Von Klaus Hammer
Als Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter, Kaspar Hauser und manchmal auch Kurt Tucholsky schrieb er in der „Weltbühne“ seine Meisterwerke der Stilkunst, des Humors und der Satire. Das waren seine „5 PS“, die selbständig ihr Eigenleben, ihr Eigenschaffen entfalteten. „Und es war nützlich, fünfmal vorhanden zu sein – denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? Dem Satiriker Ernst? Dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert. Wir wollten uns nicht diskreditieren lassen und taten jeder seins. Ich sah mit ihren Augen, und ich sah sie alle fünf: Wrobel, einen essigsauren, bebrillten, blaurasierten Kerl, in der Nähe eines Buckels und roter Haare; Panter einen beweglichen, kugelrunden, kleinen Mann; Tiger sang nur Verse, waren keine da, schlief er – und nach dem Kriege schlug noch Kaspar Hauser die Augen auf, sah in die Welt und verstand sie nicht. Eine Fehde zwischen ihnen wäre durchaus möglich. Sie dauert schon siebenunddreißig Jahre.“ So charakterisierte Tucholsky in der Einleitung zu seinem ersten, von Ernst Rowohlt herausgegebenen Sammelband seiner Schriften die vier Pseudonyme, die verschiedenen Rollen seines Metiers: Ignaz Wrobel ist der stachelige Satiriker, Peter Panter der Theaterkritiker, literarische Rezensent und Reiseschriftsteller, Theobald Tiger der Versemacher, Kaspar Hauser sieht eine Welt, die er nicht versteht.
Tucholsky, der in steter Auseinandersetzung mit den Zeitereignissen zwischen 1907 und 1932 fast 2 500 Kritiken, Feuilletons, satirische Skizzen, Polemiken und Pamphlete, Porträts, Gedichte und Chansons veröffentlicht hat, wurde nach 1945 vor allem durch seine Sommergeschichte „Schloss Gripsholm“ (1931) wieder bekannt. Sie schildert Ferien von der Großstadt Berlin, eine transitorische Zweisamkeit ohne Sentimentalitäten, viel spielerischer Unsinn ist mit dabei. Der Reiz dieser Geschichte beruht auf der beiderseitigen Liebe aus der Distanz, die ohne Dämonisierung der Geschlechterverhältnisse von der Fremdheit zwischen Mann und Frau ausgeht und in fröhlicher Infantilität eine Brücke findet. Diese Liebe aus der Distanz – am intensivsten gab Tucholsky seiner Liebe in den Briefen Ausdruck - hat fast modellhafte Züge für seine Beziehungen zu Frauen, zu Kitty Frankfurter, über die wir noch so gut wie nichts wissen, Grete Weil, Mary Gerold, Lisa Matthias und viele andere.
Der Berliner Kritiker und Publizist Klaus Bellin hat sich nun mit der Beziehung von Tucholsky und Mary Gerold auseinandergesetzt, jener Deutschbaltin, die Tucholsky schon im Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte und die er 1924 heiratete. Diese Beziehung war gleichzeitig wie nacheinander „Liebesgeschichte und Tragödie, ein Auf und Ab aus Glück und Enttäuschung, Entfremdung, Sehnsucht und Trennung“, so heißt es treffend im Klappentext. 1920 war Mary zu Tucholsky nach Berlin gekommen, aber beide waren sich fremd geworden; der Briefwechsel, den sie zwei Jahre lang geführt hatten, erwies sich als eine Illusion. Mary ahnte nichts, dass Tucholsky inzwischen die Beziehungen zu Else Weil, der Claire aus den „Rheinsberg“-Tagen, wieder aufgenommen hatte. So heiratete er 1920 zunächst Else Weil, aber die Ehe mit ihr war schneller zu Ende, als es das Scheidungsdatum (Februar 1923) ausweist. Er warb wieder um Mary, drei Jahre lang, bis er sie dann im August 1924 heiratete. Als Auslandskorrespondent ging er mit ihr nach Paris, doch bald begann er wieder allein zu reisen, und nach dem überraschenden Tod von Siegfried Jacobsohn übernahm er widerwillig die Leitung der „Weltbühne“ in Berlin, während Mary in Paris zurück blieb. Und auch die nächsten Jahre hetzte Tucholsky durch Europa, als wäre er auf der Flucht. Von da an sahen sich beide nur noch selten, fast immer war einer von beiden unterwegs. Die anwachsende Briefzahl ist ein Gradmesser der Entfernung, nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren.
Bald hatte Tucholsky eine neue Freundin, Lisa Matthias, die er 1927 auf einem Künstlerball kennenlernte. Sie ist das Urbild seiner „Lottchen“-Geschichten, die ab 1928 in der „Weltbühne“ erschienen, und die Lydia in der Sommergeschichte „Schloss Gripsholm“. Mit ihr geht er nach Schweden, und als diese Beziehung zerbricht, kümmert sich Gertrude Meyer um ihn, sie wird ihm zu einer unersetzlichen Stütze im fremden Land. 1932 trifft er in Zürich auf Aline Valangin, die Frau eines jüdischen Staranwalts, und lebt in ihrem Palazzo in Comologno, bis er in der Ärztin Hedwig Müller eine ebenbürtige Partnerin, psychisch weit gefestigter als er, findet. Die Beziehung zu ihr ist erst 1969 durch den Schweizer Publizisten Gustav Huonker aufgedeckt worden.
