Cash Daddy

„Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“ von Adaobi Tricia Nwaubani

© Die Berliner Literaturkritik, 19.02.12

MÜNCHEN (BLK) – Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat im Mai 2011 den Roman „ Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy “ von Adaobi Tricia Nwaubani herausgegeben. Er wurde von Karen Nölle aus dem Englischen übersetzt.

Klappentext: Kingsley, der Erstgeborene, genießt Privilegien. Bei Tisch darf er darauf warten, dass das Essen serviert wird, in seiner dünnen Egusi-Suppe schwimmt ein Stück Fleisch und sein Universitätsabschluss wird mit einer Party gefeiert. Doch die Zeiten in Nigeria sind schlecht, er findet keine Arbeit, und der Brautpreis für Ola - seine süße, wunderbare Ola, ist viel zu hoch. Bildung zählt zwar in Nigeria, doch ohne Geld und ein »Langbein« geht gar nichts. So nimmt Cash Daddy den Neffen unter seine Fittiche und Kingsley lernt die Spielregeln des Überlebens ...

Adaobi Tricia Nwaubani wurde in Nigeria geboren, wo sie noch heute lebt. Ihr erstes Geld verdiente sie sich im Alter von dreizehn Jahren mit dem ersten Preis eines Schreibwettbewerbs. Als Teenager träumte sie von einer Karriere als CIA- oder KGB-Agentin, schließlich entschied sie sich jedoch für ein Studium der Psychologie. „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“ ist ihr erster Roman.

Leseprobe: 

©DTV Verlag©

PROLOG

In den Dörfern, so hatte man den Eindruck, wussten die Leute alles. Sie wussten, wessen Urgroßmutter eine Prostituierte gewesen war; sie wussten, welche Familien früher Sklaven gewesen waren und wem sie gehört hatten; sie wussten, welches die osu waren, die Parias, deren Vorfahren vor Generationen auf den heidnischen Altären zu opfern geweiht worden waren. deswegen war es auch nicht weiter überraschend, dass sie genau wussten, was sich an jenem Tag im Krankenhaus zugetragen hatte.

Augustina hingegen war nicht mehr erzählt worden als dies: Kaum hatte sie das Licht der Welt erblickt und von der Hebamme einen Klaps auf den Po bekommen, damit sie schrie und Luft in die Lungen saugte, da hatte ihre Mutter einen tiefen Atemzug getan und war gestorben. die Tote war die neueste von fünf Ehefrauen, sie war die jüngste und die am meisten geliebte. doch weil sie einen schlechten Tod gestorben war, einen Tod, der als genauso schändlich galt wie ein Selbstmord, wurde sie sofort beerdigt, in aller Stille, ohne offizielle Trauer.

Als der Vater Augustina mit nach Hause brachte, klagten alle, das Kind weine zu viel, so als wüsste es, dass es am Tod seiner Mutter schuld sei. deshalb kam Augustinas Großmutter und holte sie ab. Mit sieben, als festgestellt wurde, dass sie mit der rechten Hand über den Kopf greifen und ihr linkes Ohr anfassen konnte, kehrte Augustina in ihr Vaterhaus zurück und wurde eingeschult. dass sie lang und dünn war, hatte demnach sein Gutes gehabt.

Sechs Jahre darauf verkündeten dieselben Dorfexperten, es sei keine gute Idee von ihrem Vater, einen weiblichen Sprössling auf die höhere Schule zu schicken. das sei Zeitverschwendung; für Frauen sei zu viel „Buchwissen« überflüssig. Empört rauschte Reverend Sister Xavier bei Augustinas Vater an, um die Angelegenheit mit ihm zu besprechen.

„Guten Tag, Mister Mbamalu«, begann sie. „Willkommen“, sagte er und bot ihr einen Stuhl an. die weiße Ordensschwester setzte sich und schaute ihm

direkt in die Augen. „Ich höre, Sie wollen Ozoemena nicht erlauben, auf die

höhere Schule zu gehen.“ Ugorji, Augustinas großer Bruder, der an dem Tag als

Dolmetscher eingesetzt war, wiederholte ihre Worte auf Igbo. Es war durchaus nicht so, dass ihr Vater kein Eng­ lisch verstand, doch als er die Nachricht bekommen hatte, dass die Direktorin im Anmarsch sei, war er in Panik geraten, weil er befürchtete, mit seinen geringen Kenntnissen der fremden Sprache gegen den nasalen Akzent und das schnelle Sprechtempo der weißen Frau keinerlei Chance zu haben.

