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Berliner Autoren auf der Leipziger Buchmesse

Tanja Dückers, Jörg Albrecht und Jan Böttcher im Gespräch mit der „Berliner Literaturkritik“

© Die Berliner Literaturkritik, 18.03.08

 

LEIPZIG (BLK) – Jan Böttcher ist ein gefragter Mann auf der Leipziger Buchmesse 2008. Am Messe-Samstag (15. März 2008) ist sein Terminkalender voll mit Interviews. Zwischendurch bimmelt immer wieder das Handy. Der Hauptgrund: Sein taufrischer Roman „Nachglühen“ aus dem Hause Rowohlt. Für den 34-jährigen Autor aus Berlin ist der ungewohnte Rummel um seine Person ein zweischneidiges Schwert, wie er der „Berliner Literaturkritik“ im Gespräch verrät: „Ich freue mich natürlich über die vielen Interviews. Andererseits habe ich deshalb in diesem Jahr weniger Zeit für eigene Entdeckungen.“ Was er schade findet.

Das starke Interesse an seinem zweiten Roman (nach „Geld oder Leben“, 2006) ist sicher auch Jan Böttchers Auftritt im vorigen Sommer in Klagenfurt geschuldet. Dort las er um den Bachmannpreis und holte sich mit seinem Text „Freundwärts“ den mit 7000 Euro dotierten Ernst-Willner-Preis. Dessen Figuren begegnen dem Leser in „Nachglühen“ wieder. Allen voran Jo Brüggemann, der Polizist aus dem idyllischen Grenz- und Sperrgebiet an der Elbe, das nach fast vierzig Jahren DDR-Zugehörigkeit wieder zu Niedersachsen gehört.

Schlüssig und symbolträchtig entspinnt Böttcher vor der Folie dieser Landschaft eine Prosa, in der über drei Generationen deutsch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts lebendig wird. Das Geschehen in diesem eng umrissenen Stück Niemandsland wirkt damit exemplarisch als eine Art Mikrokosmos für größere zeitgeschichtliche Zusammenhänge. Die im ersten Kapitel angekündigte Familiensaga wird jedoch nicht eingelöst. Ein Spiel mit den Erwartungen des Lesers, welches Jan Böttcher Spaß macht.

Der Autor macht keinen Hehl aus den biografischen Wurzeln, die der Wahl des Schauplatzes zugrunde liegt. Historisches Vorbild ist das Amt Neuhaus, das 1993 nach 38 Jahren DDR in den Landkreis Lüneburg eingemeindet wurde. Böttcher stammt aus Lüneburg und kennt sich aus in der Gegend. „Die Landschaft hat die Stimmung vorgegeben“, erzählt er. Für ihn hat sie etwas entrückt-romantisches. Seit 1945 seien dort kaum neue Gebäude entstanden.

Er sieht den Roman als Gesprächsangebot in der Auseinandersetzung mit deutsch-deutscher Geschichte. Vor allem im Osten will er lesen. Im Rahmen von „Leipzig liest“ hat es zu seiner Freude mit einer Lesung in der Gedenkstätte „Museum in der Runden Ecke“ geklappt, wo früher die Stasi residierte. Als Erzähler ist es ihm gelungen, sich von der starken autobiografischen Färbung seines Debüts „Geld oder Leben“ zu entfernen. Ausdruck einer stärkeren Distanz zu den Figuren ist zum Beispiel der Wechsel vom Ich-Erzähler zur personalen Erzählhaltung.

Im Übrigen sieht er sich – angenehm unprätentiös – als Autor, der gerne dazulernt und sich auch von Kritikern auch mal eines Besseren belehren lässt. Sein Klagenfurt-Text bildet ein eigenes Roman-Kapitel. Zum Zeitpunkt des Bachmann-Wettbewerbes hatte er etwa die Hälfte des Buches fertig. Im Nachhinein nahm Böttcher kritische Anmerkungen von Juroren zum Anlass, einzelne Sätze zu überarbeiten. So hatte ihm Ursula März in bestimmten Passagen eine Spannungslosigkeit des Erzählens vorgeworfen, die sich aus einem kommentierenden, nacherzählenden Erzählen ergebe. Andere wie Klaus Nüchtern und Karl Corino waren hingegen begeistert.

