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Der ägyptische Arzt „El Hakim“

John Knittels Roman „El Hakim“

© Die Berliner Literaturkritik, 06.08.08

 

Von Claudine Borries

John Knittel wurde in den dreißiger Jahren viel gelesen, umjubelt und geliebt! Er wurde 1891 als Sohn eines deutschen Missionars in Indien geboren, siedelte 1908 nach London über, wurde Bankangestellter und gründete eine Familie. Nachdem sein literarisches Talent entdeckt wurde, ließ sich Knittel 1921 in der Schweiz nieder.

Am bekanntesten wurde er mit seinem Roman „Via Mala“, mit dem er Literaturgeschichte schrieb. Alle seine Bücher wurden in englischer Sprache verfasst. Auch im deutschen Sprachraum erfreuten sich seine Romane großer Beliebtheit. Seine Helden zeichnen sich durch besonderes Heldentum und aufrechte Mannhaftigkeit aus, mutig und immer stark. Zeitweise wurde er in die Nähe der Nazis gerückt, denn sein Besuch bei dem deutschen Propagandaminister Goebbels wurde publik.

Der berühmte Arzt und Heiler El Hakim: aus armen Verhältnissen aufzusteigen und berühmt zu werden, ist der Traum von Ibrahim Gamal e Assiuti aus Mittelägypten. Die Geschichte spielt zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft.

Ibrahim sehnt sich nach Ruhm und Erhabenheit und fühlt sich zum Arzt berufen. Mit Leidenschaft, unbändigem Durchhaltevermögen und allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es ihm, seinen Traum zu verwirklichen. Er wird ein großer Arzt, berühmt, menschlich mitfühlend und ein charakterliches Vorbild für alle, die ihn lieben und verehren.

Ibrahim kommt aus einem einfachen Elternhaus. Die Familie lebt in einer Lehmhütte. Außer seinen Eltern gehört noch der Bruder zur kleinen Familie. Der Vater verkauft Gewürze und hat anfangs nichts übrig für die anspruchsvollen Pläne seines Sohnes.

Dieser aber setzt sich durch, unterstürzt von seiner Mutter, einer sehr schönen Ägypterin. In der Umgebung gehörte die Familie zu den religiösen Außenseitern. Sie sind koptische Christen, die zu einer altorientalischen christlichen Kirche Ägyptens gehören. Die Mehrzahl der Ägypter hingegen glaubt an Mohamed.

Ruhig und gemächlich beginnt die Geschichte, die später an Dramatik und Tempo gewinnt. Ibrahim gelangt auf abenteuerlichen Wegen nach Kairo. Unterwegs lernt er einen imponierenden jungen Arzt kennen, der ihn fördert und ihm freundschaftlich verbunden ist. Während seiner Reise an die Universität in Kairo gerät er in ein Gebiet, in dem die Cholera wütet. Sein Freund stirbt an der Seuche. Eine liebreizende Ägypterin säumt seine Spur, und nach vielen Hindernissen kann er sein Studium in Kairo endlich aufnehmen.

Knittel erzählt vom Leben in Armut und belegt den Idealismus seines Helden an vielen herausragenden Beispielen. Abenteuerlich und malerisch bunt ist das Leben. Zuweilen glaubt man sich in ein orientalisches Märchen versetzt. Da wimmelt es von Ungeziefer und Schmutz, von Korruption und Bestechung. Und dann passieren immer wieder Wunder in Form von bedeutsamen Heilungen, die El Hakim vollbringt. Er kommt ins Gefängnis, kann aber dank seiner Heilkunst dem Inferno entkommen.

In seinem Leben begegnen ihm häufig und unvorhergesehen wohlwollende und ernsthafte Gönner, die ihm dabei behilflich sind, seine von missionarischem Eifer getragenen und oftmals unerträglichen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Liebe zu seiner jungen Freundin Aziza berauscht ihn. Sie zerbricht jedoch an seiner aufrechten, enthaltsamen und zielstrebigen Lebensweise. Durchsetzt ist sein Lebensweg von stetig neuen Einsichten und Erkenntnissen, die ihn zu einem allseits hoch geachteten, weisen und immer gütigen Menschen stilisieren.

Die alte ägyptische Kultur ist überall gegenwärtig. Trotz großer Armut werden die Menschen stolz und würdevoll in ihrem Auftreten charakterisiert. Das Gefälle von Arm und Reich ist beträchtlich, so wie auch heute noch. Märchenhaft und von magischen Vorstellungen beseelt mutet der Orient an. Auch das ist heute noch zu spüren, wenn man einmal Ägypten bereist hat.

Der Roman ist 1935 zum ersten Mal erschienen, und war heiß geliebte Lektüre von jung und alt in den dreißiger Jahren. Heldentum, Entbehrung und Aufstieg aus ärmsten Verhältnissen, dazu eine hehre Gesinnung verkörperten das Ideal jener Jahre, in denen die Menschen durch Arbeitslosigkeit und Krieg sich nach erhebenden Zielen sehnten. Die Neuauflage des Romans bietet die Chance, sich noch einmal in längst vergangene Zeiten zurück zu versetzen und einen Eindruck von den Verhältnissen in Ägypten zur Zeit der Fremdherrschaft zu gewinnen. Sehr ausgeprägt  ist die Schwarz-weiß-Malerei zwischen Gut und Böse, und auch die hehren Ziele und ihre Durchsetzung scheinen reichlich übertrieben. Dabei ist das Thema der Armut in den Ländern der Dritten Welt nach wie vor hoch aktuell, wenn man bedenkt, dass die Länder in diesen Regionen noch immer ökonomisch und ökologisch am Abgrund stehen. Krankheiten, Bildungsmangel und Chancenlosigkeit herrschen weiterhin in weiten Teilen der von Armut und Hunger betroffenen Gegenden.

Das Buch verlockt zum gemütlichen Schmökern und regt trotz berechtigter Zweifel an der Ausgewogenheit der Schilderung zum Nachdenken an.

Literaturangaben:
KNITTEL, JOHN: El Hakim. Roman. Aus dem Englischen von Hubert Furtwängler und Margaret Furtwängler-Knittel. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2008. 288 S., 9,95.

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