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Das Hesse Projekt – „Die Welt als Traum“

Eine lyrisch-melodische Entgrenzung, gestaltet von namhaften Künstlern

© Die Berliner Literaturkritik, 08.09.08

 

Musik in jeder Silbe. Auch dem Komponistenpaar Schönherz und Fleer liegt das Wort, ihnen ist bei der Hesse-Rezeption der phantasievoll hallende Wortklang seiner Gedichte kaum entgangen. Denn nach dem bereits gefeierten „Rilke-Projekt“ ist nun ein weiteres Meisterwerk der musikalischen Lyrikinterpretation entstanden. Mehr als das Gedicht und mehr als reine Musik sozusagen. Denn erst die gekonnte Symbiose aus Literatur und musikalischer Virtuosität in „Hesse Projekt – ‚Die Welt unser Traum’“ verleiht der ohnehin schon farbenfrohen Lyrik Hesses einen wahrhaft sinnlichen Charakter, der das „Innerste der Seelen“ im tiefsten Punkt berührt. Künstler wie Annett Louisan, Die Söhne Mannheims oder Ben Becker geben den zauberhaften Gedichten mit ihrer Stimme einen musikalisch-interpretativen Ausdruck, welcher durch Hintergrundmusik oder sogar Gesang wolkenartig die Luft des Raumes mit einem ungekannten Odem versieht. Vitalisierend saugt der Hörer dessen Duft in sich hinein.

Dabei steht der ästhetische Grundgedanke stets im Vordergrund. Hesses Sprachlandschaften sind die Träume von einer besseren Welt. Humanität und Menschenliebe als soziokulturelle Bindeglieder sind Abbilder einer „göttlichen Einheit“, die beispielhaft im Gedicht „Dass Gott in jedem von uns lebt“, gelesen von Roger Willemsen, den wertevermittelnden Rahmen seiner gesamte Dichtkunst wiedergeben. Doch Hesse ist mehr als ein kategoriales Schlagwort. Sowohl Motive wie das Vanitas-Gebot oder das des „Einsam-Seins“ greifen die Komponisten in ihrer Vertonung auf. Zwischen Melancholie, Farbenvielfalt und nahezu spiritueller Meditation schwanken die musikalischen Ausdrucksvarianten. Ob Saxophon, ob Violine oder einfach nur das gelesen Wort – das Zusammenspiel der Kräfte setzt die Gedichte „Blauer Schmetterling“ oder „Abends“ ins rechte Licht.

Ohne einzuengen leitet die musikalisch-lyrische Sinfonie den Hörer in eine Welt der Emotionen und Ideen. Wie verzaubert erkennt er: „Die Welt hat Sinn, das Stumme spricht.“ Denn ferner jenes Ungesagte, das sinnhafte Mysterium, hinter den Versen deuten die melodischen Verwirklichungen des Komponistenpaars sowie die stimmlichen Akzentuierungen der prominenten Leser manchmal leise oder bisweilen sogar expressiv an.

Obwohl das Hesse Projekt sicherlich die Interpretationsmuster sehr klar vorgibt, versteht es sich als eine bisher neben seinem Vorgänger, dem „Rilke-Projekt“, als eine neue, vielleicht ebenso moderne Einladung zur lyrischen Reflexion. Von kindlicher Leichtigkeit umwogen entführen uns Schönherz und Fleer in eine romantische Selbstvergessenheit, in der nur noch das Wort und seine Klanglichkeit zu wirken scheinen. Es „sollte ein Transzendieren sein, ein/ Fortschreiten von Stufe zu Stufe“, an deren Ende eine Art von Einheit steht. Alles ist eins, verspürt der Leser bei der intensiven Hörlektüre. Ja, schlichtweg vollkommen ist das Hesse Projekt. So eindrucksvoll lebendig und zugleich kontemplativ offenbart sich in ihm nicht nur ein simples künstlerisches Experiment, sondern eine befreiende, loslösende Gegenwart, die uns den Eindruck von Zeitlosigkeit anzudeuten vermag. Es ist ein Hören, ein Mitschwingen, eine Insel der Ruhe im schnelllebigen Alltagsgetriebe. Der Augenblick, der verweilt – er ist da!

Von Björn Hayer

Literaturangaben:
HESSE, HERMANN: Hesse Projekt. „Die Welt unser Traum“. Musik & Arrangement: Richard Schönherz und Angelica Fleer. Mitwirkende Künstler: Ben Becker, Till Brönner, Ani Choying Drolma, Trilok Gurtu, Matthias Habich, Juliane Köhler, Annett Louisan, Xavier Naidoo, Members of Söhne Mannheims, Caterina Valente, Andreas Vollenweider und Roger Willemsen. Der Hörverlag, München 2007. 1 CD, 59 Minuten, 17,95 €.

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