Werbung

Werbung

Werbung

Der Geschmack des Hungers

Zur deutschsprachigen Ausgabe von Valzhyna Morts „Tränenfabrik“

© Die Berliner Literaturkritik, 28.01.10

Von Behrang Samsami

„wie wir zur welt kamen wissen selbst unsere mütter nicht

wie wir ihnen die beine spreizten und hervorkrochen von allein

so kroch man nach dem bombardement aus den ruinen

wir wußten nicht wer von uns junge wer mädchen ist

wir fraßen erde und dachten das sei brot

unsere zukunft aber – diese tänzerin auf dem dünnen strich horizont –“

Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade mit diesen Zeilen nicht nur das Gedicht „Die weißrussische Sprache I“, sondern überhaupt die erste deutschsprachige Gedichtsammlung mit dem Titel „Tränenfabrik“ der 1981 in Minsk geborenen Schriftstellerin Valzhyna Mort eröffnet wird. Denn in dieser einen kurzen Strophe ist bereits vieles von dem enthalten, was die von der Autorin selbst besorgte Auswahl und Zusammenstellung ihrer Gedichte thematisiert: Im Mittelpunkt stehen die Sorgen und Nöte ihrer eigenen Generation und deren Umgang mit der jüngsten Geschichte, konkret mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Gründung eines neuen, weißrussischen Staates.

Ein Großteil ihrer Gedichte, die erstmals in einer zweisprachigen Ausgabe mit dem Titel „Factory of Tears“ (Washington 2008) publiziert worden sind und für die die Dichterin bisher vielfach – so ebenfalls 2008 mit dem Hubert-Burda-Förderpreis – ausgezeichnet wurde, umkreist die Frage, wie das eigene Leben zu gestalten sei angesichts großer gesellschaftlicher Umwälzungen wie dem Systemwechsel im ehemaligen Ostblock. Erschwert wird diese Aufgabe für das lyrische Ich dadurch, dass es aus einem Land stammt, das erst seit wenigen Jahren unabhängig, selbst noch auf der Suche nach einer Identität ist. So wirkt es nicht verwunderlich, wenn „Weißrussland“ in vielen Gedichten zu Anfang fremd, dann aber doch vertraut wirkt, ja selbst wie ein Jugendlicher erscheint, der ebenso hilflos zwischen den „Älteren“ – gemeint sind die Nachbarstaaten – erst noch lernen muss zu gehen und seinen Platz in der Welt zu finden.

Die Suche nach der eigenen Identität wird bei Mort demnach gekoppelt an die der Nation – und hier insbesondere an die weißrussische Sprache, die erst zwei Jahre nach der Unabhängigkeit 1991 Eingang in den Schulunterricht findet, wie die Autorin in ihrem eigens für die deutschsprachige Ausgabe ihrer Gedichte geschriebenen Nachwort mit dem Titel „Eine Sprache, die der Musik hinterherläuft“ betont. Das Leben in einem neuen Land mit einer neuen Sprache, das sich noch selbst finden muss, schafft dabei zugleich eine Distanz und eine Nähe zu der Generation der Eltern und Großeltern. Sie fungieren als Kontrastfolie, als Bürger eines untergegangenen Staates und als Verlierer der Geschichte, die ihr Leben im Grunde nie hätten genießen können. So heißt es in dem Prosagedicht „für Großmama“:

„Dein Leben war so voller Armut und Hunger, als hättest du es als Almosen auf der Straße erhalten. Und dieser Geschmack des Hungers in deinem Mund ist so stark, daß er den Geschmack und Geruch von allem andern überlagerte, was du später aßest. Dieser Geschmack des Hungers, wie sang er für mich, wie zog er mich in seinen Bann. Dieser Anflug von Armut, du wurdest ihn nie mehr los, es fröstelte dich, ganz gleich, was du auch anzogst. Dieser Anflug von Armut, wie hat er mich umarmt, wie in den Schlaf gewogen!“

