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Briefe schreiben

John Berger schreibt ein Buch über die Liebe in Zeiten des Krieges

© Die Berliner Literaturkritik, 16.03.10

München (BLK) – Im März 2010 ist im Carl Hanser Verlag John Bergers Liebesgeschichte in Briefen „A und X“ erschienen.

Klappentext: Wie zeigt sich Liebe in Zeiten des Krieges? A'ida schreibt über Jahre hinweg Briefe an ihren geliebten Mann Xavier, der seine Haftstrafe im Gefängnis verbüßt. Sie erzählt vom täglichen Leben in der kleinen Stadt, in der ein totalitäres Regime und bürgerkriegsähnliche Kämpfe wüten. Wie sie Kranke versorgt, Möbel repariert und Essen für Freunde kocht, über Shakespeare-Sonette und den Geruch reifer Johannisbeeren. Das Schreiben gibt ihr Kraft und stärkt ihren Widerstand gegen Gewalt und Zerstörung. Bergers Roman ist eine bewegende und ergreifende Liebesgeschichte in Briefen, die an vielen Plätzen der Welt spielen könnte.

John Berger, 1926 in London geboren, war nach dem Kunststudium zunächst Zeichenlehrer und Maler mit mehreren erfolgreichen Ausstellungen und lebt heute in einem Bergdorf in der Haute Savoie. Neben der Trilogie „Von ihrer Hände Arbeit“ (1982-1991) erschienen bei Hanser Essaybände und Gedichte, zuletzt „Gegen die Abwertung der Welt“ (Essays, 2003) und „Hier, wo wir uns begegnen“ (2006).

Leseprobe:

©Carl Hanser Verlag©

Ich sitze auf dem Dachvorsprung, genau da, wo wir saßen, wenn die Abende unerträglich heiß waren. Ich glaube, Du könntest über die Dächer, die ich vor mir sehe, noch mit verbundenen Augen laufen. So gut kennst Du sie. Deine Abende, schriebst Du in Deinem letzten Brief, sind nun länger, da sie Dich eine Woche lang drei Stunden vor Zapfenstreich allein in die Zelle bringen – als Strafe für eine Rede, die Du gehalten hast.

Als sie Dir das mitteilten, haben sie in Deinem Gesicht, da bin ich mir sicher, keinerlei Regung entdeckt. Ich liebe Deine Verschwiegenheit. Sie ist Deine Form von Aufrichtigkeit. Zwei F 16 sind tief über uns geflogen. Wenn sie schon unsere Geheimnisse nicht brechen können, dann wollen sie wenigstens unsere Trommelfelle zerstören. Ich liebe Deine Verschwiegenheit. Komm, ich erzähle Dir, was ich in diesem Moment sehe.

Vollgestellte Fenstersimse, Wäscheleinen, Satellitenschüsseln, einige gegen die Schornsteine gelehnte Stühle, zwei Vogelkäfige, ein Dutzend improvisierter winziger Terrassen mit unzähligen Blumentöpfen und Untertassen für Katzenfutter. Wenn ich aufstehe, rieche ich den Duft von Minze und Molokhiya. Telefon- und Stromkabel spannen sich in alle Himmelsrichtungen und hängen mit jedem Monat tiefer durch. Eduardo schleppt sein Fahrrad immer noch drei Stockwerke hoch und befestigt es mit einem Schloss an einem Kabel neben seinem Kamin. Es sind neue Nachbarn eingezogen, die Du noch nicht kennst. Ich schicke Dir ein paar zur Gesellschaft vorbei. Und wenn die sich wieder aufmachen, komme ich.

Ved geht früh ins Bett, denn er steht jede Nacht um zwei auf und geht zur Arbeit. Das hat er sich selbst ausgesucht, er arbeitet allein und schmilzt das Alteisen, das er in den Straßen aufliest. 59 Jahre ist er. Ich habe ihn einmal gefragt, deshalb weiß ich das so genau. Er wirkt jünger und kommt aus Sada. Sein Vater war Fischer.

Was meine grünen Augen erklärt, sagte er.

Er zog vor drei Jahren hierher.

Warum, sagt er nicht und verrät auch nichts über sein früheres Leben. Die Geschichte ist zu lang, um sie zu erzählen, meint er.

Sie können ein Stück davon erzählen.

Das wäre sinnlos.

Haben Sie Kinder?

Fünf.

Und wo sind sie?

Drei Jungen und zwei Mädchen.

Haben Sie sie in letzter Zeit mal gesehen?

Sie sind so weit weg, ich habe sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen.

Schreiben sie Ihnen?

Ich kann nicht lesen.

Jemand könnte Ihnen –

Sie würden nicht an jemand anderen schreiben.

Dann schreiben sie Ihnen?

Nein, denn sie wissen ja, dass ich nicht lesen kann.

Sie möchten nichts über sie erfahren?

Jeden Sonntag ruft mich einer von ihnen an, sie wechseln sich ab, also spreche ich mit jedem alle fünf Wochen einmal. Sie haben mir ein Handy gekauft.

Wo, haben Sie gesagt, wohnen die Kinder?

Weit weg und hier – er legt die Hand auf sein Herz

 ©Carl Hanser Verlag©

Literaturangabe:

BERGER, JOHN: A und X. Eine Liebesgeschichte in Briefen. Hanser Verlag, München 2010. 208 S., 18,90 €.

 

Weblink: Hanser Verlag


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