„Ich möchte, dass sie Kochen lernt und eine gute Hausfrau wird“, erwiderte Augustinas Vater. „Sie hat die Grundschule besucht. Sie kann lesen und schreiben. das genügt.“

die weiße Frau schüttelte lächelnd den Kopf. „Es tut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen, aber ich bin nicht der Ansicht, dass das genügt. Ozoemena ist ein so intelligentes Kind. Sie kann es noch weit bringen.“

Ugorji übersetzte. die weiße Frau plapperte weiter.

„Ich lebe seit den dreißiger Jahren in Afrika. In den mehr als zwanzig Jahren meiner Arbeit als Missionarin sind mir nur wenig junge Frauen begegnet, die es an Intelligenz mit Ihrer Tochter aufnehmen konnten.“

Sister Xavier saß hoch aufgerichtet da, die Hände unablässig wie zum Gebet gefaltet.

„Überall auf der Welt“, fuhr sie fort, „vollbringen Frauen heute großartige Leistungen. Manche sind Ärztinnen, die Krankheiten aller Art behandeln, andere haben hohe Regierungsämter inne. Es mag Sie überraschen, das zu hören, aber in manchen Ländern ist die oberste Herrscherin eine Frau.“

Hinter der Tür, wo sie stand und lauschte, bekam Augustina mit, dass ihr Bruder das Wort „Herrscherin“ nicht richtig wiedergab. Es waren Kleinigkeiten wie diese, die sie als aufgeweckt auszeichneten.

„Mister Mbamalu, ich möchte, dass Sie Ihre Entscheidung noch einmal überdenken“, sagte Sister Xavier, als sie mit ihren Ausführungen zum Schluss gelangte.

Bis heute weiß niemand mit Sicherheit, ob es die Argumente der Ordensschwester waren oder ihre rasante Sprechweise oder schlicht der Schock, dass ihm eine Frau sagte, was er zu tun habe. Auf alle Fälle gab Augustinas Vater nach. Seine Tochter durfte wie ihre Brüder auf die höhere Schule gehen. Sich weitere fünf Jahre der Weisheit des weißen Mannes aussetzen.

Augustina war begeistert.

Am Ende freilich zählte es nicht, dass sie bei den Abschlussprüfungen die besten Ergebnisse ihres Jahrgangs erzielte oder dass ihr Englisch beinahe so rasant war wie das der Ordensschwestern. Nach der höheren Schule war das Thema Ausbildung ein für allemal erledigt, und Augustina wurde als Lehrling zur Schwester ihres Vaters geschickt, die eine erfolgreiche Schneiderin war. Ihre Tante war mit einem hoch angesehenen Lehrer verheiratet. Er war so hoch angesehen, dass er von allen Leuten Teacher gerufen wurde. Auf diese Weise geschah es, dass sie Isiukwuato verließ und nach Umuahia ging.

Augustina lebte schon einige Monate bei Teacher und Tante, als die Nachricht eintraf, dass ein Freund von Teacher zu Besuch kommen wollte. der Freund hatte in Großbritannien studiert, an einer Technischen Hochschule, und arbeitete mittlerweile als staatlich angestellter Ingenieur in Enugu. Jetzt wollte er seinen Jahresurlaub in seiner Heimatstadt Umuahia verbringen. Sobald sein Brief eingetroffen war, verkündete die Tante sämtlichen Nachbarn die Neuigkeit. die meisten kannten den erwarteten Gast vom Hörensagen. Sie sagten, er sehe gut aus. Sie sagten, er trage stets Schuhe, selbst wenn er bloß im Haus sitze und lese. Sie sagten, er benehme sich wie ein weißer Mann, spreche Englisch durch die Nase und esse mit der Gabel. Manche schworen sogar, sie hätten ihn niemals furzen hören.

Als der Ingenieur in seinem weißen Peugeot 403 vorfuhr, waren Augustina, Tante, Teacher und die fünf Kinder in ihren Sonntagskleidern herausgeputzt und warteten auf der Veranda. Sobald Augustina seiner ansichtig wurde, wusste sie, selbst wenn seine Schritte ihn nicht in ihren Innenhof geführt hätten, wäre sie auf allen vieren über Glasscherben gekrochen, hätte sie sieben Meere durchschwommen und sieben Berge bestiegen, bloß um ihn an diesem Tag zu sehen. Engineer sah umwerfend gut aus. Sein rücken war gerade, seine Hände steckten stets tief in den Hosentaschen, und seine Schritte waren so klein und schnell, als hätte er eine dringende Verabredung am Ende der Welt. Wer ihm auf dem Weg zum Bach begegnete, konnte ihn für einen Gesandten der Geisterwelt halten, der sich auf einer besonderen Mission im Land der einfachen Sterblichen befand.

