Das Leben des Regisseurs Werner Schroeter im Spiegel seiner Autobiografie

„Tage im Dämmer, Nächte im Rausch"

© Die Berliner Literaturkritik, 11.06.14

Diese Rezension erschien erstmals im Mai 2011 in diesem Literaturmagazin.

SCHROETER, WERNER (mit  LENSSEN, CLAUDIA): Tage im Dämmer, Nächte im Rausch. Autobiographie, Aufbau Verlag, Berlin 2011, 408 S., 22,95 €.

Von Wilfried Mommert

Für Wim Wenders war der 2010 gestorbene Regisseur Werner Schroeter „mit Abstand der größte Exzentriker unter uns“. Für den Freund und Kollegen Rosa von Praunheim war er der „große Außenseiter“ der deutschsprachigen Film- und Theaterszene. Sein (ebenfalls an Krebs gestorbener) Regiekollege Christoph Schlingensief, beide auch gerne „enfant terrible“ der Künstlerszene genannt, stellte Schroeter sogar auf eine Stufe mit Rainer Werner Fassbinder. Dabei waren seine Arbeiten doch „nur“ ein „Abfallprodukt meiner Liebesgeschichten“, wie Schroeter in dem auf der letzten Berlinale gezeigten Filmporträt „Mondo Lux“ von Elfi Mikesch betonte.

„Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“, zitierte Schroeter gerne den Freund und Kollegen Fassbinder, der ihm übrigens sein Lieblingsfilmprojekt „Querelle“, die apokalyptische Schwulen-Verbrecher-Geschichte Jean Genets, wegschnappte.

Jetzt ist postum Schroeters Autobiografie „Tage im Dämmer, Nächte im Rausch“ erschienen. In ihrem Vorwort zu dem Buch nennt die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek Schroeter, mit dem sie auch zusammengearbeitet hat, „einen der großen Verursacher und Her-Steller, kein Dahergelaufener“. Seine Memoiren seien sein „Lebensroman, wie er ihn in seinen letzten Monaten vor dem inneren Auge vorüberziehen ließ“, in rund 50 Stunden Gespräche und Berichte im Sommer und Herbst 2009, meist in Berliner Cafés und Restaurants, wie die Mitautorin Claudia Lenssen hervorhebt. Das wird angesichts der dramatisch fortschreitenden Krebserkrankung nicht immer problemlos für das Buchprojekt gegangen sein.

Die Berichte Schroeters haben denn auch streckenweise etwas Gehetztes, um ja keine Lebensstation oder Begegnung zu vergessen. Auf Dokumente wollte er nicht mehr zurückgreifen. Bisweilen kommt dabei auch der melancholische und philosophierende „Tagtraumtänzer“ zu Wort, mit oft berührenden Gedanken und Erinnerungen. Schroeter schmunzelte dabei manchmal über sein „elefantöses“ Gedächtnis.

Das Buch ist eine lohnende Ergänzung der damaligen Würdigungen mit dem eigenen Blick des Künstlers, ohne Larmoyanz und auch mit mancher gekränkter Erinnerung. So hatte Schroeter in Deutschland nicht die Aufmerksamkeit und Wertschätzung mit seinen Filmen gefunden wie im Ausland. Immerhin gab es 1980 dann doch den Goldenen Bären der Berlinale für das deutsch-italienische Gastarbeiterdrama „Palermo oder Wolfsburg“.

Sein lebenslanger Traum vom „richtig großen Kino“ ist zu seinem Kummer nie in Erfüllung gegangen, dazu waren die Filme des „Esoterikers“, wie ihn manche nannten, dann doch zu sperrig. Für Werner Herzog drehte Schroeter aber immerhin die Opernszenen in „Fitzcarraldo“. Ein Traumprojekt mit der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert blieb unerfüllt, in dem sie den preußischen König Friedrich den Großen in seiner Jugend bis zur Krönung spielen sollte.

So richtig wohl hat sich Schroeter in Deutschland nie gefühlt. Ein Land, in dem die Menschen auf der Straße „auch nie zurücklächeln“. Die ihm von Jack Lang angebotene französische Staatsbürgerschaft hat er dennoch abgelehnt. Und mit seiner Liebe zu Italien rechnete er spätestens mit Berlusconi auch ab: „Wenn man ein Land liebt, sieht man seine bedauerlichen kulturellen Veränderungen besonders deutlich.“

Werner Schroeters Lebensplan mit 21 Jahren war, nach dem Abitur „die Liebe lernen und mich dann umbringen“, wie er sich in der Autobiografie erinnert. Die glückliche und unglückliche Liebe sollte der homosexuelle Künstler, der Maria Callas ebenso verehrte wie Caterina Valente, im Laufe seines Lebens denn auch tatsächlich finden, und der Eros wurde auch auf der Leinwand und der Bühne sein Lebensthema. Wie überhaupt die Kunst für Schroeter der Ausdruck für „nicht gelebte Sehnsüchte“ war. Für Schroeter war „das Suchen das Wichtigste in der Kunst, nicht das Finden, es gibt ja auch nichts zu finden“.

Offen spricht der Regisseur in dem Buch auch über Alkohol und Drogen. „Im Extremfall war es eine Flasche Cognac am Tag. Damit bewegte ich mich auf dem Pegel von Heiner Müller, den ich so verehrte.“ Aber die Liebe zur Kunst siegte. 2008 wurde Werner Schroeter bei den Filmfestspielen in Venedig für sein Lebenswerk geehrt, er erhielt den Goldenen Löwen aus den Händen seines Kollegen und Freundes Wim Wenders.

Weblink: Aufbau Verlag


Bookmark and Share

Copyright © 2002-2009 Die Berliner Literaturkritik. Alle Rechte vorbehalten. Realisierung: <script-o-flex/>