FRANKFURT AM MAIN (BLK) — Der amerikanische Bestsellerautor Louis Begley teilt den Wunsch der US-Regierung nach Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen durch Länder wie Deutschland. „Wir fragen schlicht unsere Freunde nach Hilfe, ein Problem zu lösen, das Scham über uns alle bringt — nämlich die Vorstellung, dass Unschuldige über Jahre in Haft sitzen“, sagte Begley am Freitagabend (19.6.) in Frankfurt am Main. Der 75-Jährige stellte dort bei einer Lesung mit dem Schauspieler Mario Adorf sein kürzlich erschienenes Buch „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte“ vor.
Es gebe keinen logischen Grund für eine Aufnahme von Häftlingen durch andere Länder, räumte Begley ein. Doch sei ihre Einreise in die USA wegen innenpolitischer Widerstände faktisch unmöglich.
Sein Buch zieht eine Verbindungslinie zwischen dem US-Gefangenenlager Guantánamo und der historischen Dreyfus-Affäre. Alfred Dreyfus, französischer Hauptmann jüdischer Herkunft, war 1894 aufgrund von Fälschungen wegen Spionage verurteilt und auf der vor Südamerika gelegenen Teufelsinsel inhaftiert worden. 1906 wurde er rehabilitiert. Es gehe um Machtmissbrauch und Rechtlosigkeit, sagte Begley in Frankfurt. Die Bedingungen in Guantánamo seien ein „unheimlicher Widerhall“ der Zustände auf der Teufelsinsel.
„Ich habe das Buch in einem Zustand schierer Empörung geschrieben“, berichtete Begley. Das in Deutschland im Suhrkamp-Verlag erschienene Buch werde Ende September auch in den USA veröffentlicht. Den Anteil amerikanischer Autoren an der Aufarbeitung der Präsidentschaft von George W. Bush bezeichnete Begley als klein. Die Autoren hätten wenig Flagge gezeigt. Dies hätten Anwälte, Richter und Journalisten übernommen.
Begley überlebte als Kind polnischer Juden den Holocaust und kam 1947 mit seiner Familie in die USA. Er studierte in Harvard Literaturwissenschaft und Jura, wurde Anwalt und widmete sich später der Literatur. Er habe als Kind die Schreie Gefolterter gehört, sagte Begley in Frankfurt: „Das können sie nie wieder vergessen. Diese Gefühle haben mich beim Schreiben getrieben.“ (dpa/köh/mül)