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„Blaue Tage“ - Fernando Vallejo über sein bizarres Kolumbien

Fernando Vallejo über seine Heimat Medellín

© Die Berliner Literaturkritik, 23.06.09

Von Helin Pachali

„Die Leichen wurden zu Hunderten auf den Bürgersteigen aneinandergereiht. Wunderbar!“ So schonungslos sarkastisch und kühl distanziert berichtet Fernando Vallejo in seinem autobiografischen Roman „Blaue Tage. Eine Kindheit in Medellín“ von seinem Alltag in Kolumbien. Vallejo, 1942 in Medellín geboren, heute in Mexiko lebend, erhielt im Jahre 2003 für seinen Roman „Der Abgrund“ den höchsten lateinamerikanischen Literaturpreis, den Rómulo Gallego.

In seinem erst kürzlich von Elke Wehr ins Deutsche übersetzten Roman erzählt Vallejo aus der Perspektive des Ich-Erzählers, der sich teils persönlich an den Leser wendet, teils an seine dänische Dogge ,,Hexe“. Mit einer unglaublichen Metaphernvielfalt einerseits und einem ironisch drastischen Erzählstil andererseits berichtet er von seiner Kindheit und vor allem von seiner Familie. Wer hier einen historischen, von der gesellschaftlichen Zerrissenheit Kolumbiens geprägten Roman der vierziger, fünfziger Jahre erwartet, muss enttäuscht werden. Vallejo legt den Schwerpunkt auf seine persönliche Entwicklung und die Gesellschaft, welche als Produkt aus den vorherrschenden politischen Umständen hervorgeht. So soll dem Leser das bizarre, nicht immer einfache Leben der Menschen Medellíns nähergebracht werden. Dies gelingt dem Autor oftmals auch auf amüsante Weise: Immer wieder geht es um Orangenbäume, Kaffeeplantagen, Weihnachten und … Würste. Immer wieder wird das Gutshaus gewechselt, entweder wegen eines der vielen typisch kolumbianischen Naturphänomene oder aber auch auf Grund bloßen menschlichen Versagens. So setzte der Großvater eines Tages das komplette Anwesen unter Wasser, weil er einen Pool bauen wollte. Die Großfamilie von neun Geschwistern, Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln und Dienstmädchen mit ihren Eigenheiten und Überzeugungen, das reinste Chaos, steht im Mittelpunkt des Erzählers. Man erfährt von den Fahrstunden der Mutter Lia, die beinahe ein Kind totfährt, dem klugen, gottlosen Onkel Ovidio, der zwanzig Freundinnen hat, in jedem Viertel eine. „Eine Freundin war einäugig, eine andere lahm, noch eine andere schief gebaut.“ Und nicht zuletzt ist die Rede von der geliebten Großmutter, die immer eine Geschichte zu erzählen hat. Fast allen Figuren fehlt es jedoch an Tiefe. Die Großmutter ist die Einzige, zu der das erzählende Ich eine emotionale Beziehung zeigt. Ob nun der Familie ein Bruder oder eine Schwester  mehr beschert werden oder von dannen gehen, interessiert hier wenig.

Im Gegensatz zu den nur schemenhaft skizzierten Familienmitgliedern werden die Gefühlswelt und innere Reflexion des Ich-Erzählers über seine chaotische Umwelt in den Mittelpunkt gerückt. Sechs Jahre lang besucht er eine Schule der Salesianer Ordensgemeinschaft, welche „lehrte, wie man die katholische Religion gegen die tausend Attacken verteidigte, die von überall auf sie herabregneten“ und entwickelt dadurch einen regelrechten Hass gegen Geistliche und ihre Lehren über Gott und die Welt. So stellt er auch die Existenz Gottes in Frage: ,,Schick mir jetzt einen Blitz aus deinem allmächtigen Himmel, der mich vernichtet, so dass der höchste Beweis deiner Existenz mein Hass ist.“ Und nicht nur die Religion ist ihm ein Verhängnis, die ganze Gesellschaft mitsamt seinen Wertvorstellungen widert ihn an. „In Kolumbien taugt nichts etwas. Bei einem derartigen Mangel an Solidarität.“ Und über das Volk selbst: „Sie wälzen sich im inzestuösen Schmutz ihrer elenden Behausungen und warten auf die Revolution.“ Erst zum Ende des Romans nimmt Vallejo immer mehr Bezug auf die politische Situation im Land; während er zu Beginn bloß Schlagworte wie „liberal“ und „konservativ“ fallen lässt, äußert er sich schließlich doch präziser, so dass ein nicht uneindrückliches Bild  zurückbleibt.

„Wir leben weiter in einer falschen Wirklichkeit: indem wir einerseits die Steuern in Kauf nehmen, andererseits die verirrten Kugeln eines Überfalls oder den Furor eines Autofahrers. Denn in diesem meinen Land der versammelten Desaster fährt man so: Aus dem Weg, du Scheißkerl! schreit der Fahrer ihm aus dem Auto zu, und er geht aus dem Weg oder stirbt.“

Literaturangabe:

VALLEJO, FERNANDO: Blaue Tage. Eine Kindheit in Medellín. Übersetzt aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 222 S., 22,80 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag


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