HAMBURG(BLK) – Der Zeitpunkt ist perfekt: Einen Tag vor ihrem 50. Geburtstag am 10. Dezember feiert Cornelia Funke in Berlin auch die Uraufführung des von ihr mitproduzierten Hollywood-Films „Tintenherz“. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht die in Los Angeles lebende deutsche Bestseller-Autorin („Herr der Diebe“, „Die wilden Hühner“) über Geburtstagswünsche, Herausforderungen und Team-Arbeit – und sie verrät schon ein paar Details über ihre nächsten Bücher.
dpa: Pünktlich zu Ihrem 50. Geburtstag kommt die erste Buchverfilmung in die Kinos, an der Sie persönlich ganz maßgeblich beteiligt gewesen bist. Machen Sie sich selbst ein Geschenk?
Cornelia Funke: „Ja, das ist schon ein sehr schönes Timing. Und das Geschenk machen in dem Fall natürlich all die, die an dem Film beteiligt waren – und die Filmfirma Warner mit dem Starttermin.“
Was war die größte Herausforderung bei der Umwandlung des Romans zum Film?
Funke: „Eine der größten Herausforderungen war es sicherlich, etwas so Unfilmisches wie das Vorlesen in all seinem Zauber zu zeigen – und David Lindsay-Abaire hatte das in seinem Drehbuch auch schon sehr gut umgesetzt, indem er Mo seine Gabe aktiver nutzen lässt und sie noch mehr zum Thema macht. Wunderbar war auch die Idee des Regisseurs Iain Softley, dass die Figuren, die aus Büchern kommen, wenn Darius sie herausliest, noch Buchstaben auf dem Gesicht haben. Was mich am meisten beeindruckt hat, war, wie sehr viele der Schauspieler genau meiner Vorstellung von den Charakteren entsprachen und wie oft sie ihnen noch Nuancen hinzufügten, die sie mich aus einem anderen Winkel sehen ließen. Interessant ist auch, dass Elinor in meiner Vorstellung immer noch so aussieht, wie ich sie im Buch beschreibe, und Helen Mirren trotzdem aufs Allerwunderbarste Elinor ist!“
Und auf welche Überraschungen müssen sich die Fans von „Tintenherz“ gefasst machen?
Funke: „Capricorn und die ‚Bösen’ sind grotesker aufgefasst, was auch im Theater meist so inszeniert wird. Sie sorgen manchmal sogar für Komik, die man im Film soviel mehr braucht als im Buch. Außerdem ist das Ende anders als in meinem Buch – auf Publikumswunsch, weil sie alle Staubfinger so lieben. Und Meggie hat beim Showdown eine wesentlich aktivere Rolle. Aber um eine Geschichte gut in zwei Stunden zu erzählen, die als Hörbuch mindestens 16 Stunden lang ist, muss man ändern – und ich hoffe, das Publikum wird, wie ich, gerade die Änderungen spannend finden. Das Buch ändert sich ja dadurch mit keiner Zeile.“
Ist der zweite Teil „Tintenblut“ schon als Film in Vorbereitung?
Funke: „Es gibt bereits eine erste Drehbuchfassung von David Lindsay-Abaire, aber endgültig entscheiden wird nur über das Einspielergebnis des ersten Teils, ob der Film gemacht wird. Was bei den Summen, die er kosten wird, sehr verständlich ist.“
Was haben Sie bei der Arbeit am Drehbuch und als Produzentin gelernt?
Funke: „So unendlich viel, dass ich gar nicht wüsste, wo ich da anfangen soll. Ich habe so unendlich viel über das Handwerk des Filmemachens gelernt! Wir alle haben schon mal einen Schrank gesehen, aber es ändert alles schon sehr, wenn man einmal zusieht, wie er gebaut wird. Ich bin immer noch sehr beeindruckt und berührt von all dem Können und all der Leidenschaft, die in einen Film fließt. Ich hatte keine Ahnung, was und wer da alles dazugehört und habe inzwischen nur noch mehr Respekt vor dem Filmemachen. Auch wenn man leider dem Endergebnis nicht immer all das Talent und all die Mühe ansieht, die hineininvestiert wurden – von dem Geld mal ganz zu schweigen. Für mich ist die Magie des Filmemachens am Set und im Schneideraum nur noch stärker geworden und ich hoffe sehr, dass ich diese Erfahrung noch oft werde machen können.“
Natürlich wollen Ihre Leser wissen: Woran schreiben Sie momentan?