Für den ebenfalls in Berlin ansässigen Jörg Albrecht hingegen fanden diese beiden Herren keine lobenden Worte. Der 1981 Geborene hatte beim Bachmannpreis 2007 ohnehin einen schweren Stand: Sein performativer Ton-Bild-Text „Von Schläfe zu Schläfe/Phantomschirm“ lief an den meisten Jury-Mitgliedern vorbei oder ging ihnen gegen den Strich. Ein ungewohntes Format für Kritiker. Pünktlich für Leipzig hat er wie Jan Böttcher einen neuen Roman im Gepäck. Der ist bei Wallstein erschienen und heißt „Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif“.

Darin starten die Erstklässler Kym, Tym und Martin auf eine Reise in den Weltraum, um nach deutschen Spuren im All zu suchen – von Otto Lilienthal bis zur Raumpatrouille Orion. In Sekundenschnelle sind sie gealtert, jagen im Raumschiff durch Zeit und Raum und führen schließlich die deutsche Einheit herbei. Mittels Daten, Bildern und historischen Berichten hat Albrecht eine selbst ernannte Space-Opera konzipiert. Von klassischer Figurenzeichnung kann nicht die Rede sein. Vielmehr will er mit dem Buch den Weltraum als Diskursraum erforschen. „Es geht mir dabei weniger um die handelnden Personen als um Phänomene wie das Altern“, erklärt er im Interview mit der BLK. „Das Raumschiff ist für mich eine Experimentier-Anordnung, um solche Phänomene zu untersuchen.“

Dabei wird nicht nur das Raum-Zeit-Kontinuum gesprengt. Das Buch folgt generell dem Ansatz, fiktive und realistische Ebenen als gleichrangige Elemente für den Roman zu nutzen und zu vermischen. Fiktion und Realität verblassen zu irrelevanten Kategorien, die sich ineinander auflösen: „Eine Episode der TV-Serie ‚Raumschiff Orion’ ist da ebenso fiktiv oder nicht-fiktiv wie ein Bericht über die Arbeit des Astronauten Ulf Merboldt.“ Literatur, die im Zeichen einer medial geprägten Wahrnehmung steht. Narrative Prosa hingegen ist Albrechts Sache nicht. Sie empfindet er häufig sogar als gewalttätig.

In Leipzig nutzt er die Zeit zwischen seinen Lesungen zum Herumstöbern und Leute treffen. Seinen Kollegen Jan Böttcher wird er bald in Berlin wiedersehen: Beide nehmen an der Veranstaltung „Dichtes Gerede“ in der Lettrétage teil. Dort treffen sich am 26./27. April jüngere Autoren, um ihre Schreibansätze und Positionen zu diskutieren. Organisatoren sind die S³ LiteraturWerke in Zusammenarbeit mit kookbooks und dem Kook Label. Zwei Wochen zuvor wird Böttcher auf dem „Internationalen Festival junger Literatur“ in München lesen. Moderiert wird der Abend von der Berlinerin Tanja Dückers.

Auch sie ist auf der Leipziger Buchmesse präsent – allerdings nicht mit einem neuen eigenen Buch. Stattdessen trägt Dückers die Übersetzung des Romans „Silbernacht“ vor. Geschrieben von der türkischen Autorin Nalan Barbarosoglu, handelt es sich dabei um deren Erstveröffentlichung auf Deutsch, die im Mai 2008 vom J&D Dagyeli Verlag (Berlin) publiziert wird. Die weibliche Hauptfigur Gülnaz ist eine männermordende Prostituierte, die sich in Istanbul mit einem harten Alltagsleben konfrontiert sieht und ihrer Identität nachspürt.

Tanja Dückers, die sich intensiv mit dem Sujet Großstadt ebenso wie mit türkischer Kunst und Literatur befasst hat, interessiert sich speziell für die weibliche Perspektive des Romans. „Ich finde es mutig, dass Nalan Barbarosoglu sich traut, Kindesmissbrauch zu thematisieren“, sagt sie im Gespräch mit der BLK. Ihres Wissens wird das Buch in der Türkei weitgehend ignoriert. Angetan ist sie von der Sprache des von Helga Dagyeli-Bohne ins Deutsche übersetzten Romans: „Ich mag Barbarosoglus vorsichtige Art des Schreibens. Sie beschreibt Gewalt nicht effekthascherisch, sondern verzichtet dabei auf plakative, klischeehafte Adjektive. Ich finde ihren Stil unabgenutzt, originell und gleichzeitig elegant.“

Überhaupt ist Tanja Dückers dieser Tage in Leipzig in Kultur vermittelnden Zusammenhängen anzutreffen. Aus ihrem zeitkritischen Essayband „Morgen nach Utopia“ (der unter anderem von osteuropäischen Lebenswelten handelt) liest sie auf zwei Veranstaltungen der Reihe „European Borderlands – Wie weit reicht Europa?“ Autoren aus Mittel- und Osteuropa stellen ihre Texte vor, wobei Tanja Dückers mit der Dramatikerin Nicoleta Esinencu aus der Republik Moldau liest. Vorher haben sich die beiden nicht gekannt.

Im April werden sie sich in Esinencus Heimat wiedersehen, wo beide am Projekt „Moldova Camping“ teilnehmen. Gemeinsam werden Esinencu und Dückers durch die Republik Moldau und in Transnistrien reisen, aus ihren Texte lesen und täglich an Reiseberichten schreiben. Ihre Notizen werden im Juni im HAU 2 vorgestellt, wo im Rahmen von „Moldova Camping“ Künstler und Theaterschaffende aus der moldawischen Hauptstadt Chisinau eine Zeltstadt aufschlagen und ihre Arbeiten dem Publikum präsentieren werden.

Der seit Jahren vertiefte Schwerpunkt Osteuropa reizt Tanja Dückers an der Leipziger Buchmesse insgesamt. Ein Bereich, in dem sie hier sicher weiterhin gefragt sein wird. Das verspricht ihr auch für 2009 einen vollen Terminkalender, besonders in den Tagen der Messe.

Termine:

19.3., 20 Uhr: Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif. Buchpräsentation mit phonofix [Jörg Albrecht & Matthias Grübel/phon°noir], Lore Stefanek. Ort: Studio der Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Berlin-Charlottenburg

29.3., 21 Uhr: Nachglühen. Romanpremiere mit Musik von und mit Jan Böttcher. Lesebühne im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Linienstraße 227, 10178 Berlin-Mitte

31.3., 20 Uhr: Autorenporträt von Jörg Albrecht: 1. Hörspiel hören: Moon Tele Vision von phonofix [Jörg Albrecht & Matthias Grübel/phon°noir], mit Space-Visuals von Verena Paloma Jabs

2. Lesung Jörg Albrecht aus /Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif /& Gespräch mit Andrea Koschwitz, Chefdramaturgin Gorki. 3. Weltpremiere: phonofix-DJ-Set. Studio des Maxim Gorki Theater Berlin, Hinter dem Gießhaus 2, Berlin-Mitte

3.4., 19.30 Uhr: Nachglühen. Lesung mit Jan Böttcher in der Buchhandlung Ferlemann & Schatzer, Güntzelstraße 45, 10717 Berlin

16.4, Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste „Kunst & Revolte. Diskussion über ’68“, mit Tanja Dückers, Klaus Staeck und Johano Strasser

22.4., 19.30 Uhr, Lesung mit Tanja Dückers aus einem unveröffentlichten Manuskript, im Café „Kavarna“, Gabriel-Max-Straße 4, 10245 Berlin, 030 / 257 689 40

Tanja Dückers veröffentlicht immer dienstags eine 14tägig erscheinende Kolumne auf „ZEIT“-online.

Literaturangaben:
ALBRECHT, JÖRG: Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 231 S., 19,90 €.
BARBAROSOGLU, NALAN: Silbernacht. Roman. Aus dem Türkischen von Helga Dagyeli-Bohne. J&D Dagyeli Verlag, Berlin 2008. 220 S., 18,80 €. (erscheint im Mai 2008)
BÖTTCHER, JAN: Nachglühen. Roman. Rowohlt Verlag, Berlin 2008. 238 S., 19,90 €.
DÜCKERS, TANJA: Morgen nach Utopia. Kritische Beiträge. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2007. 229 S., 8,95 €.

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