Der arme Nachlasspfleger

Michael Krügers Roman aus dem Jahr 2005: „Turiner Komödie“

© Die Berliner Literaturkritik, 14.04.12

Dieser Text erschien erstmals am 4. Januar 2006 in diesem Literatur-Magazin.

KRÜGER, MICHAEL: Turiner Komödie. Bericht eines Nachlassverwalters. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2005. 192 S., 16,90 Euro.

Von Roland H. Wiegenstein

Dass Turin die Stadt der Selbstmörder sei, betont der Ich-Erzähler immer wieder – mit Grund: Er wurde von seinem Freund Rudolf, dem Professor für Literatur und Kommunikationswissenschaft nach Turin bestellt, um dessen Nachlass zu ordnen: Rudolf hat sich umgebracht.

Folgerichtig beginnt die Geschichte auf dem Friedhof. Trauergesellschaften haben meist ihre unfreiwillig komischen Seiten, Michael Krüger breitet sie genüsslich aus. Rudolf hat auf dem obersten Stock eines alten Palazzo gewohnt, sein Institut befindet sich gleich darunter. Dass er auf der großen Terrasse eine ganze Menagerie von Tieren hält: einen uralten Hund, zahlreiche Katzen, Hühner und anderes Viehzeug, das wissen nur seine Sekretärin Marta und jene Ostasiatinnen, die dort jeden Tag sauber machen

Milde komische Vorfälle

Dass er neben seiner Ehefrau Elsa, die todkrank im Spital liegt, eine Affäre mit Eva, der feministischen Professorin im fernen Deutschland, pflegte und auch seine Institutssekretärin Mara Grund hat, sich zu seinen Witwen zu zählen, das erfährt der Nachlassverwalter nach und nach. Aber dass Rudolf, der mit leicht lesbaren Romanen unter die Bestsellerautoren und Tagungs-Löwen geraten ist, obwohl er doch derlei hasste und sich als menschenfeindlichen Pessimisten ausgab, diese Romane zu großen Teilen aus Zitaten collagiert hat, die er sich bei anderen Autoren geborgt hatte, das verwundert ihn doch, selbst das große Meisterwerk, nachdem er in Rudolfs Papieren sucht, wäre solch eine Collage aus Plagiaten geworden, existierte es denn.

Doch davon findet der Erzähler eben nur die exzerpierten Zitate. Und so reist er am Ende ab – froh, diese etwas gespenstische Begegnung mit einem Toten, seinem unbrauchbaren Nachlass und zwei Witwen (die dritte – und seine vormals angetraute Frau – ist inzwischen auch verstorben) hinter sich lassen zu können.

Wer hätte gedacht, dass ein so schmaler, wenn schon gescheit ausgedachter Plot ein so schönes, leichtfüßiges Buch ergeben könnte: seine Stärke liegt in der ungerührten Beschreibung milde komischer Vorfälle, denn der Ich-Erzähler redet zwar davon, dass ihn dieser Rudolf und seine verzwickten Verhältnisse etwas angingen, in Wirklichkeit beobachtet er sie mit der gebremsten Neugier eines Insektenforschers, der es rasch aufgibt, eine neue Spezies entdecken zu wollen.

Gnadenlos skeptischer Blick

Allenfalls, dass etwas von Rudolfs unheilbarer Melancholie auf ihn überspringt – wenn es diesen Selbstmörder, dieses Turin, diese eigentlich unattraktiven Frauen und die Menagerie wirklich gegeben haben sollte, er sie sich nicht nur ausgedacht hat. Denn das Roman-Ich ist natürlich nicht identisch mit seinem Autor – der tut so, als wäre das so.

Was diesen Roman, der sich präsentiert, als sei er von einem Nachfolger von Shakespeares Luftgeist Ariel erfunden worden, spannend macht, ist Krügers gnadenlos skeptischer Blick auf den Literaturbetrieb und die, die ihn in Gang halten, und ist ein Stil, so anstrengungslos schwebend und schön, wie ihn nur ein Meister erzählender Prosa entfalten kann. Krügers Sprache ist elegant, genau, witzig, sie braucht nicht aufzutrumpfen, leise Ironie genügt.

Damit ist dies Buch ein Beispiel dafür, wie man heute einen Roman schreiben kann, der nicht schwitzt, vielmehr eine samtene Trockenheit besitzt, die all die gesteilen oder im Alltagsjargon verendeten Prosaversuche hochgerühmter Autoren wegwischt: es geht auch anders. Wenn dieser Roman denn ein Divertimento ist, so eines, das einen erlauchten Ahnherrn hat: Mozart. Und ist nicht auch Ariel eine Figur, in der kaustischer Witz, verborgene Melancholie und die Unwirklichkeit des Traums zueinander kommen?


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