Nach dem Mittagessen setzten sich alle ins Wohnzimmer. Engineer schlug das rechte Bein über das linke und gab Geschichten aus dem Land der Weißen zum Besten.

„Es gibt Zeiten, wenn die Sonne nicht scheint“, sagte er, „dann ist es so kalt, dass selbst die Pflanzen sich fürchten und nicht aus der Erde kommen. deswegen ist die Haut der Menschen so weiß. unsere Haut ist viel dunkler, weil die Sonne zu lange auf uns herabgelacht hat.“

Sie saßen mit offenem Mund und großen Augen da und schauten vom einen zum andern.

„Wenn das Wetter so ist, sind die Sachen, die sie anziehen, noch dicker als das Fell auf einem Schaf. und wenn sie sich nicht dick anziehen, kann die Kälte sogar tödlich sein.“

Sie saßen mit offenem Mund und großen Augen da und schauten vom einen zum andern.

„und Straßen haben sie, da kann man Meilen und Meilen laufen, ohne ein Sandkorn zu sehen. Ja, man kann sogar mehr als eine Woche lang dieselben Sachen anziehen, ohne dass sie schmutzig werden.“

Sie saßen mit offenem Mund und großen Augen da und schauten vom einen zum andern. Wäre es ein anderer gewesen, der die Geschichten erzählte, hätten sie sofort gewusst, dass er viel zu tief in den Palmweinbecher geguckt hatte.

„deswegen ist eine gute Ausbildung so wichtig“, sagte Engineer abschließend. „diese Menschen haben gelernt, die Welt nach ihren Vorstellungen zu verändern. Sie wissen, wie man es kalt macht, wenn es draußen zu heiß ist, und sie wissen, wie man es warm macht, wenn es draußen zu kalt ist.“

Er hielt inne und lehnte sich in seinem Sessel zurück. dann wandte er seine Aufmerksamkeit seinem Freund und Gastgeber zu.

„Wie sieht es bei den Kindern mit der Schule aus?“

Teacher nahm eine andere Haltung ein, um das zusätzliche Gewicht richtig zu verteilen, das sein Stolz ihm auf einmal verlieh.

„Oh, sehr sehr gut“, antwortete er. „Alle haben im rechnen sehr gute Noten.“

Engineer lächelte.

„Lauft los, ... holt eure Hefte. Zeigt sie ihm“, sagte Teacher.

die Kinder marschierten hinaus wie ein Bataillon Heeresameisen, der Älteste voran. Sie kehrten in derselben reihen­ folge zurück, jeder mit einem orangefarbenen Schulheft in der Hand. Engineer blätterte alle Hefte Seite für Seite durch und lächelte dazu wie ein Apostel, dessen Neubekehrte das Credo aufsagten. Als Letztes kam er zum Jüngsten, der ungefähr vier Jahre alt war. Sobald ihm dieser sein Heft hin­ hielt, beugte sich die Mutter vor und gab dem Kleinen eine kräftige Kopfnuss.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es verboten ist, Respektspersonen dinge mit der linken Hand zu geben?“, fragte sie wütend. „das nächste Mal nehme ich ein Messer und schneide sie ab.“

Engineer griff ein.

„Teacher“, sagte er, „eigentlich kann der Junge gar nichts dafür, wenn er manchmal die linke Hand benutzt.“

„Kinder werden dumm geboren“, erwiderte Teacher betrübt. „Wenn man sie nicht von Anfang an richtig erzieht, werden sie groß und machen immer so weiter. Er wird es bald begreifen.“

„Nein, nein, nein ... Was ich sagen will, ist etwas anderes. dass er dinge mit der linken Hand macht, für die andere Leute normalerweise die rechte nehmen, liegt an einer besonderen Anlage in seinem Gehirn.“

Teacher lachte.

