befreien werde. Wladimir Iljitsch Lenin genügte es jedoch nicht, darauf zu warten; er versuchte 1917 den Gang der Geschichte zu beschleunigen, indem er in Russland die Macht übernahm und dem Land den Marxismus aufzwang, obwohl dies der Marxschen Vorhersage, dass die Revolution nur in einer fortgeschrittenen Industriegesellschaft ausbrechen könne, zuwiderlief. Stalin löste dieses Problem, indem er Russland, ein überwiegend agrarisches Land mit wenigen freiheitlichen Traditionen, in ein stark industrialisiertes Land ohne jede Freiheit umgestaltete. Die Ideologie, die dieser Transformation zugrunde lag, war der Marxismus-Leninismus. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die UdSSR das autoritärste Land der Welt.

Aber nicht nur die Siegermächte waren grundverschieden, auch die Kriege, die sie zwischen 1941 und 1945 geführt hatten. Die Vereinigten Staaten führten zwei Kriege gleichzeitig – gegen Japan im Pazifik und gegen Deutschland in Europa –, erlitten aber erstaunlich geringe Verluste; insgesamt fielen auf allen Kriegsschauplätzen nur knapp 300.000 Amerikaner. Weitab von den Schlachtfeldern gelegen, erlebte das Land, bis auf den Auftakt in Pearl Harbor, keinen größeren Angriff. Zusammen mit ihrem britischen Verbündeten (der während des Krieges rund 357.000 Todesopfer zu beklagen hatte) konnten die Vereinigten Staaten selbst bestimmen, wo, wann und unter welchen Umständen sie kämpfen wollten, was die Kosten und Risiken der Kriegführung erheblich verringerte. Aber im Gegensatz zu Großbritannien verfügten die USA am Ende des Krieges über eine prosperierende Wirtschaft: Aufgrund der Kriegsausgaben hatte sich das Bruttosozialprodukt in weniger als vier Jahren fast verdoppelt.

Von solchen Vorteilen konnte die Sowjetunion nur träumen. Sie führte zwar nur einen Krieg, aber dieser war der furchtbarste aller Zeiten. Angesichts verwüsteter Städte, Dörfer und Ländereien und zerstörter oder hastig hinter den Ural verlegter Fabriken blieb ihr nur die Wahl, entweder zu kapitulieren oder verzweifelt Widerstand zu leisten – auf Terrain und unter Umständen, die der Feind bestimmte. Schätzungen der Zahl von militärischen und zivilen Todesopfern sind notorisch ungenau, aber man kann davon ausgehen, dass etwa 27 Millionen Sowjetbürger durch Kriegseinwirkung ums Leben gekommen sind – rund neunzigmal so viele wie auf amerikanischer Seite. Der Sieg hätte kaum um einen höheren Preis erkauft sein können: 1945 war die Sowjetunion ein Staat, der von Glück sagen konnte, dass er überlebt hatte. Wie ein Zeitgenosse bemerkte, war der Krieg sowohl „die schrecklichste als auch die stolzeste Erinnerung des russischen Volkes“.

Als es darum ging, die Nachkriegsordnung zu gestalten, waren sich die Sieger jedoch näher, als diese Asymmetrien vermuten lassen. Die Vereinigten Staaten waren keine Verpflichtungen eingegangen, die ihrer alten Tradition, sich aus den europäischen Angelegenheiten herauszuhalten, widersprochen hätten. Roosevelt hatte Stalin in Teheran sogar versichert, die amerikanischen Truppen würden nach Kriegsende binnen zwei Jahren nach Hause zurückkehren. Auch konnte man angesichts der deprimierenden Erlebnisse in den dreißiger Jahren nicht sicher sein, dass sich der Kriegsboom fortsetzen würde oder dass die Demokratie außerhalb der relativ wenigen Länder, in denen es sie noch gab, wieder Fuß fassen würde. Die USA

und Großbritannien hatten mit Stalins Hilfe lediglich den deutschen Faschismus besiegt – und nicht den Autoritarismus, wie ihn der für den Sieg unentbehrliche Verbündete verkörperte.

Gleichwohl konnte die Sowjetunion trotz ihrer gewaltigen Verluste auch bedeutende Gewinne verbuchen. Da sie ein Teil Europas war, würden sich ihre Streitkräfte nicht aus Europa zurückziehen. In den Vorkriegsjahren war ihre Kommandowirtschaft in der Lage gewesen, die Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten, während dies den kapitalistischen Demokratien nicht gelungen war. Ihre Ideologie erfreute sich in Europa breiter Anerkennung, da der Widerstand gegen die Deutschen zum großen Teil von Kommunisten organisiert worden war. Und aufgrund der unverhältnismäßig großen Last, welche die Rote Armee beim Sieg über Hitler getragen hatte, hatte sie einen moralischen Anspruch auf erheblichen, wenn nicht sogar entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Nachkriegsordnung. Wem die Zukunft gehörte, dem autoritären Kommunismus oder dem demokratischen Kapitalismus, war 1945 nicht so einfach zu entscheiden.

© Pantheon ©

Literaturangaben:
GADDIS, JOHN LEWIS: Der kalte Krieg. Eine neue Geschichte. Übersetzt aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Pantheon Verlag, München 2008. 384 S. , 12,95 €.

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