Bücherschau zum 120. Geburtstag von Gottfried Benn

Lethen, Decker, Benn/Jünger, Briefe an Limes / Rezension

© Die Berliner Literaturkritik, 01.11.14

Diese Kritik erschien erstmals am 1. Mai 2006 in diesem Literaturmagazin.

Bücher:
Helmut Lethen: Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit. Berlin: Rowohlt Berlin 2006, 318 Seiten, 22,90 €.
Gunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar. Berlin: Aufbau 2006, 544 Seiten, 26,90 €.
Gottfried Benn / Ernst Jünger: Briefwechsel 1949-1956. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Holger Hof. Stuttgart: Klett-Cotta 2006, 156 Seiten, 14,50 €.
Gottfried Benn: Briefe an den Limes Verlag 1948-1956. Mit der vollständigen Korrespondenz auf CD-Rom. Herausgegeben und kommentiert von Marguerite Valerie Schlüter und Holger Hof. Stuttgart: Klett-Cotta 2006, 272 Seiten, 29,00 €.

Von MICHAEL FISCH

Es war zu erwarten, dass zum Anlass des 120. Geburtstages von Gottfried Benn am 2. Mai 2006 Buchverlage mit neuen Publikationen aufwarten. Vier dieser Neuerscheinungen werden hier vorgestellt. Zum Anlass des 50. Todestages (am 7. Juli 2006) ist eine Besprechung weiterer Titel geplant.

Nach den nennenswerten Benn-Studien von Dieter Wellershoff (1958), Edgar Lohner (1961) und Bruno Hillebrand (1986) folgt dieses Jahr eine weitere von Helmut Lethen. Der Rostocker Germanist, der vor allem mit seinen beiden Arbeiten über die „Neue Sachlichkeit 1924-1932“ (1970) und die „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) einem größeren Publikum bekannt wurde, schließt mit seinem Benn-Essay unmittelbar an diese Vorarbeiten an.

Ausgehend von der Fragestellung, was machte den Arzt in den Jahren 1912 bis 1933 zum Autor und wie ging dieser Autor schließlich mit der Versuchung der Macht nach 1933 um, setzt Lethen Benn ins Verhältnis zu Ernst Jünger und Carl Schmitt, denn beide vertraten, so Helmut Lethen, die gleiche Einstellung wie Gottfried Benn, nämlich sich nicht vor den Rückkehrern aus der Emigration rechtfertigen zu wollen. Interessant ist darüber hinaus Lethens Bezugnahme auf Carl Einstein, denn dieser sei „zeitlebens derjenige Künstler gewesen, von dem Benn sich verstanden glaubte“. Einstein begrüßte seinerzeit die Gedichte Benns als Vorbilder autonomer Poesie.

Ausgediente Sprache

Helmut Lethen dämpft gleich zu Beginn mögliche Leser-Erwartungen, indem er konstatiert: „Dieses Buch ist keine Biographie“, vielmehr wolle er „Ruheplätze“, auf denen er „Problemfelder“ umkreise, mit „Kalenderstrecken“ verbinden. Diesem überholten Duktus einer ausgedienten Sprache ist die geisteswissenschaftliche Schule der 68er-Generation anzumerken, zu der sich Karl-Heinz Bohrer, Friedrich Kittler und Klaus Theweleit zählen lassen. Die Formulierungen von der Ästhetik des Schreckens, der Terminologie des Grauens und den Verhaltenslehren der Kälte tauchen darum immer wieder auf. Auch inhaltlich misst sich Lethen an jenen drei, hier vor allem deutlich und wiederholend an Theweleit und seinen Thesen über Gottfried Benns Verhältnis zu den Frauen.

Benn sei ein Trennungsspezialist wie Brecht, so Lethen. Theweleit schrieb in seinem Buch „Orpheus und Euridike“ (Buch der Könige, Erster Teil, 1988) von einer „Art Mord“, als Herta von Wedemeyer stirbt und Gottfried Benn ihr sinnfällig das Gedicht „Orpheus’ Tod“ zueignet. Darüber hinaus vermarktet Lethen geradezu enervierend die Thesen über die Entgrenzung des Ichs und den Widerspruch hierzu, dass nämlich Gottfried Benn monomanisch um sich selbst kreise. Das ist nun wirklich nicht neu.

Das siebte Kapitel über „Benns Verbrechen“ ist unscharf getitelt aber bestens geschrieben. Dieser Textteil ist der wahre Höhepunkt des Buches und man möchte seinem Autor raten, hätte er es doch bei einem kleinen Aufsatz gelassen und sich das komplette Buch gespart. Schade, die Erwartungen an ein Benn-Buch aus der Feder von Helmut Lethen mussten groß sein, die Enttäuschung darüber wiegt nun umso schwerer.