Funke: „Ich arbeite an der zweiten Fassung von ‚Reckless’ (dt. sorglos, verwegen) – der englische Titel stammt vom Nachnamen meines Helden Jacob Reckless. Ich denke, dass ich über seine Abenteuer mindestens drei Bücher schreiben werde. Aber mal sehen! Die Handlung spielt zu weiten Strecken in einer Welt, die an das Europa des 19. Jahrhunderts erinnert, und an die Grimmschen Märchen. Es wird eine Königin geben, die Eisenbrücken baut, aber sich noch von rasierten Zwergen bedienen lässt. Es wird finstere Lebkuchenhäuser geben, Feen, Einhörner (keine Weißen) und die Goyl, die uns in allem ähneln bis auf ihre Haut, die an sechs Arten von Stein erinnert. Ich habe einen unglaublichen Spaß mit dieser Geschichte und kann es gar nicht glauben, dass ich so schnell nach Verlassen der Tintenwelt schon wieder eine neue gefunden habe. Im Sommer werde ich zusätzlich eine Gespenstergeschichte illustrieren, die auch in der ersten Fassung fertig ist und im heutigen Salisbury/England spielt. Und dann arbeitet Kerstin Meyer zurzeit noch an der Illustration des ersten Bilderbuchs, das ich in Los Angeles ansiedle.“
Beeinflusst die Team-Erfahrung im Filmgeschäft auch Ihre Arbeitsroutine als Autorin?
Funke: „Nun, sie hat mein Arbeiten vor allem dadurch dramatisch beeinflusst, dass ich inzwischen sogar an ‚Reckless’ mit einem Filmproduzenten arbeite – mit Lionel Wigram, der auch die Harry-Potter-Filme und den neuen Sherlock-Holmes-Film von Guy Ritchie produziert. Ich habe mich zu dieser Zusammenarbeit nicht entschlossen, weil wir das Buch für den Film maßschneidern wollen, sondern weil wir bei einem Drehbuchprojekt festgestellt haben, wie fantastisch wir zusammen Geschichten spinnen können. Natürlich werde ich in Zukunft auch wieder an Büchern allein arbeiten, aber die Erfahrung, durch erfundene Welten mit jemand zusammen zu reisen, ist unglaublich inspirierend. Also hat das Filmgeschäft auf Umwegen tatsächlich das Schreiben beeinflusst. Ich merke, dass ich generell wesentlich früher Geschichtenideen diskutiere oder auch schon mal jemandem eine erste Fassung schicke.“
Wie gehen Sie, wie geht Ihre Familie, mit der immer weiter wachsenden Berühmtheit um?
Funke: „Es macht mir nur immer wieder deutlich, dass meine Kinder absolute Priorität haben. Meine Buchtouren sind immer noch nur aufs Allernötigste beschränkt und ich nehme, wenn es irgendwie geht, meine Kinder mit mir. Ich sage mindestens 80 Prozent aller Einladungen ab und habe mir nach diesem turbulenten Jahr geschworen, dass das nächste ruhiger wird.“
Gibt es in Los Angeles schon ein Problem mit lästigen „Paparazzi“-Fotografen?
Funke: „Nein, das wird es hier auch niemals geben. Das konzentriert sich auf die armen Schauspieler.“
Was wünschen Sie sich zum Geburtstag und wie werden Sie feiern?
Funke: „Ich wünsche mir, dass meine Kinder gesund und glücklich bleiben. Feiern werde ich am 9. Dezember nach der Premiere in Berlin mit meinen deutschen Freunden und allen, die den Film gemacht haben, und dann mit all meinen englischen Freunden am 10. Dezember bei einem Dinner in London. Das ist die Stadt, die ich neben Los Angeles als meine Heimatstadt empfinde.“
(Interview: Karin Zintz, dpa / bah)