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Buschheuers Internet-Tagebuch

„keine gewalt!“ versammelt Einträge aus neun Jahren

Von: JENNIFER RIEHN - © Die Berliner Literaturkritik, 07.10.09

Sie „bloggt“ nicht mehr, sie „twittert“ fortan. Was ist Besonderes daran? Neun Jahre führte Else Buschheuer Internet-Tagebuch, am 28. April 2009 war Schluss. Nun ist in ihrem Buch „keine Gewalt!“ in Auszügen zu lesen, was die Buschheuer jahrelang in ihrem Internet-Tagebuch im world wide web für jedermann und -frau verkündete.

In „keine Gewalt!“ finden sich Auszüge aus „Gebloggtem“ Else Buschheuers, die Jahre 2007 und 2008 umfassend. Nachdem sie 2005 aus New York in ihre Heimat Sachsen zurückgekehrte, scheint die Weltenbummlerin Else sesshaft zu werden. In Leipzig wohnhaft und freiberuflich arbeitend, tippt Buschheuer allerlei Alltagsgedöns in ihr heißgeliebtes MacBook und schickt es aus – an alle „Freunde der Sonne“.

Ohne Gegenwehr erlebt der Leser Else Buschheuers kleine und große Missgeschicke mit. Er sitzt mit ihr auf dem Zahnarztstuhl und kann die Schmerzen unzähliger Behandlungen beinahe spüren. Er fährt mit Buschheuer in verspäteten und ausgetauschten ICEs und darf sich mit ihr zum wiederholten Male über blaue Postzettel à la „Sie können Ihr Paket bei der Poststelle XY abholen ‚jedoch nicht mehr heute‘“ ärgern, sowie quälende Stunden ohne Internetverbindung, die für Buschheuer die Luft zum Atmen bedeutet, verbringen. Chronisch bei der Buschheuer: ihr Verzehr an totem Huhn in Form von Broiler und Dosenprosecco. Beständig auch ihre Leidenschaft für Filme und die große weite Welt, immer bereit ihre zwölf Koffer zu packen und bemüht, nur nicht allzu viel Ballast anzusammeln.

Im Laufe der Zeit erfährt der Leser von seiner (nein, Quatsch) Buschheuers Wanderniere und arbeitet, wenn andere schlafen und schläft, wenn andere arbeiten (ach was, Buschheuer arbeitet, wenn andere schlafen und schläft, wenn der „Normalbürger“ arbeitet). In Gesellschaft Else Buschheuers leidet man als ihr Leser wahlweise an Schlaflosigkeit, Stubenhockerei, sozialer Inkompetenz und vielem mehr. Sogar während der Beinrasur in der Badewanne, wenn die Autorin „weggetreten denkend, in [ihrem] Blute sitzend, wie eine Suizidale“, darf sich der Leser neben ihr hockend (im Blute) wähnen. Man muss, komme was wolle, mit Buschheuer und ihren Sperenzchen. Der Alltag steckt im Detail.

Zu banal denkt sich der Leser zuweilen möglicherweise und fragt sich, ob es nötig und interessant ist, einer Frau, 40+, bei ihren Alltagswehwehchen auf Schritt und Tritt zu folgen? Muss nicht, könnte aber. Zumal Buschheuer zwischen ihren Banalitäten oft genug Gedanken offenbart, die melancholisch und tiefsinnig im Nachklang daher kommen. Hinter einem Ton salopper und kühler Art, steht die Ernsthaftigkeit einer lebenserfahrenen Frau, die keineswegs mit Tunnelblick durchs Leben geht. Die Buschheuer überlegt wohl, reflektiert und durchdenkt kritisch und genau so kommen ihre kleinen und feinen Einträge um die Ecke. Das lässt der Ansicht wenig Raum, dass es sich bei der Autorin um eine mehr oder weniger „hohle Nuss“ handeln könnte. In den Texten Buschheuers reihen sich Hochs und Tiefs und Überlegungen zu dem was war, was ist und was sein wird aneinander.

In der heutigen Zeit an sich nur noch wenig spektakulär, blasen doch Millionen von Menschen ihren ganz persönlichen Gedankendunst in den Äther. Vielleicht ist aber genau das eine nie versiegende Quelle. Leser, die sich in persönlich Erlebtem oder Gedachtem des Autors selbst wieder finden – und das legt ein Tagebuchstil wie ihn die Buschheuer vollführt nahe –, erfahren ein „Aha, die also auch“-Erlebnis und gewinnen den Schreiberling umso mehr lieb. Ist es nicht zuletzt ein tief gehegter Wunsch der meisten Menschenwesen, Gemeinsames zu anderen zu entdecken. Und Gemeinsames zu entdecken gibt Else Buschheuer die Möglichkeit, dabei schreibt sie, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Meint nicht, dass sie derbste Mundart an den Tag legt, nein, sie schreibt einfach, wie sie denkt. Und das macht ihre Texte eben auch einen Tick persönlicher und origineller.

Else Buschheuer, geboren als Sabine Knoll, wuchs in der DDR auf. Sie studierte Bibliothekswissenschaften und arbeitete nach der Wiedervereinigung unter anderem als freie Journalistin für Zeitungen und Zeitschriften wie „Zitty“, „Tagesspiegel“, „Emma“ oder „den „Stern“ sowie für Fernsehformate wie „Spiegel TV Magazin“ (RTL) und „Akte – Reporter decken auf“ (Sat.1). In der Zeit von 1998 bis 2001 war Buschheuer „Wetterfee“ bei den Sendern n-tv, Pro Sieben und N24. 2001 ging sie nach New York und lebte dort bis 2005. Von New York aus berichtete sie in ihrem Online-Tagebuch auch von den Anschlägen des 11. September 2001.

Wieder nach Deutschland zurückgekehrt, moderierte Buschheuer zusammen mit Jan Hofer und Roberto Cappelluti von August 2005 bis Dezember 2006 die MDR-Talkshow „Riverboat“. 2007 übernahm sie die „Kino Royal“-Moderation beim gleichen Sender. Seit Februar 2008 ist Buschheuer auch noch als Radiokolumnistin beim Sender MDR Figaro. Zu hören als: „Die Gladiatorin des Alltags".

Literaturangabe:

BUSCHHEUER, ELSE: keine gewalt! tagebücher. Salier Verlag, Leipzig 2009. 256 S., 14,90 €.

Weblink:

Salier Verlag

Jennifer Riehn studiert Linguistik an der Universität Potsdam und ist freie Mitarbeiterin dieses Literaturmagazins


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