Zeug zum Standardwerk

Nach den neueren biographischen Versuchen über Gottfried Benn von Hans Egon Holthusen (1986), Werner Rübe (1993) und Fritz J. Raddatz (2001) legt Gunnar Decker nun die bislang umfangreichste Lebensbeschreibung vor. Der promovierte Philosoph veröffentlichte zuvor einen polemischen Essay zu Ernst Jünger (1997) und einen Band über Rilke und seine Frauenbeziehungen (2004). Die nun vorliegende Gottfried-Benn-Biographie ist mit ihren knapp 550 Seiten Deckers bislang umfangreichstes Werk und zugleich die umfangreichste Benn-Lebensbeschreibung überhaupt. Nicht nur deshalb hat dieses Buch das Zeug zu einem Standardwerk.

Zunächst geht Gunnar Decker der bewährten Frage nach, wie es zur ersten Wandlung Gottfried Benns vom expressionistischen Dichter zum radikal-ungemütlichen Konservativen kommen konnte, schließlich wie sich der Dichter der Moderne den antimodernen Nationalsozialisten andienen konnte – auch indem er kurzzeitig die „neuen Barbaren“ feierte und die Emigranten verhöhnte. Warum versagt der Dichter Gottfried Benn als Mensch und warum geht er politisch in die Irre?

Solide beschreibt Decker die ersten Lebensstationen, Kindheit und Jugend, Medizinstudium und Arzt beim Militär, Erster Weltkrieg und Station in Brüssel. Anregend neu erscheint die Darstellung um die Spionin Edith Cavell und Gottfried Benns Exekutionsbericht. Auch Benns Beziehung zu Heinrich Mann als sein „Initiationserlebnis“ und Klaus Manns unglückliche Benn-Verehrung (und ihre Folgen) erzählt der Autor voll Leidenschaft und mit Detailkenntnis. Benns Beziehungen zu den Frauen werden ausgebreitet, ohne diese bloß zu stellen oder zu düpieren. Dass Benn ein Erotomane war, ist bekannt und dass Benn dabei wenig Rücksicht auf seine Partnerinnen nahm ebenfalls. In frühen wie in späten Jahren wünscht sich dieser Doppelaffären (Thea Sternheim / Tilly Wedekind und Claes / Ziebarth).

Den Höhepunkt dieser Benn-Biographie erlebt der Leser im achten und neunten Kapitel. Gunnar Decker beschreibt mit großem Sachverstand und erzählerischem Kalkül die zweite Lebenshälfte, von den Jahres des „verbotenen Autors“ (1937-1948) und dessen späten „Triumph“ (1948-1956). Und in der Tat ist es erstaunlich, dass die Dichtungen Benns seltsamerweise unberührt die Widrigkeiten der Zeit überstehen, ja, dass Benn es schaffte die starken „Morgue“-Texte zu übertreffen. Der „trost- und freudlosen“ Literatur der Adenauer-Zeit gab Benn treffsicher und brillant, scharf und illusionslos seine Widerworte. Es sind nicht zwingend die „Statischen Gedichte“, die hier hervorzuheben wären, sicherlich „Aprèslude“. Vor allem der theoretische und autobiographische Benn trat zutage (Der Ptolemäer, 1947; Berliner Brief 1948;  Probleme der Lyrik, 1950 usw.). Er wurde dafür 1951 mit dem Georg-Büchner-Preis belohnt.

Interessant sind Deckers Ausführungen zum Antipoden Johannes R. Becher, Gottfried Benns Reaktion auf Alexander Lernet-Holenia, dessen wiederholtes Eintreten für so unterschiedliche Denker wie Nietzsche und Lasker-Schüler, schließlich Benns vernichtende Kritik von Jüngers „Strahlungen“: „Da spricht der Expressionist in Benn ein vernichtendes Urteil über den Expressionismus-Verächter Jünger“, so Decker. Wie wir heute wissen, war Benn leicht umzustimmen, sein Jünger-Bild sollte sich noch wandeln.

Bereichernd sind Deckers Hinweise auf den Rundfunk-Mann Gottfried Benn, der als einer der ersten die Möglichkeiten dieses Mediums erkannte und in der Nachkriegszeit alsbald oft zu hören war. Vor allem die Hörspiele „Die Stimme hinter dem Vorhang“ (1951) und „Drei alte Männer“ (1952) begründen Benns Radio-Popularität. An dieser Stelle können nicht alle Vorzüge dieses Buches hervorgehoben werden, doch es bleibt zu konstatieren, dass es das Benn-Standardwerk werden könnte. Zu bemängeln bleibt allein die Ausstattung durch den Aufbau Verlag: wie gewohnt ein holzhaltiges Papier, keine Fadenheftung, schlechte Bindung und nur ein Pappeinband. Schade, dass der Verlag hier an falscher Stelle spart.