Ende September 1928 war Tucholsky noch einmal zu Mary zurückgekehrt, er wollte es noch einmal versuchen. Doch knapp zwei Monate später verließ nun sie ihn, diesmal endgültig. Zurück blieb ihr Abschiedsbrief, den er bis zu seinem Tod in der Brieftasche bei sich trug. Die Ehe mit Mary wurde 1933, unmittelbar vor der Ausbürgerung Tucholskys, geschieden. Die reale Person Mary, so kann man Bellins Ausführungen entnehmen, konnte er nur zeitweise lieben, das „Märchen“ Mary liebte er bis zu seinem Tod. Die Briefe ersetzten gleichsam das reale Leben, die Empfänger seiner Briefe wurden zu „Beichtbüchsen“, wie er Mary, aber auch seine spätere Partnerin Hedwig Müller gleichermaßen nannte. Als Mary seine Ehefrau wurde, wurde sie ihm Sekretärin und Finanzverwalterin, Mutterersatz und „Beuteltier“ in einem. Nur seine Geliebte war sie nicht mehr. Wenige Wochen vor seinem Tode trug er in seinem „Sudelbuch“ ein: „Ich habe nur eine Frau in meinem Leben geliebt, und ich werde mir nie verzeihen, was ich ihr angetan habe“. Doch in seinem Abschiedsbrief an sie vom 19. Dezember 1935 heißt es: „Wäre Er (gemeint ist Mary) jetzt gekommen, Er hätte nicht einen andern, einen verwandelten, gereifteren gefunden…ich bin au dessus de la melée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig…O – Angst’… nicht vor dem Ende. Das ist mir gleichgültig, wie alles, was um mich noch vorgeht, und zu dem ich keine Beziehung mehr habe. Der Grund, zu kämpfen, die Brücke, das innere Glied, die raison d’etre fehlt.“
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Nach dem Krieg hat Mary sein Erbe mit großem Einsatz verwaltet. Das ist ihr Lebenswerk – sie trägt im oberbayrischen Rottach-Egern ein ganzes Tucholsky-Archiv zusammen. Über die NS-Zeit hinweg hat sie die Briefe retten können, die ihr Tucholsky schrieb. Nun sammelt sie alles, was Tucholsky geschrieben hat und was andere über ihn geäußert haben, alles, was irgendwie mit Tucholsky zu tun hat. Sie trägt dazu bei, dass Tucholsky in den 50er, 60er Jahren so populär wird, wie er zu Lebzeiten nie gewesen war. Sie selbst aber bleibt im Hintergrund, hilft jedoch, wo sie nur kann. Mit Fritz J. Raddatz bringt sie 1960 und 1961 die erste Gesamtausgabe heraus, der 1962 noch eine Briefauswahl folgt. Erst mit 85 gibt sie das Archiv als Schenkung an das Deutsche Literaturarchiv nach Marbach und vier Jahre später – 1987 – starb sie.
Bellin hat die Briefe Tucholskys an Mary gründlich ausgewertet. Mary dagegen wollte ihre Briefe nicht veröffentlichen. Ihre Briefe und Tagebücher liegen in Marbach unter Verschluss. Bekannt wurden nur Sätze und Passagen, die der Tucholsky-Biograf Michael Hepp zitieren durfte. Und jene Auszüge, die im Anmerkungsapparat der Gesamtausgabe Texte und Briefe stehen. In seiner Biographie von Mary und Kurt Tucholsky stützt sich Bellin auf das vorliegende authentische Material, er vermag zwar höchst spannend zu erzählen, hält sich aber vor Mutmaßungen, eigenwilligen Hypothesen und spekulativen Konstruktionen zurück. Obwohl er Mary Tucholsky - 1954 ist ihrem Antrag stattgegeben worden, wieder den Namen ihres Mannes führen zu dürfen – hohen Respekt für ihre Lebensleistung bezeugt, spielt er nicht den einen Partner gegen den anderen aus, sondern versucht beiden in ihren Eigenarten, ihren Stärken und Schwächen gerecht zu werden. Dass sich dennoch beim Leser eine gewisse – gelinde gesagt - Ratlosigkeit dem Verhalten Tucholskys gegenüber einstellt, liegt in den Tatbeständen selbst und ist nicht der Darstellungsweise des Biographen anzulasten. Auf alle Fälle steht fest: Wenn sich jemand als eigentliche Lebensgefährtin Tucholskys bezeichnen darf, dann ist es mit Fug und Recht Mary Tucholsky, geborene Gerold. Das weist Bellins Buch eindeutig nach, auch wenn weiterhin viele Fragen im Leben und Sterben Tucholskys offen bleiben.
Literaturhinweis:
BELLIN, KLAUS: Es war wie Glas zwischen uns. Die Geschichte von Mary und Kurt Tucholsky. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2010. 168 S.,, 10 Abb. 19,90 €