Von Wilfried Mommert
Sicherlich haben Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier in der ersten Saison der Bayreuther Festspiele unter ihrer Leitung (ab 25. Juli) andere Sorgen, als sich in die Geschichte von „Cosimas Kinder“ zu vertiefen. Sie werden das meiste davon sowieso aus ihrer eigenen Familiengeschichte kennen. Das jetzt erschienene Buch von Oliver Hilmes beleuchtet ausführlich „Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie“, wie der Untertitel lautet. Der scharfzüngige Publizist und Satiriker Karl Kraus brachte es einmal weniger heroisch auf einen allgemeinen Punkt unabhängig von den Wagners: „Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“
Auf den konkreten Fall Bayreuth und die Intrigen um den Grünen Hügel und die Villa Wahnfried bezogen sprach der Komponist und Dirigent Richard Strauss („Der Rosenkavalier“) drastisch auch mal vom „Schweinestall aller Schweineställe“. Und es gibt offenbar auch die „Krankheit, ein Wagner zu sein“, wie es einmal in einer Literaturkritik zu einer Neuerscheinung auf dem Feld der inzwischen unübersehbar gewordenen Wagner- und Bayreuth-Literatur sarkastisch geheißen hat.
Hilmes bereichert dieses Feld. Nur über Christus und Napoleon sollen mehr Bücher als über Richard Wagner geschrieben worden sein. Bereits mit seinem Band über die „Herrin des Hügels“, die Ehefrau Richard Wagners, Cosima Wagner geschiedene von Bülow, hatte er viel Beachtung gefunden. Die Notwendigkeit seines neuen Buches erschließt sich nach der Lektüre beider Werke nicht ganz, da viele Details der Familiengeschichte quasi nur „recycelt“ werden. Und an Jonathan Carrs 2008 erschienener „Geschichte einer deutschen Familie — Der Wagner- Clan“, mittlerweile ein Standardwerk der Wagner-Literatur, reicht Hilmes' neues Buch nicht heran, allein schon vom Umfang her. Hilmes war es aber auch wichtig, wie er in seinem Vorwort betont, „den bisher kaum bekannten Mitgliedern der Familie Wagner ein Gesicht zu geben“.
Die Geschichte Bayreuths und der Wagner-Familie ist, das macht auch der neue Band von Hilmes deutlich, ein großes Kapitel deutscher Musikgeschichte, eines in der Welt einzigartigen Familien- Festivalunternehmens, das deutsche Gesellschafts- und Politikgeschichte spiegelt wie auch Familien- und Dynastie-Intrigen, eben die Geschichte eines „streitbaren und umstrittenen Clans“, wie Hilmes betont. „Wer die Machtfrage stellte, wurde ein Opfer des dynastischen Prinzips“. Es ist eine in der fränkischen Provinz wie auch immer wieder in Berlin spielende Familiensaga oder Seifenoper um Macht und Geld, um Musik statt Öl, Bayreuth statt Dallas oder Denver. Hilmes wollte eine Art „Sternkarte“ Bayreuths schreiben, ein biografisches Verzeichnis, „das die Familienmitglieder in das richtige Verhältnis zueinander setzt“.
Das liest sich in der streckenweise allzu akribischen Quellen- und Archivarbeit des Autors nicht immer leicht, manchmal auch ermüdend, gibt den Einzelschicksalen der großen Familie aber ihren Raum und den Protagonisten ein Gesicht. Cosimas Kindern Siegfried — dem nicht nur Frauen zugeneigten späteren Ehemann Winifred Wagners und Vater des 2008 zurückgetretenen Festspielleiters Wolfgang Wagner — sowie Daniela, Blandine, Isolde und Eva (Chamberlain) seien „zweifellos keine Heiligen“ und auch nicht immer sympathisch gewesen, meint der Buchautor. Man müsse aber bedenken, „mit welch schwerer Hypothek die fünf ihr Leben meistern mussten“.
Davon erzählt dieses Buch in aller Ausführlichkeit, das mit Wolfgang Wagner, dem Bruder des 1966 früh verstorbenen legendären Festspielleiters und Regisseurs Wieland Wagner, bis in die Gegenwart reicht. Der Ende August 90 Jahre alt werdende langjährige Herrscher auf dem Grünen Hügel Wolfgang Wagner ist immerhin Enkel eines 1813 geborenen Mannes, der die Opernwelt revolutioniert hat — Richard Wagner.
Mit seiner 1994 vorgelegten und seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau Gudrun sowie der Tochter Katharina gewidmeten Autobiografie („Lebens-Akte“) hatte Wolfgang Wagner Zeugnis ablegen wollen, „von erlebter Größe wie von erlittener Schmach“. Ein „Blick zurück im Zorn“, und „sei er noch so gerechtfertigt“, sollte es nicht sein, denn „das meiste was sich ereignete, auch das, was die Familie der Wagners im Verhältnis zu mir betrifft, ist verjährt, oder ich lasse es hierdurch verjähren“. Ein neues Kapitel in dieser Familiensaga hat jetzt mit seinen Töchtern Eva und Katharina an der Spitze der seit 1876 stattfindenden Bayreuther Festspiele begonnen.
Literaturangabe:
HILMES, OLIVER: Cosimas Kinder. Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie. Siedler Verlag, München 2009. 320 S., 22,95 €.
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