Briefwechsel

Ernst Jünger behauptete, es habe nur einen Dichter gegeben, dem er einmal spontan einen Brief geschrieben habe. Das sei in den zwanziger Jahren gewesen. Seinerzeit stand er unter dem Eindruck der Rönne-Novellen. Gottfried Benn verfasste vier von fünf Erzählungen „Die Eroberung“ (1915), „Die Reise“ (1916), „Der Geburtstag“ (1916) und „Die Insel“ (1916) in seiner Zeit als Arzt am Prostituiertenkrankenhaus in der Brüsseler Vorstadt St. Gilles. Die erste dieser fünf Novellen „Gehirne“ schrieb er noch im Juli 1914; sie ist damit die Geburtsstunde von Rönne.

Der Erste Weltkrieg wurde für Gottfried Benn zur Rettung. Herausgerissen aus dem bürgerlichen Alltag, in dem er sich nicht zu behaupten verstand, brachte ihn die Ausnahmesituation Krieg zu sich selbst zurück. Der zermürbende Stellungskrieg blieb ihm erspart, die Erstürmung Antwerpens, an der er im Oktober 1914 als Militärarzt teilnahm, blieb sein einziger Fronteinsatz. Im Prostituiertenkrankenhaus in Brüssel hatte er die kommenden Jahre bis April 1916 reichlich Zeit, fühlte er sich inspiriert, innerlich frei und war literarisch produktiv wie nie zuvor.

Ernst Jünger wurde ebenfalls durch den Ersten Weltkrieg erlöst, weil der ihm die Frage abnahm, was er mit seinem weiteren Leben anzufangen habe. Als Teilnehmer des 73. Füsilier-Regiments wurde er im Dezember 1914 mit seiner Einheit an die Westfront verlegt. Jünger fühlte sich von einer geschichtlichen Situation erfasst, in der er alsbald seinen Platz fand. Sieben Verwundungen erfuhr der erst Neunzehnjährige und als hochdekorierter Leutnant erlebte er vier Jahre später das Kriegsende. Der Krieg erwies sich für ihn als eine Folge von Situationen, in denen der Mensch sich außerhalb jeder ihm verständlichen Ordnung gestellt hatte.

Unter diesem Eindruck verfasste Ernst Jünger seine Tagebuch-Aufzeichnungen „In Stahlgewittern“ (1920), „Das Wäldchen 125“ (1925) und „Feuer und Blut“ (1925). In dem späteren Prosastück „Kriegsausbruch 1914“ (1934) brachte der Autor später den Eindruck unter dem er stand auf den Punkt: „Ich fühlte mich meinem Wesen nach auf eine Weite und Freiheit des Lebens angelegt“.

Fleißige Briefschreiber

Sowohl für Gottfried Benn als auch für Ernst Jünger lässt sich heute sagen, dass der Erste Weltkrieg beide zu Schriftstellern gemacht hatte, wenn sie es nicht schon vorher waren. Beider Leistung war es, einen jeweils eigenen Tonfall zu finden und auf je eigene Weise eine (literarische) Distanz zum Kriegsgeschehen zu entwickeln  Darum ist es durchaus möglich, dass Ernst Jünger im Alter von 25 Jahren an den neun Jahre älteren Gottfried Benn „aus eigenem Antrieb“ schrieb. Jedoch der Adressat antwortete nicht, konnte sich später nicht einmal des Briefes entsinnen; der Brief selbst gilt als verschollen. Erst knapp dreißig Jahre später, nach zwei verlorenen Weltkriegen, nahm Ernst Jünger (zunächst über seinen Sekretär Armin Mohler) erneut Kontakt mit Gottfried Benn auf. Der jüngst veröffentlichte Briefwechsel gibt darüber Auskunft.

Wie Frank Schirrmacher in seiner Rezension des Briefwechsels mit Gottfried Benn (F.A.Z. 15.3.2006) zu Unrecht feststellte, war Ernst Jünger eben doch ein großer Briefschreiber. Man denke nur an die ausführliche Korrespondenz mit Friedrich Hielscher (von 1927-1985), mit Gerhard Nebel (1938-1974), mit Rudolf Schlichter (1935-1955) und mit Carl Schmitt (1930-1983). Und viele Briefe und Briefwechsel Ernst Jüngers sind noch gar nicht zugänglich gemacht beziehungsweise veröffentlicht. Jüngers Korrespondenz mit Benn ist überschaubar. Die Edition von Holger Hof weist 55 Dokumente aus der Zeit von 1949 bis 1956 auf, davon 26 Zeugnisse von Ernst Jünger, 24 von Gottfried Benn, drei von Armin Mohler, ein kurzes Schreiben von Friedrich Georg Jünger und ein „Annäherungstext“ von Ernst Jünger. Die Briefe sind in gedanklicher Hinsicht eine Enttäuschung, denn zumeist handelt es sich um Geburtstagsgrüße, Glückwünsche zu erhaltenen Literaturpreisen oder zum Jahreswechsel, (Reise)-Postkarten und Widmungen. Ina Hartwig fragt in Ihrer Rezension des Bandes (F.R. 5.4.2006) ob diese Korrespondenz über das Potential verfügt, Literatur zu sein. Darauf ist mit einem klaren Nein zu antworten.

Es wird schnell deutlich, dass Ernst Jünger um Gottfried Benn wirbt, und dass der „Buddha“ aus Berlin den „Waldgänger“ aus Wilflingen aber nicht leiden mag. Dieser Briefwechsel ist das Zeugnis einer ungleichen Zuneigung. Benn missfiel es, dass er zunehmend mit Jünger in einem Atemzug genannt wurde, während Jünger versuchte vermeintlich Gleichgesinnte wie Benn, Schmitt und Heidegger um sich zu scharen. Es ging selbstredend in den Nachkriegsjahren um die Frage, wer hat wann von den Nationalsozialisten abgeschworen und wer ging dennoch nicht nach 1945 in die Knie.

Gottfried Benn ließ sich nicht vereinnahmen und instinktiv dichtete er an Ernst Jünger: „Wir sind von außen oft verbunden / wir sind von innen meist getrennt.“ Überhaupt nannte er Jünger in einem Brief an seinen Freund Oelze: „… weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch und stillos, sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend“. Jüngers Werben ging indes soweit, dass er Benn in dessen Wohnung in der Bozener Strasse besuchte. Nach dieser einzigen Begegnung der beiden, schreibt Benn erneut an Oelze: „War ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wir tranken reichlich und kamen uns näher und wurden offen miteinander.“ Zuletzt also hatte Benn doch noch ein Einsehen mit Jünger.

Gottfried Benn ist ein vielseitiger und  fleißiger Briefautor wie auch Ernst Jünger. Darum enttäuscht dieser Band doppelt. Benns Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm Oelze (1932-1956), mit Ellinor Büller, Astrid Claes, Paul Hindemith, Max Rychner, Egmont Seyerlen, Tilly Wedekind, mit dem Merkur und dem Limes Verlag und weitere Korrespondenzen liegen vor, und einiges ist wohl noch zu erwarten.

Die meisten der Benn-Briefe an Jünger sind seit 1957 bekannt, weil sie in den „Ausgewählten Briefen“ im Limes Verlag bereits publiziert waren, bislang unbekannt waren die Jünger-Briefe. Die nun vorliegende Edition der Korrespondenz überzeugt nicht nur nicht aufgrund der inhaltlichen Schwächen, sondern wegen der Unentschiedenheit des Verlages Klett-Cotta. Die Umschlaggestaltung suggeriert eine Veröffentlichung im Rahmen der Brief-Editionen Ernst Jüngers, das Buchformat eine im Rahmen der Brief-Editionen Gottfried Benns; hier wurde auf die Ausstattung der Bibliothek der Moderne zurückgegriffen, ohne jedoch den Band dort zu integrieren. Die Edition enthält 62 Druckseiten Brieftext und 62 Druckseiten Stellenkommentar, hinzu kommen elf Seiten solides Nachwort. Der Erkenntnisgewinn dieses Bandes ist nicht überragend.

Verstümmelte Edition

Ein weiterer Benn-Brief-Band erschien aus Anlass des 120. Geburtstages im Verlagshaus Klett-Cotta, nämlich dessen Briefe an den Limes Verlag. Diese Ankündigung ist nur zum Teil richtig, denn der verstümmelten Buchedition liegt eine CD-ROM bei, die den kompletten Briefwechsel enthält. Wie die beiden Herausgeber in ihrem editorischen Bericht festhalten, enthält die Buchedition 139 Briefe Gottfried Benns an seinen Nachkriegsverleger Max Niedermayer und dessen Mitarbeiterin Marguerite Schlüter. Die Tochter der Letztgenannten ist neben dem versierten Benn-Editor Holger Hof auch Herausgeberin und Nachwortautorin dieses Buches. Auf der CD-ROM findet sich die vollständige Korrespondenz, das heißt insgesamt 859 Briefe, Postkarten, Telegramme etc. zwischen Autor und Verlag.