„Ich meine das ganz ernst“, sagte Engineer. „die Weißen haben das wissenschaftlich erforscht.“

„Engineer, ich pfeife auf die Wissenschaft der Weißen. den Weißen mag es egal sein, welche Hand sie zum Essen und für andere dinge nehmen, aber in unserer Kultur gehört es sich für ein Kind nicht, einer Respektsperson etwas mit der linken Hand zu geben. das weißt du selbst.“

„Ja, das weiß ich. und trotzdem sage ich, die Kinder können nichts dafür. da tut die Kultur gar nichts zur Sache.“

„Engineer, jetzt gehst du wirklich zu weit. du musst auf­ passen, dass dir die Ideen der Weißen nicht den Verstand rauben. die Leute sagen schon jetzt, dass du gar kein richtiger Afrikaner mehr bist.“

„Wie können sie sagen, dass ich kein Afrikaner bin?“ Engineer lachte in sich hinein. „Meine Haut ist dunkel, meine Nase breit, mein Haar dicht und kraus. Was brauchen sie noch für Beweise? oder muss ich einen Grasrock tragen und wie ein Schimpanse herumtanzen?“

Teacher wirkte gekränkt.

„Vergiss nicht, dass auch ich zur Schule gegangen bin“, sagte er, „aber deswegen glaube ich noch lange nicht, dass ich meine gesamte eigene Kultur ablegen und dafür die von ganz anderen Menschen annehmen muss.“

Ja, sie waren auf der höheren Schule Klassenkameraden gewesen, aber nur einer von ihnen hatte anschließend auch noch studiert – an einer Hochschule im Land der Weißen.

„Lieber gebildeter Freund“, erwiderte Engineer, „wir sind diejenigen, die es besser wissen sollten. Alles rückständige in unserer Kultur muss verworfen werden! Als ich in London war, hat der Sohn meines Vermieters mal durchs Schlüsselloch geguckt, als ich badete, weil er sehen wollte, ob ich einen Schwanz hatte. Glaubst du, das ist seine Schuld? Ich kann den Leuten keine Vorwürfe machen, die behaupten, dass wir von den Affen abstammen. Es sind Sitten wie diese, die sie auf solche Gedanken bringen.“

An dieser Stelle konnte Augustina nicht mehr an sich halten. Sie vergaß ihre Manieren und machte den Mund auf.

„Affen? Behaupten sie, dass Männer und Frauen die Kinder von Affen sind?“

Teacher und seine Frau sahen sie an, als hätte sie gegen das elfte Gebot verstoßen. die Kinder sahen sie an, als hätte sie kein recht, die große Stunde dieses Tages zu stören. Engineer betrachtete sie neugierig, als schaute er durch sein Mikroskop auf ein Versuchstier im Labor. das Mädchen hatte sich unbefugt eingemischt – in ein Gespräch unter Männern.

„Wie heißt du noch mal?“, fragte Engineer.

Inzwischen bereute Augustina ihre Sünde. Sie senkte den Blick zum Boden.

„Junge Frau, wie lautet dein Name?“, fragte er noch ein­ mal.

„Mein Name ist Ozoemena“, antwortete sie ernst.

„Geh die Wäsche reinholen“, sagte die Tante streng, als wünschte sie, sie wäre nahe genug, um Augustina an die Wand zu werfen.

Traurig, weil sie nun all die aufregenden Geschichten verpassen würde, ging Augustina nach draußen und pflückte die trockenen Sachen von der Kirschlorbeerhecke. Anschließend war es ihr peinlich, wieder zu den anderen zurückzukehren, deswegen blieb sie im Schlafzimmer, bis die Tante ihr befahl, die Säcke mit Yamswurzeln und Plantanen hinauszutragen, die sie Engineer zum Geschenk machen wollten. Als Engineer sie hinausgehen sah, entschuldigte er sich und folgte ihr. Er machte den Kofferraum seines Autos auf und half ihr, die Säcke hineinzuheben.

„Du hast sehr schönes Haar“, sagte er.

Ihr war klar, dass dies vermutlich das Einzige war, was ihm überhaupt zu ihr einfallen konnte. Als Kind hatte Augustinas Familie sie zum Scherz Nna Gaalu gerufen, Vater- wird-heiraten, weil sie so hässlich war. doch die Natur hatte sie vollauf entschädigt. Sie hatte volles Haar, das ihr, mit schwarzem Garn zu dünnen Zöpfen geflochten, bis weit hinunter ins Genick reichte.

„Danke“, antwortete sie mit gesenktem Kopf und einem einseitigen Lächeln.

„Warum hat man dich Ozoemena getauft?“, fragte er. „Was ist bei deiner Geburt passiert?“

die Frage überraschte sie nicht. Ozoemena hieß: Möge- es-nicht-passieren. Schockierend war allerdings, dass er sie überhaupt danach fragte.

„Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben“, antwortete Augustina.

„Hast du auch einen christlichen Vornamen?“ Sie nickte. „Augustina.“ Sie war am siebenundzwanzigsten Mai geboren, am Tag der heiligen Augustina. die Schwester in der Missionsklinik hatte den Namen in ihrer Geburtsurkunde eingetragen. Engineer bückte sich und warf einen kurzen Blick in ihr Gesicht. dann lächelte er. „Ich finde, ein Kind sollte nach seiner Bestimmung genannt werden, damit es, immer wenn es seinen Namen hört, daran denkt, was ihm für eine Zukunft ins Haus steht. Nicht nach den umständen seiner Geburt. die Vergangenheit legt uns Fesseln an, die Zukunft kennt keine Grenzen.“ Er lächelte abermals. „Ich werde dich Augustina nennen.“

Beim Hineingehen dachte Augustina über seine Worte nach. Einer ihrer Cousins hieß Onwubiko, Bitte-nicht-sterben, weil seine Mutter sieben Kinder verloren hatte, bevor er auf die Welt kam. Ein anderer Verwandter von ihr hieß Ahamefule, Mein-Name-soll-nicht-verlorengehen, weil er nach sechs Mädchen der erste Sohn war. und auf der höheren Schule hatte eine Klassenkameradin Nkemakolam geheißen, Den-Meinen-soll-durch-mich-nichts-fehlen, weil sie die Erstgeborene nach mehreren kinderlosen Jahren war. diese Art der Namenswahl war ziemlich normal, aber der Ingenieur war ein Wunder. Er sagte und dachte dinge, die sie noch nie von irgendwem gehört hatte.

Ein paar Tage darauf kam Engineer zum Mittagessen. Hinterher fragte er Teacher, ob er sich mit Augustina in den Garten setzen dürfe, um mit ihr zu plaudern. Teacher und seine Frau sahen einander an und dann wieder Engineer. Er wiederholte seine Bitte.

Augustina erledigte ihre Pflichten und ging zu ihm nach draußen. Er saß hinten am Zaun auf einem Stapel Feuerholz und hatte neben sich einen kleineren Stapel errichtet. Als sie näherkam, betrachtete er sie von Kopf bis Fuß wie ein Schlemmer, dem man eine Platte mit Gebratenem vorsetzt.

„Wo sind deine Schuhe?“, fragte er mit sanfter Stimme. Augustina schaute auf ihre Füße. „Zieh dir doch Schuhe an“, sagte er. Sie war es gewohnt, barfuß zu gehen. Aber sein Ton veranlasste sie, ins Haus zu eilen und die Schuhe zu holen, die sie gewöhnlich am Nkwo­Tag zum Markt trug.

„Augustina, du solltest nicht barfuß herumlaufen“, sagte er, als sie sich neben ihn auf den kleineren Holzstapel gesetzt hatte.

Augustina starrte schweigend auf eine große Hühnerschar, die auf sie zukam. Ein mutiges Huhn reckte den Hals und pickte zu Engineers Füßen ein unsichtbares Korn auf. Ein noch waghalsigeres marschierte an ihre Zehen heran und versuchte zu hacken. rasch riss Augustina ihr Bein weg. die plötzliche Bewegung erschreckte die Hühner so, dass sie zur anderen Seite des Gartens flitzten wie ein Tsunami der Angst.

„Weißt du“, fuhr er fort, „als der weiße Mann zuerst hier ankam, dachten viele Menschen, er habe keine Zehen. Sie haben tatsächlich geglaubt, dass die Schuhe seine Füße waren.“

Er lachte ein gut gelauntes, träges Lachen, auf das sie mit einem trägen, gut gelaunten Lächeln reagierte. Sie hatte ebenfalls allerlei lustige Geschichten aus der Zeit gehört, als der weiße Mann zuerst im Land erschienen war. Ihre Großmutter hatte ihr erzählt, sie und ihre Freundinnen seien, als sie zum ersten Mal einen weißen Mann gesehen hatten, davongelaufen, weil sie dachten, er wäre ein böser Geist.