So sehr das Leben der in der Sowjetunion sozialisierten Verwandten auch die Generationen innerlich voneinander trennt, das lyrische Ich erinnert sich auch gern an die Vergangenheit und dabei an die Zeit bei ihrer Familie. Diese gerät ihr in einigen Texten mitunter zu einem konfliktlosen Rückzugsraum: „Die Geographie von Mamas in der ganzen Wohnung verstreuten Parfümflakons – das ist meine wahre Heimat. Die Kosmetikarchitektur auf ihrem Schminktisch – das ist meine Stadt der Kindheit. Die Wolkenkratzer der verschiedenfarbigen Lippenstifte, die Kanalisation in den Wimperntuschetuben, die Nagellackkirchen, die blühenden Watteparks, und in der Mitte – die große runde Puderdose – das Opernhaus.“

Valzhyna Mort geht in ihren Gedichten allerdings nicht nur melancholisch und eskapistisch auf die Vergangenheit ein. Sie deutet in ihrer Kompilation auch auf Missstände hin, die – während und durch die Herrschaft der Sowjets entstanden – noch heute das Leben der Menschen auch in der Weißrussland prägten: Politische Unfreiheit und Unterdrückung oppositioneller Kräfte von Seiten des Staates, Unsicherheit und Angst vor der Obrigkeit bei der Bevölkerung.

Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb die Dichterin, die eigentlich Valzhyna Martynawa heißt, nach einem Anglistik-Studium im heimatlichen Minsk seit 2005 in Washington D.C. lebt. Neben ihren Gedichten arbeitet sie dort an Übersetzungen aus dem Englischen und Polnischen – so erschien 2007 eine weißrussische Ausgabe von „Sezon“ (1969), einem Gedichtband, von Rafał Wojaczek (1945-1971). Seit Herbst 2009 lehrt sie noch zusätzlich Lyrik an der Universität von Baltimore.

Insgesamt zeichnen sich die Gedichte der Sammlung „Tränenfabrik“ durch eine große Bandbreite aus: Valzhyna Morts Stil ist aggressiv bis melancholisch, nüchtern bis nostalgisch, deskriptiv bis aphoristisch. Und auch thematisch ist ihre Kompilation abwechslungsreich: So finden sich Eindrücke von Reisen nach Europa („Polnische Immigranten“ und „Berlin – Minsk“) und Amerika („New York“ und „Von Floridas Stränden“), Liebesgedichte („Ich bin so dünn“ und „dein körper ist so weiß“), Gedanken über den Tod („Schlaflied“ und „für Rafał Wojaczek“), Alltagsbeobachtungen („wie an einem weißen flügel“ und „Auf dem Fährschiff“), und Texte über das Verhältnis der Geschlechter („Männer“).

Zur Vielfalt ihrer Gedichte trägt auch bei, dass Mort mit verschiedenen Formen experimentiert: Sie reichen vom Kinderlied („Ein Traum – nicht gewappnet zu sein / gegen Tod. / Leise mit den Lippen die Lippen / stillen. / Schlaf, Kindlein, schlaf…“), der Oper („o jose! Schlank wie eine messerklinge / du setzt die letzte note / in den notenleib die zigeunerrippen“), surrealistischen Effekten („mit donnerschlag traf sie mein Haus / und als unbeweglicher blitz / steht auf dem bett / eine Tulpe“) bis zum umgewandelten Agitprop-Gedicht, das dem Gedichtband schließlich seinen Titel verliehen hat („ich bin arbeitsinvalide meiner heldentränenfabrik, / habe schwielen auf den augen, / dazu noch den jodbeinbruch / bezahlt werde ich nach der leistung / und bin zufrieden mit dem, was ich habe.“)

 

Literaturangabe:

MORT, VALZHYNA: Tränenfabrik. Gedichte. Aus dem Weißrussischen von Katharina Narbutovič. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main  2009. 89 S., 10 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag

 

 


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: