Von Sebastian Döring
Tödliche Härte kämpft sich an den Zenit des alltäglichen Wahnsinns: Mit Sichtweisen verschiedener Täter legt der gefeierte Leipziger Autor Clemens Meyer seinen Roman „Gewalten. Ein Tagebuch“ (S. Fischer, Frankfurt am Main) druckfrisch zur Leipziger Buchmesse vor. Diese Chronik jener Brutalitäten etwa der Entführungsfall Michelle und den Amoklauf von Winnenden, die im vergangenen Jahr durch die Medien rauschten, ist gepaart mit touristischen Spaziergängen durch Leipzig – frei nach Goethes Motto „Mein Leipzig lob ich mir“. Der Vorgängerroman „Die Nacht, die Lichter“ erhielt vor zwei Jahren den Preis der Leipziger Buchmesse.
Meyer experimentiert in seinem dritten Werk: In elf Erzählungen führt er persönliche Eindrücke der zwölf Monate 2009 zusammen wie bruchstückhafte Fragmente. „Die Wirtschaftskrise dezimiert die Menschheit“, warnt der Erzähler. Gedanken- und Gesprächsfetzen liefern sich einen Schlagabtausch mit ellenlangen, einschläfernden Monologen. Die flotte, derbe Sprache eines halbstarken Jugendlichen ist überzogen mit der Brille eines Intellektuellen, der in der medienüberfluteten Provinz Zuhause ist. Mit der Deutschen Presse-Agentur dpa sprach der 32 Jahre alte Schriftsteller über Biografien und Überschätzung:
Herr Meyer, das Tagebuch hat es den Autoren angetan. Warum ist es so beliebt?
Meyer: „Ich habe zwar ein Buch mit dem Namen ,Ein Tagebuch’ geschrieben, was aber mit den Tagebücher, die jetzt erschienen sind, nicht das Geringste zu tun hat. Die Königsgattung ist der Roman oder die Erzählung. Es ist jetzt eben so, dass Martin Walser und andere Tagebücher von früher veröffentlichen. Das, was sich mit einem zeitlichen Abschnitt unserer Gesellschaft beschäftigt, interessiert mich eher als irgendwelche alten Sachen. Ich glaube aber nicht, dass es ein Trend ist oder als literarisches Forum genutzt wird.“
Schreiben Sie Tagebuch?
Meyer: „Das interessiert mich nicht, weil ich Literatur mache und meine Kraft nicht verschwenden will in irgendwelche Aufzeichnungen, was ich heute und gestern gemacht habe. Mein Tagebuch ist mein Gedächtnis – und sind meine Romane. Dieses Buch ist ein Experiment, was ich für ein Jahr gemacht, ein literarisches Tagebuch.“
An welches Buch denken Sie, wenn Sie hören „aufbrausend und lakonisch, schelmisch und unmissverständlich“?
Meyer: „Das ist die Vorankündigung für dieses Buch und sie hat mit diesem Text nun nicht wirklich viel zu tun. Denn schelmisch würde ich absolut von mir weisen. Das ist vielleicht lakonisch, böse, aufbrausend. Schelm – oder wie ist der Substantiv dazu? – Schelmerei wird man darin nicht finden, Witz vielleicht.“
Wie viel Einfluss haben Sie denn auf die Endfassung Ihrer Werke?
Meyer: „Vorankündigungen in der Regel nicht, weil ich meistens ja noch an dem Buch schreibe. Der Verlag muss das ankündigen, während ich noch mittendrin sitze. Auf Klappentexte habe ich Einfluss. Da hab ich gesagt, haltet mir die Schelmerei und den Witz vom Halse.“
Wenn Sie Kritiken lesen: Fühlen Sie sich da nicht überschätzt?
Meyer: „Nee, überschätzt fühlt man sich als Autor überhaupt nie. Als Autor überschätzt man sich selbst gerne, aber ich glaube nicht, dass man von anderen überschätzt wird - vor allem nicht von Kritikern; die unterschätzen einen eher. Man selbst siedelt sich doch immer weit oben an. Das ist doch selbstverständlich.“
Inwiefern bildet Schizophrenie im Buch Ihren gelebten Alltag ab?
Meyer: „Das ist für mich nicht das richtige Wort, eher Wahnsinn. Schizophrenie ist mir zu einschränkend; das ist eine Krankheit. Dass wir in einer wahnsinnigen Zeit leben, die voller Gewalt ist, wo sich die Brüche in der Gesellschaft auftun, und in der Vermittlung der Welt durch Medien, das scheint mir so zu sein. Der alltägliche Wahnsinn bricht aus allen Ecken und Kanten.“