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Argentiniens Vergangenheit

Literatur aus dem Gastland der Buchmesse

© Die Berliner Literaturkritik, 29.09.10

Von Thomas Maier

FRANKFURT/MAIN (BLK) - Argentinien, ehemalige spanische Kolonie, ist dieses Jahr erst 200 Jahre alt geworden. Doch zur Weltliteratur hat das Land mit Schriftstellern wie Jorge Luis Borges (1899-1986) oder Julio Cortázar (1914-1984) Bedeutendes beigesteuert. Beide haben die fantastische Literatur mitbegründet, die mit Argentinien selbst aber eher am Rande zu tun hat. Ganz anders die Autoren, die die Zeit der Militärdiktatur (1976-1983) erlebt haben oder darin aufgewachsen sind. Von den rund 100 Belletristik-Titeln aus Argentinien, die zur Buchmesse auf Deutsch erscheinen, setzt sich ein gutes Drittel mit der Vergangenheitsbewältigung auseinander.

   Maßstäbe hat Marcelo Figueras mit seinem - erstmals 2003 – auf Deutsch erschienenen „Kamtschatka” gesetzt. In dem zum Welterfolg gewordenen Roman beschreibt er aus Sicht eines Zehnjährigen höchst einfühlsam und - trotz der Tragik des Themas - sehr poetisch den Überlebenskampf einer Familie während der Terrorzeit, die der Junge im Alltag manchmal als harmlos-verwirrendes Spiel erlebt.

   Tomás Eloy Martínez, der mit dem Eva-Peron-Roman „Santa Evita” einst einen Bestseller schrieb, lässt in „Purgatorio” („Fegefeuer”) ein Opfer der berüchtigten Todesschwadronen sogar wiederauferstehen. Eine Frau begegnet 30 Jahre später ihrem geliebten Mann wieder – an ihrem neuen Wohnort in den USA. Ohnehin hatte sie nie geglaubt, dass dieser tatsächlich getötet wurde. Leider ist Martínez, der selbst in den USA lebte und Anfang des Jahres starb, Opfer seiner eigenen Fantasie geworden. Sein «magischer Realismus” ist übersteuert, das Buch ist kolportagehaft und kommt über mittelmäßige Unterhaltungsliteratur nicht hinaus.

    Große Erzählkunst liefert dagegen Carlos Maria Domínguez, mit „Das Papierhaus” auch in Deutschland bekanntgeworden, in seinem Roman „Die blinde Küste” . In dem schmalen Band versteht er es geschickt, Schicksale miteinander zu verweben. Die ganze Grausamkeit der Militärdiktatur mit den geschätzten 30.000 „Verschwundenen” offenbart die Geschichte eines Arbeiters und einer jungen Tramperin, die sich zufällig auf einer einsamen Landstraße begegnen.

    Die „Banalität des Bösen” (Hannah Arendt) zeigt sich gerade bei den Mitläufern. Martín Kohan hat dies in schnörkelloser Sprache in seinem Buch „Zweimal Juni” anhand der Geschichte eines jungen Rekruten beschrieben. Er wird Zeuge, wie eine schwangere Regimegegnerin ermordet wird und das Baby dann von einem Militärarzt „adoptiert” wird.

   Im neuen Buch „Sittenlehre” geht es Kohan um die Atmosphäre in einem Elitegymnasium während des Falklandkrieges. Seine grotesken Beschreibungen - so wird der Toilettengang der Jungen kontrolliert - lassen den argentinischen Untertanengeist erahnen, der so gar nicht zum Klischee vom anarchisch-ungeordneten Land am Rio de la Plata passt.

   Eine ungewöhnliche Idee hat der junge Autor Felíx Bruzzone umgesetzt: In „76” porträtiert er junge Menschen, die ohne ihre „verschwundenen” Eltern zwischen 1976 bis 1983 aufgewachsen sind. Es sind harmlos daherkommende Erzählungen übers tägliche Leben, die aber dann immer wieder eines zeigen: Irgendwo lauert immer der Schatten der Vergangenheit.

   Bruzzones Buch ist bei Berenberg in Berlin erschienen. Es sind gerade kleine Verlage, die sich um die argentinische Literatur zur Buchmesse verdient machen. Der Unionsverlag in Zürich hat Claudia Piñeiro im Programm. Ihr Buch „Elena weiß Bescheid” über die traurig- groteske Geschichte einer schwerkranken Mutter und ihrer selbstmörderischen Tochter ist herausragend - und zugleich eine Allegorie auf die Ängste des argentinischen Kleinbürgertums im Zeichen des kontinuierlichen wirtschaftlichen Niedergangs.

    Der ebenfalls in Zürich beheimatete Rotpunkt Verlag hat die Krimis von Rodolfo Walsh wieder herausgebracht, der als Begründer des investigativen Journalismus in Argentinien gilt und 1977 von den Militärs ermordet wurde. Der Klaus Wagenbach Verlag hat César Aira, der zu den einflussreichsten Autoren seines Landes gehört, neuaufgelegt und gleich eine ganze Palette von Argentiniern mit ins Programm genommen.

   Einer davon ist Pedro Orgambide, der in einer kurzweiligen Biografie das Leben des Tango-Mythos Carlos Gardel verarbeitet. Neben dem Tango darf bei Argentinien aber auch der Fußball nicht fehlen. Das Highlight zur Buchmesse sind die wunderbaren Bolzplatz- Geschichten von Eduardo Sacheri, die die Liebe der Argentinier zu Maradona, Messi und Co. verstehen lassen.

Literatur

Alle aufgeführten Titel können sie über unseren Online-Buchladen bestellen.

- Marcelo Figueras, Kamtschatka, Deutscher Taschenbuch Verlag, 320 S., 9,90 €, 3. Aufl., München 2010.
- Tomás Eloy Martínez, Purgatorio, S. Fischer, Frankfurt/Main 2010, 19,95  €.
- Carlos María Domínguez, Die blinde Küste, Suhrkamp, Berlin 2010, 137 S., 15,90 €.
- Martín Kohan, Sittenlehre, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010,  247 S. 19,90 €.
- Martín Kohan, Zweimal Juni, Suhrkamp Verlag, Berlin 2009, 181 S., 19,80 €.
- Félix Bruzzone, 76, Berenberg Verlag, Berlin 2010, 144 S., 19,00 €.
- Claudia Piñeiro, Elena weiß Bescheid, Unionsverlag Zürich 2009, 192 S., 16,90 €.
- Pedro Orgambide, Ein Tango für Gardel, Wagenbach Verlag, Berlin 160 S., 10,90 €.
- Eduardo Sacheri, Die Hand Gottes und andere Tangos. Fußballgeschichten, Berlin Verlag 2010, 192 S., 19,90 €.


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