Von Claire Horst
Der 1954 in Radebeul geborene Harald Hauswald ist einer der bekanntesten Fotografen Deutschlands und Mitbegründer der renommierten „Agentur Ostkreuz“. Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und hat 2006 den „Einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“ erhalten. Schon mehrfach hat er Fotobände zu ostdeutschen Themen veröffentlicht, so etwa 2006 gemeinsam mit Lutz Rathenow „Gewendet. Vor und nach dem Mauerfall: Fotos und Texte aus dem Osten.“ In „Die dritte Halbzeit“ zeigte er Hooligans im Berliner Osten.
Auch der aktuelle Bildband „Auferstanden aus Ruinen“ enthält Bilder aus Ostdeutschland, „Fotos aus vier Jahrzehnten“, die bis Januar 2010 in einer Potsdamer Ausstellung zu sehen sind. Das Vorwort von Giovanni di Lorenzo und Benedikt Erenz fasst in Worte, was so besonders ist am Werk Hauswalds: Es zeigt „den Kontrast zwischen DDR-Anspruch und DDR-Wirklichkeit“. Die Widersprüche zwischen hohlen Gesten und Pathos und der Realität verfolgt der Fotograf nach der Wende weiter. Deutlich wird das vor allem in seinen „Gegenüberstellungen“: Dieselben Orte hat er zwei Mal fotografiert, einmal vor und einmal nach der Wende. Die Journalistin Jutta Voigt, die den Begleittext verfasst hat, findet für die Herangehensweise Hauswalds die richtige Bezeichnung: Er ließ sich die Wirklichkeit nicht verbieten.
Grandiose Bilder lässt diese offene Herangehensweise entstehen. Der Tanz eines älteren Damenpaares in der Kneipe „Hackepeter“, die frustrierten Gesichter der Fahrgäste in der U-Bahn – es kann keine Rede sein von Glanz und Gloria des Sozialismus. Eines von Hauswalds bekanntesten Fotos zeigt eine Gruppe von Fahnenträgern, die im strömenden Regen über den Alexanderplatz ziehen – einen solchen Anblick hätte es in der DDR eigentlich nicht geben dürfen. Gesenkte, nasse Fahnen, gedrückte Gestalten statt aufrecht Paradierender, das widersprach dem Anspruch der Führung auf ein Land voller glücklicher Arbeiter. Subversiv sind auch Bilder wie das eines Fahrgestells auf dem Jahrmarkt in Dresden, das ein fernwehkranker Schausteller „Südseetraum“ getauft hat. Fast albern wirken die FDJ-Funktionäre, die mit grimmigen Gesichtern ein Bruce Springsteen-Konzert bewachen.
An keiner Stelle blickt der Fotograf jedoch auf seine Objekte herab. Immer behalten sie ihre Würde. Es sind nicht die Einwohner der DDR, die Hauswald in Frage stellt, sondern der Staat. Seine Bilder zeigen ganz gewöhnliche Menschen in alltäglichen Szenen. Kongenial hat Jutta Voigt dazu kleine Essays verfasst, die den Geist der Bilder genauestens einfangen: Voigt war zu DDR-Zeiten Redakteurin des „Sonntag“, später Journalistin bei verschiedenen Medien. Ihre Texte wie die Fotos bilden auch den schlagartigen Wandel ab, den die Wende einleitete: NVA-Uniformen im Secondhandladen, eine unendliche Reihe von Reklameschildern vor einem verfallenden Altbau, eine Kolonne von Umzugswagen am Brandenburger Tor – es sind kleine Zeichen, aus denen abzulesen ist, das nichts beim Alten bleiben wird.
Hauswalds Fotos erlauben sich keine Experimente, er arbeitet nicht mit ungewöhnlichen Einstellungen oder Lichteffekten. Aber seine Momentaufnahmen sind eindringlicher als jede Inszenierung. Erste Proteste gegen die Wiedervereinigung zeigen sich in kritischen Graffitis, die Hauswald neben Bilder der ersten „D-Mark-Boutiquen“ stellt. Was sich alles geändert hat und wie wenig Forschritt der Wandel manchmal bedeutet, zeigen die Fotografien deutlich. Statt Trinkfix-Dosen sind es Uhren, die im Schaufenster auf dem Dresdner Altmarkt liegen, statt den Parkplatz voll zu stellen, füllen Trabanten schon 1990 nur noch den Schrottplatz. Manches wirkt fast unwirklich: Die Ruine der Frauenkirche ist plötzlich wieder eine ganze Kirche – müsste das nicht umgekehrt sein?
Literaturangabe:
HAUSWALD, HARALD; VOIGT, JUTTA: Auferstanden aus Ruinen. Deutschland Ost: Fotos aus vier Jahrzehnten. Jaron Verlag, Berlin 2009. 120 S., 100 Fotos, 16,00 €.
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