„Du hast so schönes Haar“, sprach Engineer weiter. „Bist du zur Schule gegangen?“

„Ja, ich habe die höhere Schule abgeschlossen.“

„Und was ist mit einem Studium? Willst du nicht weiterlernen?“

„Ich mache eine Schneiderlehre.“

„Nun ja. Schneidern lernen und ein Studium, das kann man nicht miteinander vergleichen. Sieh dir all die Leute an, die täglich aufs Feld gehen.« Er beschrieb langsam einen Halbkreis in der Luft. „Weißt du, was sie sein könnten, wenn sie zur Schule gegangen wären?“

Sie wusste es nicht.

„Einige von ihnen könnten große Erfinder sein, große Ärzte oder Ingenieure. Einige könnten irgendwo auf der Welt berühmt sein. Hast du schon mal von der Debatte über Anlage und Umwelt gehört?“

Sie hatte nichts davon gehört.

„Diese Leute“, sagte er und sah ihr ins Gesicht, „wenn man sie eine Weile aus dieser Umgebung entfernen und in eine andere verpflanzen würde, ... wenigstens für kurze Zeit, ... dann wären sie alle ganz anders.“

Er schwieg, damit sie Zeit hatte, seine Worte zu verdauen. da fiel ihr das Gespräch von neulich wieder ein.

„Ist es wahr, dass die Affen unsere Vorfahren sind?“, fragte sie.

Engineer strahlte vor Freude.

„Augustina, du gefällst mir. du bist ein kluges Mädchen. Ich mag die Art, wie du zuhörst und Fragen stellst.“

Eine der Frauen ihres Vaters hatte sich beschwert, dass sie für ein Mädchen zu viele Fragen stellte, und gesagt, das sei ihr größtes Problem im Leben.

„Man spricht von Evolution“, sagte er und erklärte ihr, wie die Wissenschaftler darauf kamen, dass die Menschen einst Affen gewesen waren und dass die Affen sich nach und nach zu Menschen entwickelt hätten. die Christen seien darüber erbost, sagte er, weil in der Bibel stehe, dass Gott den Menschen geschaffen habe.

„Warum war die Erde am Anfang wüst und leer? Kann Gott sie so erschaffen haben?“ Er schüttelte so heftig den Kopf, als wollte er die Knochen in seinem Schädel zurechtrütteln. „Ich denke nicht. Es muss eine andere Erde gegeben haben, die vor der Schöpfungsgeschichte existierte und zerstört wurde. Auf dieser alten Erde muss es andere Menschen gegeben haben, die wie Affen aussahen. und als Gott die neue Erde schuf, hat er beschlossen, den neuen Menschen nach seinem Bild zu schaffen.“

Augustinas Kopf schwankte hin und her, so als wäre sie halb weggetreten. Er erzählte noch von Dinosauriern und anderen seltsamen Tieren, die auf der alten Erde gelebt haben mussten und von denen Wissenschaftler sogar noch Knochen gefunden hatten. und dabei geschah es, dass Augustina sich in seinen Verstand verliebte. In jener Nacht führte seine Stimme in ihrem Kopf eine Prozession von Worten an, die er gesagt hatte. Sie fragte sich, wie so viel Wissen in nur einem Kopf enthalten sein, wie so viel Selbst­ vertrauen nur einem Mund entströmen konnte.

Von nun an wurden seine Besuche bei ihr immer häufiger. und irgendwann kam er wieder auf das Thema zu sprechen.

„Augustina, warum willst du nicht studieren?“

Sie lächelte schief und trat nach einem vorüberschlängelnden Regenwurm. Jedesmal, wenn sie versucht war, über dieses Thema nachzudenken, musste sie an ihren Vater denken. Er würde es niemals erlauben. Ein vernünftiges Mädchen in ihrem Alter dachte ans Heiraten und Kinderkriegen.

„Ich will nicht weiter lernen“, sagte sie entschlossen. „Ich habe mich entschieden, Schneiderin zu werden, und dabei werde ich auch bleiben. Bitte hör auf, danach zu fragen.“

Sie saßen eine Weile schweigend da, und sie sah zu, wie sich der Wurm einem besseren Leben entgegenringelte. Es war das erste Mal, dass sie ihm gegenüber einen strengen Ton angeschlagen hatte. Sie hoffte, dass er darüber nicht aufgebracht war, und legte sich in Gedanken eine angemessene Entschuldigung zurecht, als er sich kerzengerade aufsetzte und die Beine ordentlich nebeneinander stellte.

©DTV Verlag©

Literaturangabe:

ADAOBI TRICIA NWAUBANI: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy. Aus dem Englischen Übersetzt von Karen Nölle. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011. 500 S., 14,90 €.

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