Werbung

Werbung

„Am Anfang war die Nacht Musik“

Alissa Walsers Debütroman als Hörbuch

© Die Berliner Literaturkritik, 10.06.10

Von Marco Gerhards

Januar 1777, Wien. Zeit und Ort als kurze Stichwörter, unmissverständlich, eindeutig, knapp aber klar. So beginnen die meisten Kapitel in Alissa Walsers Roman, in dessen Zentrum zwei historisch-faktische Personen stehen: Franz Anton Mesmer, berühmtester und kontroversester Arzt seiner Zeit, und Maria Theresia von Paradies, talentierte Pianistin, Komponistin und Sängerin. Beide lebten tatsächlich zu jener Zeit genau dort und beide verband das miteinander, was Walser in ihrem Roman schildert: ein therapeutisches Verhältnis. Paradies war nach einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit seit dem dritten Lebensjahr erblindet. Und Mesmer tat das Seinige, um das rückgängig zu machen, anfangs sogar mit beachtlichem Erfolg.

Aber da sind wir schon mitten drin im Geschehen dieses historischen Romans. Aber Vorsicht, der Ausdruck historischer Roman lässt auf ein ganzes Genre schließen samt entsprechender Methodik, Sprachstil und Plotaufbau. So gesehen handelt es sich hier um einen Anti-Historienroman, der mit seinem feinen, eleganten und ungewöhnlichen Sprachstil leise an die Fenster der Empfindsamkeit klopft.

Die Geschichte an sich ist tragisch. Mesmer, sowieso von Beginn seiner außergewöhnlichen Laufbahn an angefeindet, verliert infolge der Therapie Maria Theresias seine Arztzulassung und gerät immer mehr ins anrüchige Umfeld der Spiritualisten. Eine Zurechtweisung, die ihm noch heute anhaftet, und das, obwohl er mit seinem Magnetismus, den man in der Moderne längst wiederentdeckt hat, große Erfolge erzielt hatte. Doch die hochrangigen Eltern der begnadeten Maria Theresia intervenieren trotz Mesmers Erfolgen hartnäckig, so dass die erblindete Tochter dem Arzt entzogen wird. Seine Gegnerschaft kann ihren Triumph über den angeblichen Scharlatan feiern. All das lernen wir im Rahmen dieser Geschichte, die sich erdreistet, ganz ohne direkte Reden auszukommen. Das mag anfangs irritierend und staubnüchtern wirken, entfaltet aber nach und nach eine ganz andere Perspektive, aus dessen Winkel man bisher eine Geschichte sicher selten betrachtet hat. Man ist als Leser wie als Hörer zwar mitten im Geschehen, aber nicht direkt involviert, so dass man die Figuren und deren Handeln wesentlich objektiver beurteilen kann.

Womit wir beim auditiven Aspekt wären. Satz für Satz und Wort für Wort; Plot und Inhalt sind in schriftlicher wie vokaler Form identisch. Dafür zunächst Applaus. Das Hörbuch hat dann die Aufgabe - will es, wie berechtigterweise das Buch, positiv rezensiert und besprochen werden - die Atmosphäre stilgerecht ins Phonetische zu übertragen. Dabei kann man Texte aufgrund seiner Stimmgewalt hervorheben (siehe Harry Rohwolt, der Pu den Bären ins Hochliterarische katapultiert), sie nüchtern und sauber eins zu eins darstellen oder aufgrund von übertriebener, maßloser und vor Spucke nur so strotzender Vielsabbelei nahezu unerträglich machen. Und ja, letzteres trifft in diesem Fall zu.

Das Tolle daran ist: Ulrich Pleitgen, der dieses Verbrechen hier begeht, ist mehrfach ausgezeichneter Preisträger fürs Hörbuchsprechen. Und zugegeben, da redet ein Meister, da betont ein Kenner, da schwitzt und lebt, mit jedem Wort, ein Schauspieler und empathischer Weltversteher. Fantastische Sprachmelodie, Betonung, Akzentuierung, alles astrein, alles irgendwie perfekt, geeignet für jede Aufnahmeprüfung an Eliteschulen. Was, ja was, ist denn das Problem? Nun, zum einen das Tempo. Der Roman rast bei Pleitgen dahin wie ein ICE und kollidiert dabei ambivalent mit der Ruhe und Eleganz von Walsers Erzählung. Das ist tragisch und unverzeihlich. Zum anderen, die übertriebene Selbstdarstellung Pleitgens. Auch Rufus Beck, der ja ebenfalls mehrfach als Hörbuchsprecher ausgezeichnet wurde, neigte schon dazu, sich statt des Plots in den Vordergrund zu stellen. Wenn einem also jemand sagt, du bist der Beste, dann glaubt er es soweit, dass er alles andere vergisst. Das ist schade, denn das Buch verdient etwas anderes, als einen sich in den Vordergrund drängenden Schnellsprecher der Extraklasse. Paradox? Irgendwie schon, als Fazit, hier knapp und nüchtern. Toller Roman, toller Sprecher, schlechte Kombination.

Literaturangabe:

WALSER, ALISSA: Am Anfang war die Nacht Musik. Ungekürzte Lesung mit Ulrich Pleitgen. Osterwoldaudio Verlag, Hamburg 2010. CD, 20,99 €.

Weblink:

Osterwoldaudio Verlag


Bookmark and Share

Neu in unserem Buchladen:

 

 Werbung