Die Entscheidung für diese Hybrid-Ausgabe ist betrüblich. Denn nach wie vor ist das Lesen einer CD-ROM-Edition am Bildschirm mühsam. Umso ärgerlicher wird diese Entscheidung, wenn man auf der CD-ROM ein Werktitelregister entdeckt, das in der Buch-Edition komplett fehlt. Im Personenregister der CD-ROM tauchen interessante Namen auf (darunter Hannah Arendt, Julius Bab, Maximilian Dauthenday, Karl Marx, Ernst von Salomon, Wilhelm Worringer, Unica Zürn, um nur einige wenige zu nennen), die aufgrund der Briefauswahl in der Buch-Edition fehlen müssen. Erstaunlicherweise funktioniert nicht einmal die Volltextsuche, was ja eine plausible Begründung für eine CD-ROM-Version wäre.

Ausgerechnet der erste Brief von Max Niedermayer, der diese wichtige Korrespondenz eröffnet, muss aufgrund der Kriterien ebenfalls fehlen, wo doch gerade hier der Verleger um die Überlassung der unveröffentlichten Arbeiten Benns für seinen Verlag bittet. Aus der Bitte ist ein überaus produktives Verleger-Autor-Verhältnis entstanden, dass Gottfried Benn überhaupt nur ermöglichte, schnell wieder veröffentlichen zu können. Im Limes Verlag erschienen allein im Jahr 1949 die vier Benn-Bücher „Trunkene Flut“, „Ausdruckswelt“, „Der Ptolemäer“ und „Drei alte Männer“, schließlich im März 1950 „Doppelleben“.

Max Niedermayer war seinem Autor treu wie kein zweiter und führte diesen alsbald zum Erfolg; bis zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises an seinen Autor im Jahr 1951. Und wie die Nachwortautorin schreibt, war deren Verhältnis „vor allem geprägt von exquisiter Höflichkeit“. Benns Würdigung des verlegerischen Einsatzes für sein Werk war durchaus von „Dankbarkeit“ geprägt. Am 19. Februar 1950 reklamiert Gottfried Benn bei Max Niedermayer eine Beobachtung, die auch noch heute Bestand hat: „Und immer wieder bin ich betroffen zu sehn, wie völlig ungebildet die jungen Leute sind, die keine Namen und keine Bücher kennen und denen die ganze geistige Vergangenheit gänzlich unbekannt ist.“

Beendet wurde der Briefwechsel und damit die Zusammenarbeit durch den Tod Gottfried Benns am 7. Juli 1956. In der Buch-Edition ist ein letztes, kurzes Zeugnis des Autors vom 2. Juni 1956 abgedruckt. In der CD-ROM-Edition findet sich frappanterweise zuletzt ein Brief von Marguerite Schlüter an Gottfried Benn vom 6. Juli 1956, also einen Tag vor dessen Tod, in dem sie „der sich abzeichnenden Besserung weiter Fortschritt“ wünscht.

Die Buch-Edition umfasst 271 Druckseiten, die CD-ROM-Edition 1.245, also knapp fünfmal mehr. Es bleibt zu hoffen, dass Bibliotheken die CD-Rom ausdrucken und in  gebundener Form ihren Lesern zugänglich machen.

Wort zum Schluss

 

Abschließend ein Wort zum Verlag Klett-Cotta. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass Klett-Cotta mit einem starken Schulbuchverlag an der Seite sich ökonomisch unabhängig gemacht hat durch die Erfolge seiner Fantasy-Literatur, hier vor allem durch Tolkiens „Herr der Ringe“. Ebenso überraschend ist, dass dieser Verlag nach und nach „konservative“ Autoren in seinem Haus vereint. Das sind neben den Epigonen Rudolf Borchardt und Stefan George, vor allem Gottfried Benn und Ernst Jünger; alle vier Schriftsteller haben bereits ihre kritischen Werkausgaben. Zuletzt sicherte sich Klett-Cotta durch den Zukauf des Neske Verlages einzelne Rechte an Martin Heidegger; dessen Werkausgabe entsteht zur Zeit im Klostermann Verlag. Carl Schmitt, der zeitgleich in mehreren Verlagen erscheint, hätte endlich seine erste Werkausgabe verdient – eine neue Aufgabe für Klett-Cotta?

 

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