Es kursiert ein Spruch, der besagt, dass der Zeitzeuge der Feind des Historikers ist. Erst wenn wir also alle tot sind, die wir 68 dabei waren, können die nachgeborenen Historiker und Soziologen loslegen. Manche versuchen es jetzt schon.
Doch solange wir doch noch recht frisch sind, können wir uns wehren gegen die Vereinnahmung einer Bewegung, die so vielfältig war, wie es Demonstranten gab. Albrecht von Luckes kleines, einundneunzig Seiten dünnes Büchlein wird dadurch nicht besser, dass es bei dem Altmeister der linken Verleger, Klaus Wagenbach, verlegt ist.
Von Lucke, Jahrgang 1967, muss schon tief in die Archive eintauchen, um überhaupt mitzukriegen, was damals Sache war.
Das fängt schon damit an, dass er den damaligen taz-Mitarbeiter Klaus Hartung als Erfinder des Begriffes 68er ausbuddeln muss, weil dieser im Kursbuch Dezember 1978 von einer Linken berichtet habe, „die mit der neuen Generation zusammenfällt. Hartung erfindet dafür den Begriff der 68er Generation. Damit war der Generationsbegriff von einer als unpolitisch abgelehnten Fremdbezeichnung zu einer emphatischen Selbstbezeichnung geworden.“ (S. 28 f.)
Auch wenn viele der 68er bereits Jahre vorher politisch aktiv waren, z.B. bei den Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung, gegen die Notstandsgesetze, gegen die §§ 218 oder 175 etc., waren die 68er weder Kinder einer einzigen Generation – wenngleich die zwischen 1940 und 1950 Geborenen die Mehrheit bildeten – , noch brauchten die 68er zu warten, bis Herr Hartung sie als solche 1978 erfand.
68 fand weltweit statt! 1967 und 1968 waren Jahre weltweiter politischer Aufbrüche. Ob Vietnamkrieg, die Junta in Griechenland, der 7-Tage-Krieg Israels, die Ermordung Che Guevaras, um nur einige zu nennen, in Deutschland der Tod Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke, in Paris die Barrikaden und der Generalstreik, in Prag das Ende des Prager Frühlings.
Unterlegt von der besten Rock- und Pop-Musik aller Zeiten, und das in Ost wie West. Die Rolle der Musik als Identifikationsmoment dieser weltweiten Bewegung ist nicht hoch genug einzuschätzen. Doch darauf geht von Lucke gar nicht ein.
Ein ganzes Kapitel spendiert er Günter Grass „Von 33 bis 68: Die Grass-Debatte und die neubürgerliche Kontinuitätstheorie“.
Selbstverständlich versucht von Lucke Günter Grass’ sehr spätes Bekenntnis, in der Waffen-SS gewesen zu sein, zu verharmlosen. Er stellt die Grass-Kontroverse so dar, als handele es sich darum, „nach dem Abtritt der 68er von den Regierungsämtern (…) jetzt auch (den) Kampf um das kulturelle Erbe und den politischen Kern aus(zu) tragen (…) Zu diesem Zweck wird von interessierter Seite ein neuer Gegensatz heraufbeschworen, der zwischen Bewegung und Bürgerlichkeit.“ (S. 52)
Abgesehen davon schreibt bereits Grass in seinem Sammelband von 1968/69 „Über das Selbstverständliche“, in dem seine „Rede zum 1. Mai 1968 abgedruckt ist, dass sich „die Bundesrepublik als neo-biedermeierliche Gesellschaft (gefiel), die, zwischen emsigem Fleiß und politischer Lethargie, Ruhe, Ordnung und Sicherheit pflegte“ (S. 167 in der Ausgabe dtv-Ausgabe 1969). In seinem Vorwort nennt er sich „Revisionist“, wissend, dass das damals ein Schimpfwort war, mit dem Linke ihn treffen wollten, er also gar nicht so eindeutig von diesen zur 68er Bewegung gezählt wird, wie von Lucke das nahe legen will. Günter Grass zu kritisieren bedeutet also nicht, die gesamte 68er Bewegung zu verteufeln.
Weitere Kapitel widmet von Lucke solchen Biedermännern wie Karl Heinz Bohrer (Monatszeitschrift „Merkur“) und Hans-Olaf Henkel (BDI-Präsident). Hier werden wieder altbekannte und überwunden geglaubte Fronten aufgebaut. Hier die guten 68er, dort die bösen Kapitalisten.
Die von Lucke kritisierten Passagen aus Bohrers Merkur-Sonderheft „Dekadenz. Kein Wille zur Macht“, 2007, sind einfach nicht vom Tisch zu wischen: „In den westlichen Gesellschaften sei allerorten der ‚Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensformen’ zu beobachten, ein ‚Verlust des Willens zur Selbstdarstellung.’ Zum Vorschein komme, so Bohrer, das ‚Panorama einer neuen Unterschicht, die nichts außer Nahrungsaufnahme will und deren analphabetisches Bewusstsein und deren Sich-Gehenlassen zu einer allgemeinen Norm zu werden droht, weil es keine Eliten und Institutionen mehr gibt, die über ihre Funktion hinaus so etwas wie eine kulturelle Alternative setzen.’“ (S. 69) Was daran so falsch sein soll, leuchtet einem nicht ein, wenn man weiß, dass viele Altlinke in Berlin ihre Spätgeburten auf die kirchlichen Elitegymnasien „Graues Kloster“ (evangelisch) oder „Canisius -Kolleg (katholisch) schicken.
Von Lucke geht davon aus, dass diese „wohlbekannte elitär-intellektuelle Haltung – des Ekels gegenüber dem Kollektiv und der Vermassung – nicht weiter relevant (wäre), wenn sie sich nicht mit einer sehr viel allgemeineren neuen Stoßrichtung im Besitz- und Bildungsbürgertum verbände. Dieses wendet sich zunehmend gegen den solidarischen Egalitarismus im Gefolge von 1968.“ (S.70)
Abgesehen davon, dass selbst ein autoritär durchstruktierter Staat wie die DDR weit von einem Egalitarismus entfernt war, es gab Delikat- und sonstwie privilegierte Läden etc., war es kein Ziel der 68er, Egalitarismus zu schaffen. Dazu war die Bewegung zu heterogen. Und Chancengleichheit ist keine Gleichmacherei, das ist das Missverständnis von vielen. Auch die Frauenbewegung pinnte nie auf ihrem Banner, dass Frauen wie Männer sein sollen, aber die gleichen Chancen haben – das ist nicht nur der kleine Unterschied.
Selbst der Untertitel des kleinen Buches „Der Kampf um die Deutungsmacht“ ist zu hoch gegriffen. Auch wenn von Lucke mit Hannah Arendt endet: „Denn noch ist lange nicht ausgemacht, wie die Kinder des einundzwanzigsten Jahrhunderts das Datum 68 einst lernen werden – ob im Sinne der neuen Bürgerlichkeit als bloßen Ausdruck romantisch-apolitischer Ichverliebtheit oder vielleicht doch noch im Sinne Hannah Arendts als Wiedergeburt des citoyens und der republikanischen vita activa. (S. 83)
Literaturangaben:
LUCKE, ALBRECHT VON: 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008. 90 S., 9,90 €.
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